Gründerserie

Zwei wagemutige Männer und ihre redenden Kisten

Von Martin Gropp
 - 06:21

Vielleicht würde Patric Faßbender heute einer anderen Beschäftigung nachgehen, wenn seine beiden Töchter etwas ordentlicher gewesen wären. Dabei scheiterte Faßbenders Nachwuchs lediglich an einer Tätigkeit, die auch Erwachsene herausfordert: CDs nach dem Hören wieder in die passende Hülle zu stecken. Oft landeten die Silberscheiben mit Geschichten oder Kinderliedern auf dem Fußboden und zerkratzten. „Ich bin ein sehr digitaler Mensch“, sagt Faßbender. Nichts hätte ihm also näher gelegen, als die physischen Tonträger durch eine digitale Version zu ersetzen.

Dafür fehlte Faßbender die passende Technik, ein kindgerechtes Abspielgerät. Smartphones oder Tabletcomputer der Eltern zählen für ihn eher nicht dazu, weil sie zu schwer zu bedienen seien und nicht den Kindern selbst gehörten. So ersann der Grafikdesigner vor gut vier Jahren die Idee für die „Toniebox“, die er und sein Mitgründer Marcus Stahl heute als „digitales Soundsystem“ für Kinder aus einem Hinterhofgebäude im Düsseldorfer Stadtteil Wehrhahn vertreiben. Die Basis ist ein etwa handkantenlanger Würfel mit Lautsprecher und Akku. Der Akku soll bis zu sieben Stunden lang halten. Einen CD-Schlitz oder ein Kassettenfach hat der Würfel nicht, dafür einen acht Gigabyte großen Speicher, der mehr als 400 Stunden Inhalte aufnehmen kann – von Hörspielen bis zu Musik.

Damit die Audiodateien im Speicherformat Opus überhaupt auf der Festplatte landen, braucht es jedoch die zweite Produktkategorie von Stahl und Faßbender. „Hörfiguren“ nennen sie die fünf bis acht Zentimeter hohen Skulpturen. Es sind Wiedergänger der Helden aus den Kindergeschichten – vom liebenswerten Monster Grüffelo über Dauerbrenner wie den sprechenden Elefanten Benjamin Blümchen bis zum Räuber Hotzenplotz oder der Kleinen Hexe, den Protagonisten aus den gleichnamigen Kinderbuchklassikern Otfried Preußlers.

Ein Chip in jeder Figur

Faßbender und Stahl haben sich als Lizenznehmer von den Eignern die Nutzungsrechte für die jeweiligen Inhalte und die Figuren gesichert. Das war auch deshalb möglich, weil sie eine echte Neuheit auf den Markt bringen, die sie über Patente abgesichert haben: In jeder Figur steckt ein batterieloser Funkchip, der dem Würfel signalisiert, welchen Inhalt er ausgeben soll. Der Chip ist vergleichbar mit der Start-Stopp-Taste eines herkömmlichen Abspielgeräts. Nur wenn die Figur auf dem Würfel steht, läuft die Geschichte los. Wird sie entfernt, stoppt die Wiedergabe. Während des ersten Anhörens lädt der Würfel den entsprechenden Inhalt über eine Funkverbindung aus dem Internet herunter. Ist er gespeichert, kann er ohne aktive Netzverbindung abgespielt werden.

Wer so Geschichten in die Zimmer seiner drei bis zehn Jahre alten Kinder bringen will, muss zuerst investieren. Rund 80 Euro verlangen Stahl und Faßbender für die Grundausstattung aus der in China gefertigten Box und einer ersten Geschichte. Handelsübliche CD-Spieler für Kinder gibt es mitunter für weniger als die Hälfte. Die in Tunesien hergestellten Hörfiguren kosten je nach Inhalt und Länge zwischen 12 und 15 Euro – etwa zwei- bis dreimal so viel wie dieselbe Geschichte auf einer Audio-CD. Die Gründer machen keinen Hehl daraus, dass ihr Geschäft vor allem läuft, wenn sie Figuren verkaufen. Anders als bei Druckerherstellern oder Rasierapparatproduzenten seien die Kernprodukte, also die Abspielboxen, zwar nicht subventioniert, sagt Stahl. „Die höheren Margen stecken aber in den Figuren.“

Die vergleichsweise hohen Preise scheinen Käufer nicht abzuschrecken. Nach eigenen Angaben haben Faßbender und Stahl seit dem Marktstart im September 2016 mehr als 90.000 Boxen über Spielzeugläden, den Buchhandel oder Elektronikmärkte verkauft. Gerechnet hatten sie mit rund 20.000 Stück. Dazu kommen mehr als eine Million Hörfiguren. Für das laufende Jahr peilen sie 13 Millionen Euro Umsatz an. 2018 soll die Zahl der verkauften Boxen auf 200.000 Stück steigen und die dahinter stehende Boxine GmbH mit ihren inzwischen gut 40 Mitarbeitern soll „hochprofitabel“ wirtschaften.

Es gibt sogar schon Zubehör

Dass die redenden Kisten offensichtlich einen Nerv treffen, zeigen nicht nur die Geschäftszahlen oder gewonnene Designpreise. Auf Dawanda, einer Internetplattform für Selbstgemachtes, bieten umtriebige Drittanbieter inzwischen Zubehör an: von Taschen bis zu Namensaufklebern, mit denen sich die Boxen individualisieren lassen. Dazu kommen mehrere Diskussions- und Nutzergruppen im sozialen Netzwerk Facebook mit bis zu 10.000 Mitgliedern, die sich rege über die Produkte austauschen.

Um all das zu erreichen, haben die beiden Gründer ihre angestammten Berufe aufgegeben. Der 47 Jahre alte studierte Grafikdesigner Faßbender hat bis zur Idee als Kreativdirektor einer Werbeagentur gearbeitet. Der 50 Jahre alte Stahl war als Elektrotechnikingenieur für verschiedene Unternehmen aus der Auto- und der Telekommunikationsindustrie tätig. Beide bereuen es nicht, sich selbständig gemacht zu haben. „Was wir heute machen dürfen, ist ein Geschenk“, sagt Stahl, auch weil er es seinen Töchtern viel leichter erklären könne als seine vorherigen Tätigkeiten. „Wir wollen das bis zur Rente machen.“

Damit das klappt, denken Faßbender und Stahl weiter. Sie wollen ins nicht-deutschsprachige Ausland expandieren. Mittelfristig auf der Liste stehen weitere Produkte. Das einfache Bedienkonzept ihrer Abspielgeräte könnte nicht nur für Kinder Sinn ergeben, sondern auch für Demenzpatienten oder Menschen nach einem Schlaganfall oder mit multipler Sklerose. Eines wollen sie bei allem Wachstum aber nicht aufgeben: ihren Kindern auch leibhaftig Geschichten zu erzählen. „Ich lese jeden Abend vor“, sagt Stahl. „Wir haben auch nicht den Anspruch, das ersetzen zu wollen.“ Solange möglichst viele Menschen jedoch auch vorlesen lassen, dürfte das den beiden Gründern ebenso recht sein.

Quelle: F.A.Z.
Martin Gropp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Martin Gropp
Redakteur in der Wirtschaft.
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