Wissenschaftssprache

Unverständlich schreiben

Von Philipp Alvares de Souza Soares
 - 06:00

Anne Fromm steht kurz vor ihrem Masterabschluss in Soziologie. Das Fach ist berühmt für seine eigenwillige Sprache. Hinter Begriffen wie „Diskurs“ verbergen sich oft seitenlange Reflexionen, Texte von Koryphäen wie Theodor W. Adorno oder Jürgen Habermas gelten als besonders schwere Kost. Anne Fromm musste ihr ganzes Studium über viel lesen, bis zu 300 Seiten in der Woche. Manchmal war sie frustriert. Musste es wirklich so kompliziert sein? Ihr kam es so vor, als versuchten die Autoren, Alltagstheorien so wissenschaftlich wie möglich klingen zu lassen, indem sie sie mit umständlichen Formulierungen vernebelten. „Dabei sind die Aussagen an sich intuitiv verständlich und plausibel“, findet die Studentin.

Der Politikstudent Johannes Uhl teilt Fromms Eindruck. Er hat auch einen Bachelor in Physik gemacht und kann so zwischen den Disziplinen vergleichen. „Bemerkenswerterweise sind es vor allem die Sozialwissenschaftler, die ihre Sprache durch unnötige Phrasen und komplizierte Strukturen aufblähen“, sagt er. Das färbe auch auf die Studenten ab. Uhl hat sich manchmal dabei ertappt, wie er „inhaltsleere Formulierungen“ wie „cum grano salis“ in seine Texte einbaute.

Mauern um die Gedanken bauen

Wissenschaftler bauen mit ihrer Sprache gern Mauern um die eigenen Gedanken; so wirken ihre Texte zumindest auf Außenstehende. Sie setzen Steine in Gestalt von Fremdwörtern, abstrakten Substantiven und Passivkonstruktionen aufeinander, die von Fugen aus langen Schachtelsätzen zusammengehalten werden. Studenten fällt es daher oft schwer, die Lehrbücher und Seminartexte zu verstehen, die sie an der Hochschule lesen müssen.

Das klingt dann zum Beispiel so: „Eine experimentelle Ausschaltung von Erfahrungsmöglichkeiten ist im Tierversuch häufig realisiert worden, beim Menschen gibt es ethische Schranken.“ Sätze wie dieser - er stammt aus einem bekannten Lehrbuch für Entwicklungspsychologie - sind schon sperrig genug, gehören aber noch zu den einfachen Beispielen.

Zu komplex für simple Sprache

Manchmal geht es natürlich kaum einfacher. Die Gedanken, die in vielen wissenschaftlichen Texten stecken, sind so komplex und spezifisch, dass es nicht möglich ist, sie in einer simplen Sprache zu erklären. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften geht es oft um feinste Differenzierungen, die präzise ausgedrückt werden müssen. Aus diesem Bemühen entsteht dann eine verdichtete Sprache, die nur schwer zu verdauen ist. Sie setzt Vorwissen über gängige Theorien oder Fachwörter voraus, denn nicht jeder Aufsatz kann die Grundlagen einer Disziplin neu erklären.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. In manchen Fällen verbirgt der Wissenschaftler hinter seiner nebulösen Sprache bloß Unsicherheit. Oder der Autor will zeigen, dass er zum exklusiven Club der Gelehrten gehört. Manche Forscher formulierten aus Angst undeutlich; sie blieben unscharf, um nicht angreifbar zu sein, sagt Ludwig Eichinger, Präsident des Institutes für Deutsche Sprache in Mannheim. Eine elegante Prosa gelte nichts. „Sie schreiben ja schön.“ Für viele Wissenschaftler gebe es kein schlimmeres Kompliment. „Leider herrscht immer noch das Vorurteil, dass die Komplexität eines Textes mit der Tiefe der Gedanken korrespondiert“, klagt Eichinger.

Oft fehlt der Mut zur Einfachheit

Auch Gabriele Graefen, Germanistin an der Universität München, glaubt, dass sich Wissenschaftler beim Schreiben mehr Mühe geben sollten. Ihnen fehle oft der Mut zur Einfachheit. Kollegen schrieben zum Beispiel „semantische Bedeutung“, obwohl doch die Semantik bereits die Bedeutungslehre sei. „Der Vorteil des Adjektivs ist eigentlich nur, dass es ein Fremdwort ist und nach mehr Kompetenz klingt.“

Studenten ahmen ein solches Imponiergehabe gerne nach. Sie wollen als Neuankömmlinge in der Wissenschaftswelt dazugehören oder glauben, nur so eine gute Note zu bekommen. Wer im Seminar Begriffe wie Hiatus fallen lässt, erntet die respektvoll-ahnungslosen Blicke mancher Kommilitonen. Und zeigt ein lateinischer Fachbegriff in der Hausarbeit nicht, dass man mittlerweile ein Profi ist? Auch Ludwig Eichinger erlag als Student dem Irrtum, dass eine komplizierte Sprache in der Wissenschaft dazugehöre. Heute rät er, sich nicht einschüchtern zu lassen. „Jeder muss seinen eigenen Stil finden.“

Doch es gibt auch viele Beispiel für eine allgemeinverständliche Wissenschaftssprache. Obwohl zum Beispiel die Theorien des Psychoanalytikers Sigmund Freud kompliziert sind, erreichte er mit seinen Werken schnell ein Massenpublikum. Seit 1964 wird deswegen ein nach Freud benannter Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen. Freuds Geheimnis: Er kleidete seine Gedanken in plastische Bilder oder nutzte Analogien aus der griechischen Mythologie, um sie zu erklären. Der Ödipus-Komplex hat es so sogar bis in die Alltagssprache geschafft.

Doch scheinbar fehlt vielen das Bewusstsein für derlei Verständnishilfen. In der derzeitigen Studentengeneration will der Immunologe Ralph Mocikat, Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache, sogar besonders große Formulierungsdefizite ausgemacht haben. „Darunter sind glänzende Experimentatoren, die ihre Ergebnisse aber nicht in Worte umsetzen können.“

Das Schreiben müsste besser geübt werden

Das ist schade, denn auch Professoren und Dozenten wollen von einem Text umworben werden und ihre Studenten verstehen. „In der Wissenschaftswelt wird auf eleganten und verständlichen Stil zu wenig Wert gelegt“, sagt Mocikat. Um komplexe Zusammenhänge auch für Laien zu veranschaulichen, rät er vor allem zu lebendigen Metaphern. Dafür gebe es zahlreiche populäre Beispiele, etwa das schwarze Loch oder die elektromagnetische Welle.

Mocikat findet, dass wissenschaftliches Schreiben mit Studenten und Doktoranden besser geübt werden müsste, in speziellen Kursen und in normalen Lehrveranstaltungen. Dozenten sollten Seminar- und Abschlussarbeiten intensiver betreuen, den Studenten erklären, wie sie sich nicht in unverständlichen Sätzen verheddern. Das sei auch für diejenigen wichtig, die später nicht an der Universität arbeiteten. Außerhalb dieser geschützten Welt verstehe sie sonst erst recht kaum einer.

„Sprechautomaten“ vermeiden

Der Historiker Valentin Groebner gibt Schreibkurse an der Universität Luzern und hat seine Erfahrungen in einem Buch veröffentlicht. Er rät Studenten, verführerisch-abgehobenen Fachbegriffen zu widerstehen und sie nur zu verwenden, wenn man sie in eigenen Worten erklären kann. Reflexivität, Kontrastierung, Realisierbarkeit - solche „Sprechautomaten“ gelte es zu vermeiden. Sie machten Texte schwergängig und tauchten oft genau dann auf, wenn der Autor nicht genau wisse, was er sagen wolle. Groebner empfiehlt, sich Autoren als Vorbilder zu suchen, deren Texte man besonders gerne liest.

Wie man es nicht machen sollte, war gerade in dem Gutachten zu lesen, in dem Bildungsministerin Annette Schavan unterstellt wird, in ihrer Doktorarbeit nicht sauber zitiert zu haben: „Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren.“ Nicht wenige mussten das sicher dreimal lesen.

Quelle: F.A.Z.
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