Gründerserie

Ein Paradies der schönen Klänge

Von Marcus Theurer
 - 06:23

Es begann vor ein paar Jahren mit einer Reise nach Japan. „Ich hatte von diesen Bars gehört, die es dort gibt und in denen sich alles um Musik dreht“, erzählt Paul Noble. Die Musikanlage und der Klang sind gut, DJs legen auf, aber es gibt keine Tanzfläche. Die Leute sitzen einfach nur da, mit einem Getränk in der Hand und genießen den Klang, der aus teuren Lautsprechern den Raum erfüllt. Noble ging hin und war begeistert. „Das war so inspirierend, das wollte ich auch machen“, sagt der Brite.

Es blieb nicht bei einem Traum. An einem Herbstnachmittag sitzt der Unternehmensgründer in seiner Musikbar Spiritland in der Nähe des Londoner Bahnhofs King’s Cross. Der Name ist etwas irreführend, denn an der Theke werden zwar auch Spirituosen ausgeschenkt, aber was er schaffen wollte, war genauso ein Paradies der schönen Klänge, wie er es in Japan erlebt hatte. „Eine Art, Musik zu hören, wie es sie in London bisher nicht gab“, erklärt Noble.

Das vor einem Jahr eröffnete Spiritland ist eine Bar, die quasi um eine Stereoanlage herum gebaut wurde. Wobei der Begriff Stereoanlage dem gewaltigen Lautsprechergebirge, das an der Rückwand des Raumes aufragt, nicht wirklich gerecht wird. Gut eine halbe Million Pfund hat dieses Einzelstück gekostet. „Musik in dieser Qualität können normalerweise nur Oligarchen in ihren Villen in Kensington hören“, sagt Noble und grinst. Alles vom feinsten.

Betont entspannte Atmosphäre

Die Anlage ist eine Art paneuropäisches All-Star-Team: Die Lautsprecher stammen vom britischen Hersteller Living Voice, die Röhrenverstärker von der italienischen Manufaktur Atelier du Triode, der Plattenspieler, dessen Teller so dick ist wie die Tresortüren der Bank von England, von einem slowenischen Lieferanten namens Kuzma. Es gibt auch eine betagte Tonbandmaschine der Schweizer Marke Revox, die vor 40 Jahren der Stolz jedes Hifi-Enthusiasten gewesen wäre.

Die Klangqualität ist so gut wie die Anlage, aber die Lautstärke ist gedämpft. Die Atmosphäre in der Bar ist betont entspannt. Bei der Einrichtung dominiert nüchterner Retro-Schick, vom Holzfurnier der Lautsprecher und der Wandvertäfelung bis zu den froschgrünen Polsterstühlen. Abends legen DJs auf. „Dann ist die Musik lauter, aber nicht so laut, dass man sich nicht mehr unterhalten kann“, erklärt Noble. Gespielt wird fast alles: „Jazz, Soul, Country, Reggae, Rock, manchmal Klassik“, sagt er. „Nur keine Musik aus den aktuellen Popcharts.“ Auf der Karte stehen Cocktails und Sandwiches.

Der Schriftsteller Nick Hornby („High Fidelity“) sei ein Stammgast, berichtet Noble. Jarvis Cocker, Sänger der Britpopband Pulp, hat hier in diesem Jahr schon aufgelegt, Bands wie The XX, Gorillaz und Depeche Mode stellten im Spiritland ihre neuen Alben der Öffentlichkeit vor. Die Deutsche Bank und andere Unternehmen haben die hippe Musikbar ebenfalls für Veranstaltungen angemietet. Auch jetzt, am Nachmittag, sitzen Geschäftsleute mit aufgeklapptem Notebook an den Tischen, daneben Studenten der Kunsthochschule Saint Martins, die gleich nebenan ist.

Früher war der Gründer Toningenieur

„Ich liebe einfach Musik“, sagt Noble, der früher als Toningenieur für den Radiosender BBC gearbeitet und später für den Verlag des britischen Lifestyle-Magazins „Monocle“ einen Internetradiosender aufgebaut hat. Ob das Konzept eines solchen urbanen Rückzugsortes für Musikliebhaber nicht nur in Tokio, sondern auch in London ankommt, das hat er vorher in einem umfunktionierten Nebenraum einer Kneipe im Ausgehviertel Shoreditch ausprobiert. Die Gäste mochten es.

Noble tat sich mit zwei Partnern aus der Gastronomie zusammen, eine kleine Gruppe privater Geldgeber beteiligte sich ebenfalls. Insgesamt habe man einen siebenstelligen Betrag investiert, sagt er. Aber die Finanzierung ist nicht das Problem gewesen. „Die größte Herausforderung für uns war es, die richtigen Räume zu finden.“

Nur rund 220 Quadratmeter groß ist die Bar, die eher versteckt in einem umgebauten historischen Stallgebäude untergebracht ist. In der Gegend nördlich des Bahnhofs King’s Cross ist in den vergangenen Jahren viel gebaut worden. Die Zeitung „The Guardian“ hat hier ihre Zentrale, der Internetkonzern Google will eine große Niederlassung beziehen.

Für Noble ist seine Musikbar bloß der Anfang. Gerade haben er und seine Partner im feinen Londoner Stadtteil Mayfair eine „Spiritland Headphone Bar“ eröffnet. In dem Viertel haben viele Hedgefonds ihre Büros, die Finanzjongleure können in dem Geschäft in der Mittagspause Luxus-Kopfhörer für 4000 Pfund das Stück kaufen. Noble würde gern auch einen großen Club eröffnen, in dem, anders als in der Londoner Bar, getanzt wird. „Wir suchen dafür Standorte in Europa“, sagt er. Berlin kann er sich gut vorstellen, Frankfurt findet er auch gut. „Spiritland, das ist nicht nur dieser Ort hier“, sagt er. „Wir wollen eine Musikmarke aufbauen.“

Quelle: F.A.Z.
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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