Wildwuchs

19.000 Studiengänge: Muss das sein?

Von Uwe Marx
 - 11:25

Die Wahl eines Studiums ist schwierig genug, abhängig von Angebot, Vorlieben, Wohnort, Lebensplanung, Erwartungen. Was die Angebotsseite betrifft, ist es zuletzt nicht gerade einfacher geworden. Gerade erst hat das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) die Zahl der Studiengänge in Deutschland für 2017 zusammengerechnet und ist auf die erstaunliche Zahl 19.000 gekommen. Natürlich ließe sich sagen: So erstaunlich ist das gar nicht. Denn das Wachstum ist normal geworden, Jahr für Jahr kommen mehr Studiengänge hinzu – seit dem Jahr 2014 waren es 2000. Ist das trotzdem schon Wildwuchs, wie Kritiker sagen?

Grundlage der aktuellen Zahl war das Online-Portal Studienkompass, ein Angebot der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) für die Suche nach dem passenden Studiengang. Es verriet zudem, dass Fachhochschulen besonders eifrig bei der Entwicklung neuer Angebote sind. Zwar entfiel die Hälfte der neuen Studiengänge auf Universitäten, an denen 60 Prozent aller Studiengänge angeboten werden. Aber die Zuwachsrate seit 2014 war an den Fachhochschulen mit 16 Prozent besonders hoch. Die Universitäten kamen auf 9 Prozent. Bei weiterführenden Studiengängen verzeichneten private Hochschulen sogar ein Plus von knapp 50 Prozent. Als Fächergruppe stach „Medizin/Gesundheitswissenschaften“ mit einem Zuwachs von 25 Prozent heraus.

Dass nur noch rund 20 Prozent der neuen Studiengänge klassische Bezeichnungen wie Chemie oder Physik haben und jeder sechste neue Studiengang ein sogenannter Hybrid- oder Bindestrich-Studiengang aus ehemals getrennten Fächern ist, findet CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele gut. Es geht – neben abgespeckteren Varianten – unter anderem um akademische Neuerungen wie: „Nachhaltige Agrar- und Ernährungswirtschaft“ oder „Culinary Arts and Food Management“.

Hippler: Nicht übertreiben

Ohnehin hat jeder dritte neue Studiengang einen englischen Titel. Ziegele sagt: „Aktuelle Herausforderungen, etwa der Klimawandel, halten sich selten an die klassischen Fächergrenzen der Wissenschaft.“ Folglich hätten disziplinenübergreifende Angebote eine „absolute Berechtigung im Hochschulsystem“.

Andere klingen da schon nachdenklicher: Horst Hippler zum Beispiel, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Einerseits sagt er, es sei ja verständlich, dass Hochschulen heute flexibler auf Veränderungen in der Wissenschaft und der Arbeitswelt reagierten; Hochschulen müssten sich mit neuen Studiengängen auch abgrenzen und auf sich aufmerksam machen dürfen, zumal solche Entscheidungen eben „nicht wildwuchsmäßig von heute auf morgen“ fielen. „Die alten, standardisierten Studienangebote wären heute nicht mehr konkurrenzfähig“, sagt Hippler.

Andererseits mahnt er aber auch, nicht zu übertreiben. „Jede Differenzierung sollte fachlich begründet sein und nicht nur auf Originalität zielen.“ Das gebiete die Verantwortung für die Studenten, „die nicht in eine Sackgasse geführt werden dürfen, die ihnen keinen Zugang zum Arbeitsmarkt eröffnet“. Hippler glaubt ohnehin, dass der Trend zu immer mehr Studiengängen an seine Grenzen stößt. „Das Studienangebot muss für Bewerberinnen und Bewerber durchschaubar bleiben, und die Spezialisierung darf nicht immer weiter voranschreiten.“

Transparenz? Verbesserungsfähig!

Nicolai Müller-Bromley ist Jura-Professor an der Hochschule Osnabrück und Präsident des Hochschullehrerbundes, des Berufsverbands der Professorinnen und Professoren an Fachhochschulen in Deutschland. Er findet die Kritik berechtigt, dass so mancher neue Studiengang seine Existenz allein geschicktem Marketing verdanke. Nach dem Motto: „Wenn klassische Ingenieur-Studiengänge wie Maschinenbau oder Elektrotechnik nicht gefüllt werden können, machen wir daraus eben Umwelttechnologie.“ Trotzdem entsprächen Interdisziplinarität und Spezialisierung den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes.

„Es kann keine Alternative sein, zu Lasten neuer kreativer Studiengänge an den klassischen Disziplinen festzuhalten“, sagt er. Die Transparenz neuer Studienangebote sei für Studenten und für den Arbeitsmarkt mitunter aber verbesserungsfähig. Das weitere Wachstum sieht er entspannt: Der Zuwachs an neuen Studiengängen habe sich in den vergangenen Jahren verlangsamt, und das dürfte sich fortsetzen. Die demographische Entwicklung und der Arbeitsmarkt würden dafür sorgen, dass erfolglose Studiengänge vom Markt verschwinden. „Eine staatliche Steuerung kann diesen Prozess nicht sinnvoll ersetzen“, sagt Müller-Bromley. „Die Diversifizierung der Studienangebote ist ein weltweiter Prozess, dem sich Deutschland weder entgegenstemmen könnte noch sollte.“

Das sieht man an deutschen Spitzenuniversitäten ähnlich. Auch TU9 – der Zusammenschluss der RWTH Aachen, TU Berlin, TU Braunschweig, TU Darmstadt, TU Dresden, Universität Hannover, Karlsruher Institut für Technologie, TU München und Universität Stuttgart – findet gute Gründe für mehr Vielfalt. Die Geschäftsführerin Nicole Saverschek mahnt aber, nicht zu überziehen. Denn die Übersichtlichkeit leide, der administrative Aufwand für die Hochschulen sei enorm und auch der spätere Nutzen für die Studenten mitunter fraglich. Wichtig sei, „dass ein solches Angebot über mehrere Jahre interessant und dementsprechend nachgefragt“ sein sollte. Eine zu enge „Nischenbildung“ erschwere Absolventen den Übergang ins Berufsleben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Marx, Uwe (umx)
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
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