Gründerserie

Quereinsteiger mischen den Schweizer Biermarkt auf

Von Johannes Ritter
 - 08:52

Es ist nicht so, dass ihn sein Beruf gelangweilt hätte. Philip Bucher war globaler Marketing-Chef des Schweizer Sanitär- und Haustechnikkonzerns Geberit. In dieser Rolle tingelte der promovierte ETH-Ingenieur munter um die ganze Welt. Eine spannende Aufgabe; eine gutbezahlte dazu. Doch dann reichte er die Kündigung ein. Er wolle sich selbständig machen und eine Brauerei aufmachen, sagte er seinem verdutzten Chef. „Der spinnt“, dachte sich dieser und schüttelte den Kopf. Aber jeglicher Versuch, Bucher von seinem Vorhaben abzubringen, scheiterte. „Ich wollte immer schon Unternehmer werden“, erzählt der heute 43 Jahre alte Schweizer. „Aber zunächst wollte ich lernen, wie man ein Geschäft aufbaut und Märkte erschließt.“

Auf die Idee mit der eigenen Spezialitätenbrauerei kam Bucher während seiner zahlreichen Auslandsreisen, wo er abends nur allzu gerne lokale Biersorten probierte. Ihm fiel auf, dass kleine, unabhängige Brauereien plötzlich allerorten sogenannte Craft-Biere anboten, die weitaus schmackhafter waren als das Einheitsbier der Getränkemultis. Dieser Trend begann in Amerika, breitete sich aber rasch auch in anderen Ländern aus. Dabei erkannte Bucher, dass dieses Geschäft überall auf der Welt dem gleichen Muster folgt: Der Craft-Bier-Markt wächst rund 15 Prozent schneller als der Gesamtmarkt; mit Craft-Bier lässt sich gegenüber herkömmlichen Sorten ein Preisaufschlag von 70 Prozent oder mehr erzielen; richtig erfolgreich ist vor allem derjenige Anbieter, der diesen Markt als Erster professionell und entschlossen aufrollt (neudeutsch: First-Mover-Advantage; altdeutsch: Der frühe Vogel fängt den Wurm).

In seinem Heimatland wollte Bucher der Erste sein. Der Schweizer Biermarkt war bis 1991 im Rahmen eines offiziellen Kartells unter den Brauereien aufgeteilt. Darunter litten Vielfalt und Qualität der bis heute oftmals allzu faden Schweizer Biere. Wer ein vollmundiges, würziges, kräftiges, fruchtiges, obergäriges Gerstenkaltgetränk kaufen wollte, musste noch bis vor wenigen Jahren auf teure Importbiere zurückgreifen.

Marktlücke erkannt

Bucher erkannte die Marktlücke und gründete 2012 gemeinsam mit seinem engen Freund Jörg Schönberg in Winterthur die Doppelleu Brauwerkstatt AG. Als Ökonom und Vertriebsfachmann erwies sich der heute 46 Jahre alte Schönberg als idealer Geschäftspartner. „Wir wissen genau, wie der andere tickt. Die nötige Krisenresistenz ist gewährleistet.“

Als Dritten im Bunde holten sich die beiden Gründer einen ambitionierten Braumeister zur Seite. Gemeinsam ersonnen sie das obergärige Craft-Bier „Chopfab“. Der schweizerdeutsche Name nimmt Bezug auf die Stadtheiligen von Zürich und Winterthur, die einst in grauer Vorzeit geköpft wurden, sowie auf die Vorfreude auf ein kühles Flaschenbier, bevor es geköpft wird. Ohne auch nur einen Franken Umsatz gemacht zu haben, gelang es den Jungunternehmern, zwei Banken (UBS und Bank Linth) von ihrem Geschäftsmodell zu überzeugen. Die Kredite, flankiert von etwas Erspartem, reichten aus, um für 2,5 Millionen Franken ein gebrauchtes Sudhaus aus den Niederlanden und eine gebrauchte Abfüllanlage aus Deutschland kaufen zu können. 2013 begannen sie mit der Produktion. Und die Flaschen wurden den frisch gebackenen Braupionieren förmlich aus den Händen gerissen.

Der Durchbruch gelang ihnen dann im Frühjahr 2014. Die große Schweizer Einzelhandelskette Coop nahm das Bier aus Winterthur, das vor allem durch die Verwendung von Aromahopfen (wie zum Beispiel der Sorte Galaxy aus Tasmanien) geschmacklichen Tiefgang erhält, in ihr Sortiment auf. „Chopfab hat dort eingeschlagen wie keine andere neue Biermarke zuvor“, erzählt Bucher. Es war fast so, als hätten die ebenso heimatverbundenen wie kaufkräftigen Eidgenossen nur auf den Neuling gewartet, zumal Produkte aus der Region schon seit Jahren zunehmend en vogue sind. Aber auch die von öden Schweizer Massenbieren wie „Feldschlösschen“ und „Calanda“ gelangweilten Ausländer griffen beherzt zu – trotz des zumindest aus deutscher Sicht stolzen Preises von 11 Franken für ein Sixpack der Chopfab-Sorte „Swiss Blonde“. 2014 versiebenfachten die Jungbrauer ihren Absatz. „Mit einem solchen Erfolg hatten wir in unseren kühnsten Träumen nicht gerechnet.“

Die Kapazitätsgrenze war rasch erreicht

Dieser Erfolg hatte freilich auch eine Kehrseite: Die Brauerei stieß schon im zweiten Jahr ihres Bestehens an ihre Kapazitätsgrenze. Sie brauchte also schon wieder Kapital, um die Produktion auszubauen. Dabei half das „Swiss Economic Forum“ (SEF), das der Doppelleu Brauwerkstatt das begehrte Qualitätssiegel „SEF. High Potential“ verlieh. Dies eröffnete den beiden Gründern den Zugang zu einem weiteren Finanzierungspaket. Damit bauten sie die Produktion schnell weiter aus: „Seit dem Bau unserer ersten Anlage haben wir die Kapazität verzehnfacht.“ Der starke Franken begünstigte die Investitionen, da die Brauerei die Anlagen allesamt im Ausland einkaufte. Bucher nennt keine absoluten Zahlen. Wohl aber beziffert er das Wachstumstempo: plus 70 Prozent im Jahr 2015, plus 50 Prozent im Jahr 2016. Seit dem vergangenen Jahr sei die Brauerei profitabel.

Der Sprung über die Gewinnschwelle gab Bucher und seinem Geschäftspartner die nötige Kraft für den nächsten Coup: Über einen Aktientausch haben sich die beiden umtriebigen Quereinsteiger jüngst die Bière du Boxer S.A. in Yverdon einverleibt. Dabei handelt es sich um die einzig verbliebene unabhängige Brauerei der Westschweiz, die vor allem durch die Marke „Boxer Old“ bekannt ist. „Chopfab und Boxer passen perfekt zueinander“, schwärmt Bucher. Gemeinsam mit den untergärigen Sorten von Boxer habe die Gruppe nunmehr das vielfältigste Biersortiment der Schweiz, das durch die Entwicklung neuer Spezialitätenbiere stetig erweitert und über den gemeinsamen Vertrieb fortan im ganzen Land verkauft werde. Bisher sind die beiden Brauereien jeweils auf ihren deutsch- respektive französischsprachigen Heimatmarkt fokussiert. Über eine Expansion ins Ausland, beispielsweise nach Deutschland, denkt Bucher im Moment nicht nach. Dazu sei das Potential in der Schweiz noch viel zu groß: „Wir erwarten, dass wir noch einige Jahre zweistellig wachsen.“

Und was sagt Buchers früherer Chef bei Geberit zu dessen Erfolg im Biergeschäft? „Ich glaube, dass er heute stolz auf mich ist.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ritter, Johannes (rit.)
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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