Comic-Unternehmer in Pakistan

Zeichnen für die Menschenrechte

Von Christoph Hein
 - 08:40

Das Lachen breit, die Hände beim Sprechen immer in Bewegung: Wenn Imran Azhar ins Reden kommt, fällt es schwer, Distanz zu wahren. Mitreißend, unterhaltsam, fesselnd legt er sein Gedankengebäude da. Und da gibt es einiges zu erzählen. Der Pakistaner versteht sich als Unternehmer. Aber auch als Utopist, als Träumer und Täter, als Weltveränderer, der Geld verdienen will.

So etwas geht auch in Karachi. Die pakistanische Wirtschaftsmetropole mit ihren mehr als 15 Millionen Menschen ist weder ein einfacher Platz zum Leben, noch ist es hier leicht, Geld zu machen. Zumindest dann nicht, wenn man sich im Verlagswesen tummelt – wie Azhar. Zudem ist er auch noch ein Neuling. Denn über viele Jahre hat der junge Muslim, der erst eine christliche Schule in Karachi besuchte, dann eine Hotelausbildung in Österreich machte, Häuser in Afrika geleitet, zuletzt auf den Seychellen. Dann aber zog es ihn zurück in seine Heimat. Karachi, einst gebrandmarkt als „die gefährlichste Stadt der Welt“, war ein wenig sicherer geworden. Es war Zeit für frischen Wind.

Um genau den ging und geht es dem 49 Jahre alten Pakistani. Seine Firma AZ Corp sitzt dort, wo man kein Unternehmen und schon gar keine Weltverbesserer erwartet. Inmitten des edelsten Viertels der Stadt, nahe der Konsulate und der neuen, blitzblanken Einkaufsmeile Dolmen Mall, empfängt Azhar in einer weißen Villa hinter hohen Mauern. Hier aber wartet keiner der reichen Textilunternehmer oder Manager eines ausländischen Chemiekonzerns auf den Gast, sondern ein glatzköpfiger Hüne mit breitem Lachen: Azhar unterwandert die pakistanische Gesellschaft aus deren Zentrum heraus. Seine Mitstreiter sind junge Frauen mit und ohne Kopftuch, die mehr oder weniger frisch von der Designhochschule stammen. Ihre Waffen sind – Comics.

Jagd auf Waffenhändler und Verbrecher

Die aber haben es in sich. So schickte Azhar 2015 als erstes das „Team Muhafiz“ (Beschützer) auf die dunklen Straßen Karachis. Dort jagen die sieben Jugendlichen Verbrecher und decken Ungerechtigkeiten auf. Doch die jungen Detektive sind anders: einer ist Hindu, eine Christin ist dabei, ein Mädchen aus Hunza vom Lande, eine Muslimin und eine Menschenrechtsanwältin, wie sie auch in London arbeiten könnte – kurz das ganze Spektrum der jungen Gesellschaft Pakistans.

Diese Gruppe der globalen Guten jagt nun Waffenhändler, Bosse, die Bäume fällen lassen wollen, Verbrecher, die Frauen mit Säure verletzen wollen, oder alte Muslime, die sehr junge Hindu-Mädchen für eine Nacht schänden wollen. Kurz: Sie setzen sich für universelle Menschenrechte in einem sehr schwierigen Umfeld ein.

Geschrieben hat das Hauptwerk des Hauses Azhar selbst, gezeichnet aber hat es ein Inder. Was in Berlin oder Frankfurt als normal gelten würde, ist es in Pakistan noch lange nicht. Denn Indien und Pakistan sind verfeindete Brüder, tragen im Monatsrhythmus Grenzkonflikte aus, haben einen kaum durchdringlichen Zaun errichtet.

Jeder Pakistaner erkennt sofort die Botschaft, die allein die Autorenzeile von „Team Muhafiz“ beinhaltet: Digitale Grenzen gibt es nicht. Wir arbeiten zusammen, wenn es um die richtige Sache geht. Und das auch und gerade mit unseren Schwestern und Brüdern in Indien. Völkerverständigung soll auf diese Art in Herzen und Hirne der Kinder gebracht werden.

Walt Disney Pakistans

Die Hürden waren hoch. Illustratorinnen wie Tehreem Iqbal oder Anain Shaikh, die im Erdgeschoss der Villa die Szenen zeichnen, haben zwar Kunst studiert, doch Zeichnen wird dabei nicht gelehrt. „Wir haben uns praktisch alles selber beigebracht“, erzählen die jungen Frauen aus dem Team der 28 Mitarbeiter. Auch sie wirken erfüllt, an der Mission für ein anderes, besseres Pakistan beteiligt zu sein. „Natürlich provozieren wir manche, und manchmal bekommen wir auch Hassmails oder blöde Kommentare“, sagte Azhar. „Aber darum kümmern wir uns einfach nicht. Wir wollen etwas erreichen, treten für ein weltoffenes Pakistan ein.“

Allerdings, und das ist dem Gründer genauso wichtig, ist dieses Unterfangen auf Jahre, auf Jahrzehnte angelegt. „Und das heißt, wir müssen Geld verdienen und wachsen, wollen wir überleben.“ Pause. „Auf Dauer wollen wir das Disney von Pakistan werden.“

Filme sind der nächste Schritt

Wer nun lacht, unterschätzt den Gründer möglicherweise. Denn schon heute lesen rund eine Million der 200 Millionen Pakistaner die Comics aus der Villa in Karachi. „Unser Markt ist noch praktisch unbegrenzt.“ Deshalb stört es ihn auch nicht, dass inzwischen drei oder vier andere Autorenteams ähnlich aufklärerische Comics in Pakistan verlegen. „Wir brauchen eher mehr als weniger, die so etwas machen.“ Weil die Pakistaner aufgrund schlechter Erfahrungen ungern ihre Kreditkartendaten offenlegen, liefern Kurierdienste die Heftchen aus und kassieren das Geld dafür an der Haustür. 40 Titel sind inzwischen auf dem Markt, bald sollen es 50 sein.

Das Imperium wächst rasch: Bei den „Lyari Guardians“ kämpfen die entschlossene Muslimin Sarila und der Pflanzenliebhaber und Hobbykoch John gemeinsam für eine bessere Welt in Lyari. Und in „Basila“ verbündet sich die Heldin mit einer verlassenen Ehefrau und der Transgender-Figur Riffat Apa – für das konservative Pakistan ein verlegerisches Wagnis.

Ehrgeiziger Fünf-Jahres-Plan

Bald sollen Filme folgen. „Kinder sind leicht zu beeinflussen. Wir müssen sie früh ansprechen“, sagt der Macher. „Für viele der Kinder hier ist doch der Selbstmordattentäter mit der Bombe der Held. Wir wollen ihnen einfach andere Helden vorstellen, Optionen geben.“ Dabei ist dem AZ-Team wichtig, realistische Comics zu zeichnen: „Bei uns kann kein Held fliegen, wir bieten keinen Superman.“

Rund 800.000 Dollar hat sein Haus im vergangenen Jahr umgesetzt und einen kleinen Gewinn ausgewiesen. Stolz auf sein Land aber ist der Gründer auch: „Wir wollen Pakistan einen positiven Erzählstrang verleihen, unsere pakistanischen Helden sollen auch im Ausland wahrgenommen werden“, wünscht er sich. In fünf Jahren will AZ Corp Hefte auch auf Deutsch, Spanisch, Chinesisch und Arabisch herausbringen, der Umsatz soll dann schon 10 Millionen Dollar betragen.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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