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Gründerserie

Ein Foto-Marktplatz für die Smartphone-Welt

Von Philip Plickert
 - 06:57
Florian Meissner (Zweiter von links) inmitten seiner Mitgründer Gen Sadakane, Ramzi Rizk und Lorenz Aschoff. Bild: Matthias Lüdecke, F.A.Z.

Am Anfang stand der Kamera-Diebstahl. Florian Meisner war gerade nach New York, ins Mekka der Fotoindustrie, gekommen und hoffte, Karriere als Fotograf zu machen. Doch dann wurde ihm in der U-Bahn die teure Ausrüstung geraubt. Eine Kamera für mehrere tausend Euro war weg. Als ihm ein Freund als Ersatz ein Smartphone lieh, entdeckte Meissner eine neue Welt: die schnell wachsende Welt der Handy-Fotografie. Und dann begann er mit drei Freunden eine Unternehmerkarriere. Sie entwickelte die Internet-App EyeEm für Hobbyfotografen.

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Sieben Jahre nach der Gründung hat das EyeEm-Netzwerk mehr als 22 Millionen Nutzer. Gut eine Million bieten ihre Bilder auf der Plattform auch zum Verkauf an. Der Umsatz des Unternehmens liege schon im unteren zweistelligen Millionenbereich, sagt Meissner. Anfangs ähnelte das EyeEm-Angebot dem sozialen Netzwerk Instagram, wo vor allem junge Menschen Bilder mit ihren Freunden teilen und kommentieren. Doch mehr und mehr entwickelt sich EyeEm zu einer professionellen Bilderdatenbank, die Fotos weltweit vertreibt. Zu den Kunden zählen auch Weltkonzerne wie die Bildagentur Getty Images oder die Unternehmensberatung Boston Consulting Group. „Wir sind von einer Nischen-Foto-App zu einem der führenden Bildagenturnetzwerken der Welt aufgestiegen“, sagt der heute 32 Jahre alte Meissner selbstbewusst.

Im Berliner Büro in einem Altbaukomplex in Kreuzberger Hinterhöfen nahe dem Kottbusser Tor sieht es aus wie in so vielen Start-up-Buden, die in der Hauptstadt wie Pilze wachsen. Bunt gestrichene Treppenhäuser, große Räume im Industriedesign mit langen Tischen und Computerplätzen. In einer Ecke sitzen junge Leute auf Bänken, trinken Fritz-Kola, essen Äpfel und tippen auf Laptops. Gesprochen wird Englisch, schließlich kommen die Mitarbeiter aus 22 Nationen. Das sieht man auch an den Namen der drei Mitgründer: Lorenz Aschoff, Gen Sadakane und Ramzi Rizk. Mittlerweile 75 Mitarbeiter hat das junge Unternehmen. Neben Berlin gibt es ein zweites Büro in New York. EyeEm wird als eines der interessantesten deutschen Startups der vergangenen Jahre gehandelt.

Bilderkennung durch künstliche Intelligenz

26 Millionen Dollar haben Risikokapitalgeber schon in das Unternehmen investiert. Einer der ersten war der Schweizer „Business Angel“ Christophe Maire. Den größten Betrag, nämlich 18 Millionen Dollar, gaben 2016 der deutsch-amerikanische Hightech-Unternehmer und Facebook-Mitgründer Peter Thiel sowie die Beteiligungsgesellschaft Earlybird Wellington Partners. Die Zeichen bei EyeEm stehen auf rasantem Wachstum: „In den vergangenen zwei Jahren haben wir den Umsatz jeweils gut verdoppeln können, das soll so weitergehen“, sagt Meissner, der in Berlin, London und Wien BWL und zusätzlich Fotografie studiert hat.

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Ganz unbescheiden formuliert er als „kurzfristiges Ziel: profitabler Weltmarktführer im Bereich Bilderkennung und Bildagenturen zu werden“. Dabei helfen soll der technologische Clou seines Unternehmens: eine ausgefeilte Bilderkennungssoftware, die bei der Sortierung und Archivierung der Bilderflut hilft. Die größte Herausforderung ist nämlich, die Millionen Fotos auf der Plattform sinnvoll zu ordnen. Das geht über Schlagworte, welche eine spezielle Bilderkennungssoftware vorschlägt. Entwickelt hat diese das Schweizer Start-up Sight.io mit seinem Chefprogrammierer Appu Shaji. EyeEm hat das Spinoff der Universität Lausanne 2014 aufgekauft. In puncto Bilderkennung durch Künstliche Intelligenz seien sie nun so weit, „dass wir es mit Großen wie Google und Apple auf diesem Gebiet aufnehmen können“, sagt Meissner.

Zur Demonstration macht er ein Foto einer Kaffeetasse: Sofort erkennt die Software, worum es geht: Coffee Cup, Stillleben, männliche Hand, Frühstück – so lauten die vorgeschlagenen Schlagworte. Das funktioniert auch mit Bauwerken, Landschaften, Tieren oder mit Regentropfen auf einer Scheibe. Während andere Bildagenturen mühsam von Hand die Bildbeschreibung tippen, geht das bei EyeEm automatisch. Das spart enorm viel Kosten und Zeit. „Wir können praktisch in Echtzeit Bilder liefern“, sagt Meissner. Seit einiger Zeit bestehen Kooperationen mit Getty Images sowie Adobe Stock und Alamy.

Harte Konkurrenz

Auf dem Feld der Foto-Marktplätze gibt es harte Konkurrenz. Wichtige Wettbewerber sind Shutterstock und iStockphoto. Hochwertige Fotos gibt es auch bei Flickr und 500px. Wie sich EyeEm unterscheiden will? „Wir bieten keine gestellten Szenen und Symbolbilder von der Stange, sondern authentische, frische Bilder aus dem richtigen Leben“, sagt Meissner. Unternehmen, die Bilder in Auftrag geben, bekämen in kürzester Zeit Tausende Einsendungen aus aller Welt. Chefprogrammierer Appu Shaji will eine Software entwickeln, die „ästhetisch“ denkt, also Schönheit und Anspruch der Bilder erkennt. Zumindest kann sie heute schon technische Qualität erkennen, also Schärfe und Kontraste. Und auch die Bildkomposition versucht sie zu beurteilen. So sollen die „besten“ Bilder mit den höchsten Verkaufschancen ausgewählt werden.

EyeEm ist durch eigene Stärke gewachsen, hat aber auch von Fehlern der großen Konkurrenz profitiert. Als vor vier Jahren Instagram, gerade für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft, die Nutzerbedingungen ändern und den Usern ihr Copyright an den Bildern abnehmen wollte, gab es einen Sturm der Empörung. Hunderttausende Nutzer wechselten zu EyeEm. 2013 hatte die Plattform zehn Millionen registrierte Nutzer. Heute sind es gut 22 Millionen, je ein Drittel davon in Amerika, in Europa und in Asien. Ein Großteil der Nutzer sind wohl Amateure, doch auch Profifotografen nutzen inzwischen EyeEm, um Kunden zu finden. Je nach Nutzungsart kosten die Bildlizenzen 20 Euro, 50 Euro oder 250 Euro. Die Erlöse je Bild werden hälftig geteilt zwischen den Fotografen und EyeEm.

Auf der Plattform sind mittlerweile mehr als 100 Millionen Fotos eingestellt, Landschaftsbilder und Stadtansichten, Strände und Reisefotos, Straßenszenen und Porträts, Kinder und Tiere. Man findet Schwarzweißbilder und Modefotografie, Architektur, Sportler- und Musikerbilder. Auch Skurriles und Bewegendes, etwa das Bild einer krebskranken indischen Mutter mit ihrem Sohn in der leergeräumten kahlen Wohnung. Das erschütternde Foto kam im vergangenen Jahr im EyeEm-Wettbewerb unter 270.000 Einsendungen auf den ersten Platz.

Neben der Online-Plattform organisiert EyeEm auch Ausstellungen und gibt eine Foto-Zeitschrift heraus. In neuesten Heft hat erstmals die Computersoftware ihre Favoriten herausgesucht. Allerdings zeigt sich: Die von den Fotografen bestimmten Lieblingsbilder bekamen meist mehr „Likes“ als die Auswahl des Computers. Es ist wohl noch ein weiter Weg, bis Software wirklich „ästhetisch“ denken kann.

Quelle: F.A.Z.
Philip Plickert
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.
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