Gründerserie

Die Welt-Checker

Von Rüdiger Köhn
 - 09:04

Es kann vorkommen, dass eine Einspritzpumpe von Bosch auf dem Weg von einzelnen Bestandteilen bis zum Endprodukt 40.000 Kilometer um den Globus reist. Und das Phänomenale, sagt Heiko Schwarz von Riskmethods, sei, dass sich das rechnet. So läuft es auf der Werkbank namens Welt. Die Globalisierung hat ein gigantisches Netzwerk von Produktionsstätten, Zulieferern und Sublieferanten hervorgebracht, mit endlosen Transporten über Meere, Schienen, Straßen oder in der Luft. Die Beschaffungskette des Siemens-Konzerns umfasst mehr als 90.000 Lieferanten aus 170 Ländern. Der Technologiekonzern dreht ein riesiges Rad: Rund 40 Milliarden Euro, fast die Hälfte seines Umsatzes, fließen in den Einkauf.

Doch nur ein Element in einem austarierten System eines Produktionsunternehmens genügt, um das ganze System aus den Angeln zu heben; sei es die Pleite eines kleinen Lieferanten in einer Kette von Zulieferern; seien es durch Erdrutsche blockierte Verkehrswege, zerstörte Infrastruktur durch Erdbeben oder Brände, Piraterie oder politische Unruhen. Zu unberechenbaren Wetterlaunen und Naturkatastrophen oder plötzlichen Revolten kommen sich ständig ändernde nationale Gesetzesvorschriften und Regeln hinzu.

Für Unternehmen gibt es viel zu beachten, am besten in Echtzeit. Doch das ist meist nicht der Fall. Den Wust von existentiell wichtigen Informationen glauben Heiko Schwarz und sein Kompagnon Rolf Zimmer durch eine von ihnen entwickelte Risikomanagement-Software in den Griff zu bekommen. „Wir sammeln Unmengen von Daten aus offiziellen Quellen sowie aus dem World Wide Web und füttern unsere Kunden ausschließlich mit den für sie relevanten Informationen“, sagt Zimmer. „Wir können einen Überblick über die gesamte Lieferkette von der Quelle bis zum Abnehmer verschaffen, von Lieferanten über Sublieferanten bis hin zu Verteilzentren.“ Es ist ein vollautomatisiertes System, in das Kunden keine eigenen Daten einbringen müssen. Nötig sind nur Name und Adresse der Lieferanten.

„Möglichst schnelle Reaktionszeit“

Wie das System wirkt, zeigt ein Beispiel. Mitte vergangenen Jahres kam es in Rotterdam zu einer Explosion in einer Raffinerie von Shell, die zu einer Produktionsunterbrechung für wichtige Basis-Chemikalien über sechs Wochen und damit zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Lieferfähigkeit etwa für Naptha führte. Binnen 24 Stunden nach dem Vorfall war das deutsche Unternehmen Stockmeier Chemie durch das Frühwarnsystem von Riskmethods alarmiert. Der Hersteller von Reinigungsmitteln sicherte sich die Beschaffung von zwei Basisprodukten, darunter Naptha, aus anderen Quellen zu unveränderten Preisen für die folgenden Wochen – noch vor der Bekanntgabe eines tatsächlichen Produktionsstopps (Force Majeure) durch Shell. Kurz darauf schnellte der Preis für Naptha um bis zu 15 Prozent nach oben, wo er dann die nächsten Wochen verharrte. „Es geht um eine möglichst schnelle Reaktionszeit, sollte ein unvorhersehbares Ereignis eingetreten sein“, sagt Heiko Schwarz. „Das System kann in einer Krise oder bei einem Lieferausfall alternative Beschaffungswege aufzeigen, um den Schaden zu begrenzen“, ergänzt Rolf Zimmer.

2013 haben sie Riskmethods gegründet. Mit Analysen gewaltiger Datenmengen (Big Data) und mit Künstlicher Intelligenz haben die Technologie-Fachleute ein System entwickelt, mit dem Kunden über externe Netzwerke (Cloud) fast in Echtzeit auf aufgetretene Schwierigkeiten reagieren können. Die Datenquellen reichen von allgemein zugänglichen Zeitungs- oder Internetberichten aus den entferntesten Regionen, Mitteilungen von örtlichen Behörden über Wetterdaten und Informationen der Wirtschaftsauskunftei Creditsafe bis hin zu Analysen des Rückversicherers Munich Re, der über eine umfassende Expertise zu Naturkatastrophen und -szenarien verfügt. Mit dem ganzheitlichen Ansatz des Risikomanagements der Lieferkette (Supply Chain Risk Management) entsteht nicht nur Transparenz über Gefahren, sondern auch ein Frühwarnsystem.

Für ein neues Unternehmen, das sich immer noch als Start-up bezeichnet und erst vor einem Jahr 13,5 Millionen Euro aus einer Serie-B-Finanzierung erhalten hat, verfügt Riskmethods schon über eine beachtliche Kundenliste: Daimler, Siemens, Osram, Leica Camera, Bosch Siemens Hausgeräte und deren Eigentümer Bosch. Der ist nicht nur einer der größten Auftraggeber, sondern hat in der Startphase eine wichtige Rolle gespielt. Schwarz und Zimmer probierten ihr System bei Bosch aus. Nach drei Monaten Testphase habe sich gezeigt, dass die Risikomethode 85 Prozent mehr Warnhinweise gegeben habe als das Netzwerk von Bosch, sagt Schwarz. „Durch unsere Alarmmeldungen wird im Schnitt um 1,5 Tage früher auf Zwischenfälle reagiert.“

Das erste Produkt war schon ein halbes Jahr nach Gründung fertig

Klassische Start-upler sind Schwarz, 41 Jahre, und Zimmer, 46 Jahre, längst nicht mehr, zumal sie ein Unternehmen mit 110 Mitarbeitern führen. Zusammen bringen sie 30 Jahre Berufserfahrung mit. Heiko Schwarz ist Betriebswirt und kann nach eigenem Bekunden „keine Zeile Software“ schreiben. Das übernimmt Wirtschaftsinformatiker Rolf Zimmer. Er hat seit jeher im Beruf viel mit IT zu tun gehabt, fing als Einkaufscontroller bei Siemens an. Schwarz hat zuvor bei Atoss, später bei dem Start-up Emptoris gearbeitet, einem Softwareanbieter für Beschaffungen. Dort war er für das Lieferantenmanagement zuständig. Emptoris wurde 2011 von IBM übernommen, wo Schwarz schließlich Zimmer kennenlernte.

Schon ein halbes Jahr nach Gründung von Riskmethods hatten die beiden im Juni 2013 ihr erstes Produkt fertig. Sie tüfteln weiter. Immer mehr spielt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine Rolle. „Mittlerweile bauen sich die Suchalgorithmen selber auf, womit sich das Warnsystem automatisch erweitern kann“, sagt Zimmer. Vor einem Risiko kann Riskmethods indes nicht schützen: „Einem Unternehmen kann es nicht nur darum gehen, die Kosten herunterzuprügeln“, sagt Heiko Schwarz. „Es muss um Lieferfähigkeit, Zuverlässigkeit, Kundenzufriedenheit und um Wettbewerbsfähigkeit gehen.“ Das scheint nicht überall ins Bewusstsein vorgedrungen zu sein. „Viele Unternehmen sparen an allen Ecken und Enden, um dann Geld für Feuerlöscher auszugeben.“

Quelle: F.A.Z.
Rüdiger Köhn
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.
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