Gründerserie

Passender Luxus für Kinder

Von Michaela Seiser
 - 08:53

Wer zu Woom will, findet sein Ziel nur mühsam. Das Gewerbegebiet in Klosterneuburg in der Nähe von Wien ist eine Art Labyrinth mit vielen containerartigen Hallen. In einer davon arbeiten die Entwickler und Designer des auf Kinderfahrräder spezialisierten Herstellers. Sie entwickeln Drahtesel für Drei- bis Zwölfjährige, die viel kosten und trotzdem weggehen wie frisches Brot. Marcus Ihlenfeld, einer der beiden Geschäftsführer, zeigt sich überrascht von der Nachfrage nach den hochpreisigen Erzeugnissen: „Damit haben wir nicht gerechnet.“ Grund für den Erfolg dürfte die besonders kindgerechte Bauweise sein wie auch das geringe Gewicht der Räder. Er weist darauf hin, dass bei einem Kleinkind ein Kilo Gewicht so viel bewirkt in der Tretleistung wie fünf Kilo bei einem Erwachsenen. Zudem spiele das niedrig liegende Tretlager eine Rolle, woraus ein tiefer Schwerpunkt und eine hohe Standfestigkeit des Rades folgen. Ebenso sind eine hohe Lenkposition eine positive Eigenschaft sowie ein niedriger Einstieg.

Ihlenfeld und sein Partner horten eine Menge Daten über die Entwicklung des kindlichen Körpers. Auf dieser Grundlage können sie Fahrräder ständig verbessern und anpassen. Die Stabilität wird über den Computer getestet. Dann geht es zum TÜV. Bei herkömmlichen Radherstellern haben Kinderprodukte keine Priorität wegen einer niedrigeren Marge. Zudem richten sich die großen Anbieter nach den Trends, und der geht derzeit zu E-Bike.

Eine große Rolle in der Marktfähigkeit ihrer Produkte spielen die eigenen Kinder von Ihlenfeld und seinem Partner Christian Bezdeka. Sie testen die Prototypen. Und der Erfolg gibt ihnen recht. Ihlenfeld hat für das erste Jahr nach der Unternehmensgründung 2013 mit 500 verkauften Fahrrädern gerechnet. Für 2017 waren 2500 Stück kalkuliert. Tatsächlich sind es im fünften Jahr bereits 40.000 geworden. Für dieses Jahr werden 80.000 verkaufte Räder erwartet. Wer ein Woom-Fahrrad will, muss inzwischen ein halbes Jahr warten.

In der eigenen Garage begonnen

Selbst auf Gebrauchtportalen werden die Luxusuntersätze für Kinder zu Preisen gehandelt, die nahe am Neuwert liegen. Für ein Woom-Bike, das mit etwas mehr als der Hälfte des Gewichts eines gleich großen herkömmlichen Stahl-Kinderrades auskommt, muss fast doppelt so viel investiert werden. Vor allem bei Eltern, die für ihr eigenes Rad eine vierstellige Summe zu bezahlen bereit sind, kommt das Konzept dennoch an: Woom produziert an der Kapazitätsgrenze.

Die Geschäftsführer wundern sich, dass die Erzeugnisse so einfach über den Ladentisch gehen. Vor kurzem gab es eine Sonderfertigung in Eidottergelb, die sofort ausverkauft war. Der gebürtige Rüsselsheimer Ihlenfeld war vor der Unternehmensgründung Marketingleiter beim Autohersteller Opel und ist mit einer Österreicherin verheiratet. Zwei Jahre hat er mit seinem Partner – der aus der Welt des Industriedesigns kommt – am Abend nach der Arbeit bei Opel an Modellen gearbeitet, die Kindern das Radfahren schmackhafter machen sollten.

In der Garage seines Hauses wurde begonnen. „Eigentlich war es sehr riskant, weil ich bei Opel gekündigt habe, ohne zu wissen, ob das Produkt läuft. Ziel war es, Kindern die Freude am Fahrradfahren zu vermitteln.“ Das schwierigste Thema sei die Finanzierung gewesen, sagt Ihlenfeld. 130.000 Euro haben die beiden Tüftler in Österreich an staatlicher Förderung bei der Gründung bekommen. Weitere 300.000 Euro haben sie mit Hilfe von privaten Geldgebern aufgebracht. Immerhin haben sie für eine zweijährige Bindung sechs Prozent Zinsen geboten, was in Zeiten der Zinsbaisse beträchtlich ist. Bisher gab es Anlaufverluste von mehr als einer Dreiviertelmillion Euro. Vergangenes Jahr wurde erstmals operativ ertragreich gewirtschaftet in der gleichen Größenordnung.

„Wir stellen nach Bauchgefühl ein“

Eingekauft und produziert wird in Asien. Ihlenfeld legt Wert darauf, dass in der Fabrik in Kambodscha unter guten Bedingungen gearbeitet wird. Ließe Woom in Österreich produzieren, dann wäre der Preis für ein Rad statt 300 Euro 500 Euro. Ihlenfeld meint, das sei zu kostspielig. Schließlich gibt es Kinderfahrräder um 100 Euro. Trotz der Erzeugung in Asien beschäftigt das kreative Duo inzwischen mehr als vier Dutzend Mitarbeiter in Österreich. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter beträgt 30 Jahre. Vor allem Designer und Produktentwickler arbeiten in dieser Schmiede, darunter mehr als ein Drittel Frauen.

Familienfreundlichkeit wird großgeschrieben. Es seien Leute, die Chaos wollten, sagt Ihlenfeld und ergänzt: „Anpacker müssen es sein. Wir stellen nach Bauchgefühl ein. Den Satz ,Das haben wir schon immer so gemacht‘ wird es hier nie geben.“ Jetzt sei die Schwierigkeit, die Abläufe so zu strukturieren, dass die Organisation rund läuft. Ihlenfeld sagt über das Unternehmerdasein, es werde einem ebenso wie in Deutschland nicht einfach gemacht mit Auflagen und Bürokratie.

Rund ein Viertel der verkauften Räder geht direkt von Klosterneuburg an Endkunden. Weitere 40 Prozent werden über Händler vertrieben und der Rest online. In Österreich hat Woom inzwischen ein Fünftel Marktanteil. In Deutschland seien es erst drei Prozent, glaubt Ihlenfeld. Deutschland sei schwieriger, weil es mehr Konkurrenz gibt. Hingegen kommt Woom der Brexit entgegen, weil zwei wichtige Hersteller in diesem Segment aus Großbritannien kommen, die jetzt viel teurer würden.

Eine Mischung aus Design, Produkt und Geschäftsstrategie sehen die Woom-Gründer als ihre Besonderheit im Vergleich zu den Mitbewerbern. Potential findet Ihlenfeld noch vor allem im elektronischen Handel. Derzeit fahre nur jedes zehnte Kind ein Komfortprodukt. Von den restlichen 90 Prozent wären durchaus noch ein Drittel zu haben. Letztere hätten aber zu wenig Ahnung von Qualität. Er legt Wert auf Fachhändler, die Kunden so gut beraten wie er und seine Mitarbeiter. Keinesfalls dürfe ein Händler Woom-Produkte rabattieren: „Der rabattierte Abverkauf zerstört die Wiederverkaufspreise.“

Quelle: F.A.Z.
Michaela Seiser
Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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