Gründerserie

Mozart digital

Von Carolin Wilms
 - 08:41

Ich hatte für die Klavierstunde nicht geübt“, sagt Ulrich Halfter, Gründer und Geschäftsführer des Start-ups Scorefab. „Damit hatten wir viel Zeit, über andere Dinge zu sprechen.“ Statt Vierklänge zu üben, entstand mit seinem Klavierlehrer Lukas Heinig die Idee, Notenblätter überall verfügbar, gut lesbar und leicht zugänglich zu machen.

Was einfach scheint, hat Generationen von Musikern viel Mühe und manchmal auch Nerven gekostet: Denn sind die Notenblätter endlich zusammengestellt, bleiben sie irgendwo liegen oder fallen gar beim Umblättern runter. Vor allem Korrepetitoren, die am Klavier mit Künstlern Stücke einüben, tragen gleich Bündel von Musiknoten mit sich und müssen zwischen verschiedenen Stellen im Werk hin- und herspringen.

Große Orchester leihen bei den Musikverlagen die Noten für alle Instrumente aus. Von diesen Notenblättern dürfen für das Konzert Arbeitskopien gemacht werden, welche die Musiker mit eigenen Notizen versehen können. Musikschulen schließen mit den Verwertungsgesellschaften Pauschalverträge ab, die ihnen erlauben, im vereinbarten Rahmen Vervielfältigungen herzustellen. Der Rest ist eine Grauzone, die sich zwischen Raubkopie und lizenzfreien Kopien bewegt.

„Erst mal ganz naiv“

Die Lösung für diese praktischen als auch rechtlichen Schwierigkeiten sah das Duett von Klavierschüler Halfter und Lehrer Heinig in der Kooperation mit den Musikverlagen, um deren Noten in digitalisierter Form auf einer Plattform bereitzustellen. „Von Anfang an wollten wir mit dieser Idee ein Unternehmen gründen, hatten davon aber keine Ahnung“, erinnert sich Halfter. Sie wendeten sich an das Gründernetzwerk der Technischen Universität Chemnitz (TUC). „Und gingen erst mal ganz naiv dahin“, sagt Halfter, der als TUC-Absolvent für Angewandte Informatik zu der Zeit am dortigen Fraunhofer-Institut in der Softwareentwicklung arbeitete.

Durch den fast zweijährigen Austausch in dem Netzwerk gewann ihre Idee Kontur: Aus der anfänglichen Vorstellung wurde ein Geschäftsmodell. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre an der TUC unterstützten die angehenden Gründer, nannten ihnen Ansprechpartner und halfen mit, die Finanzierung sicherzustellen: zunächst durch das Gründerstipendium Exist und anschließend durch das Technologiegründerstipendium der Sächsischen Aufbaubank. Im Gründernetzwerk lernten sie zwei Gleichgesinnte kennen und gründeten im August 2017 das Start-up „Scorefab“, wobei das englische Wort „score“ übersetzt Partitur bedeutet.

Das Gründerquartett ist zwischen 30 und 40 und teilt die Leidenschaft für Musik: Die Kommunikationswissenschaftlerin Josephin Hartmann aus Jena spielt Klavier und ist bei Scorefab für das Marketing zuständig. Der Leipziger Wirtschaftsingenieur Alexander Wolf verantwortet die wirtschaftlichen Belange und spielt in seiner Freizeit Gitarre. Klavierlehrer Heinig berät Scorefab mit seiner musikalischen Expertise als studierter Musiker und Konzertpianist, während Halfter die Anwendungen programmiert, mit denen die dynamische Notendarstellung auf den Endgeräten möglich wird.

Bloß nicht an der schwierigsten Stelle umblättern

Grundlage für seine Programmierung ist das maschinenlesbare Format der Musiknoten, das die Musikverlage seit mehr als zwanzig Jahren für die eigene Drucklegung vorhalten. Mit Hilfe einer Darstellungsbibliothek werden die Noten automatisch der Bildschirmgröße des Anzeigegerätes angepasst, die Produktinnovation von Scorefab. Es wird darauf geachtet, dass Seitenumbrüche, die durch das Lektorat der Verlage bereits sorgsam austariert wurden, nicht verlorengehen, denn kein Musiker möchte an der schwierigsten Stelle des Stücks die Seite umblättern. Hingegen müssen die bislang üblichen PDF-Blätter – als bloße Bilder – immer wieder neu in die erforderliche Größe gezoomt werden.

Scorefab ist dabei, mit den Musikverlagen Kooperationsverträge abzuschließen. Davon haben beide etwas: Scorefab kann eine möglichst große Anzahl an Komponisten, Werken und Stilrichtungen anbieten, und die Verlage erschließen sich auf diese Weise einen weiteren Vertriebsweg. Auf den Digital-Zug sind bereits einige namhafte Verlage aufgesprungen und bieten Apps an, über die sie aber ausschließlich ihre eigenen Noten vertreiben. „Scorefab versteht sich als Aggregator, der Notenmaterial sammelt und den verschiedenen Nutzergruppen anbietet“, sagt Halfter. Der große Wissensschatz der Notenwarte oder die sachkundige Beratungsleistung der Musikalienhändler wird bei Scorefab abgelöst durch Suchfunktionen, mit denen die Musiker etwa per „Schwierigkeitsstufe“ Werke aus dieser Vielfalt auswählen können, die vielleicht nicht zum üblichen Repertoire zählen. „Es gibt unzählige Schätze, die auf diese Weise gehoben werden können“, erklärt Halfter. Denn nicht jedes Werk wird regelmäßig gedruckt und steht im Laden.

Auch Noten sind so leichter wiederzufinden, und ähnlich wie bei Tonträgern kann der Kunde auch einzelne Titel kaufen und auf sein Tablet runterladen statt des ganzen Liederbuches. Noch sind die „digital natives“, also die Generation, die mit Nutzung von Computern selbstverständlich aufwächst, unter den Musikern in der Minderheit. Doch der Umbruch ist im Gange. Junge, herausragende Künstler wie Michael Barenboim spielen von digitalen Endgeräten. „Auch in der Jazzmusik sind Digitalnoten verbreitet“, weiß Halfter.

Die Seiten werden mit dem Fuß umgeblättert. Scorefab hat dafür ein batterieloses Pedal entwickelt. Den Gebrauch muss man üben, vor allem weil der Pianist den linken Fuß mitunter zum Dämpfen des Tones am Klavier braucht.

Orchester können effizienter werden

Die digitale Bereitstellung der Noten bietet auch für Orchester Möglichkeiten, effizienter vorzugehen. In Zusammenarbeit mit der Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie wurden verschiedene Funktionen entwickelt und getestet: Einzelne Solostimmen können zu- oder weggeschaltet werden, der Dirigent kann die Partitur ändern, und dies ist sofort bei allen Musikern sichtbar, individuelle oder Gruppennotizen sind möglich, auch können Nutzer die Werke in eine andere Tonart übertragen. „Leider hinkt die Hardware hinterher“, bedauert Halfter. „Tablets in DIN-A4-Größe sind noch nicht für jeden Musiker erschwinglich.“

Scorefab will im Sommer 2018 mit seiner Grundversion in den deutschen Markt eintreten, immerhin hat ein Fünftel der Bevölkerung einen musikalischen Hintergrund. Die Skalierbarkeit des Unternehmens liegt in der angedachten Internationalisierung. Derzeit steht die nächste Finanzierungsrunde an. Mit Investoren, die das Wachstum der nächsten zwei bis drei Jahre finanzieren, sei man bereits im Gespräch.

Quelle: F.A.Z.
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