Gender Pay Gap

Nur wenige Frauen fragen nach Gehältern der Kollegen

Von Tillmann Neuscheler
 - 16:27

Seit Anfang des Jahres können Frauen und Männer in Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten erfragen, wie viel Geld eine Gruppe von mindestens sechs Kollegen des anderen Geschlechts mit einer vergleichbaren Tätigkeit im Mittel verdient. Doch die Arbeitnehmer machen davon bislang offenbar nur selten Gebrauch. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Personalberatung Kienbaum, die im Mai mehr als 100 betroffene Unternehmen – überwiegend Mittelständler, aber auch einige Großunternehmen – nach ihrem Umgang mit dem Entgelttransparenzgesetz befragt hat. Im Durchschnitt seien bislang nur rund 9 Anfragen je Unternehmen gestellt worden, die Spannweite in der Kienbaum-Umfrage reichte von keiner bis zu 80 Anfragen in den verschiedenen Unternehmen.

Das sind weit weniger als ursprünglich erwartet. In einer Umfrage der Hamburger Vergütungsberatung Gehalt.de unter 1900 Arbeitnehmern hatten im Frühjahr noch mehr als 70 Prozent geantwortet, sie wollten das Gesetz in Anspruch nehmen oder in Erwägung ziehen. Das Verfahren ist nicht schwierig: Arbeitnehmer können die Anfrage einfach per Mail an den Betriebsrat oder die Personalabteilung stellen. Die Anonymität der Anfragenden und der Mitarbeiter in der Vergleichsgruppe werden gewahrt.

Doch selbst bei großen Dax-Konzernen melden sich bislang oft weniger als 50 Anfragende. Nur von ganz wenigen Großunternehmen ist bislang eine höhere Zahl bekannt geworden. Die bislang höchste bekannt gewordene Zahl meldet die Allianz. Dort sind bislang rund 300 Anfragen eingegangen. Gemessen an der Mitarbeiterzahl des Versicherungskonzerns ist aber auch das recht wenig: „Das sind 1,4 Prozent der Mitarbeiter im Innendienst“, sagte ein Sprecher des Unternehmens im Gespräch mit der F.A.Z. 59 Prozent der Antragsteller waren bei der Allianz weiblich, 41 Prozent männlich. Auch bei den anderen Unternehmen sind es überwiegend Frauen, die nach dem Lohnunterschied fragen. In der Umfrage von Kienbaum gaben 71 Prozent der befragten Unternehmen an, dass bei Ihnen überwiegend Frauen angefragt hätten, nur 9 Prozent der Unternehmen bekamen bislang überwiegend Anfragen von Männern – vermutlich sind das Unternehmen, deren Belegschaft ohnehin von Männern dominiert wird.

Was die Gehaltslücken angeht, geben sich die Unternehmen gelassen: 65 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass bei Ihnen keine Gehaltslücke identifiziert wurde. 14 Prozent mussten allerdings eingestehen, dass die Gehälter der Anfragenden in ihrem Unternehmen in der Regel unter dem Median der Vergleichsgruppe des anderen Geschlechts lagen. In solchen Fällen muss der Arbeitgeber sachlich begründen, wie es zu der Gehaltslücke kommt. Die betroffenen Arbeitnehmer können theoretisch klagen wegen Ungleichbehandlung, wenn sie die Begründung für unzureichend halten. Noch sind aber keine erfolgreichen Klagen bekannt geworden. Bislang hätten die Unternehmen wenig Reaktion von den betroffenen Arbeitnehmern bekommen, nachdem sie deren Anfragen beantwortet haben. Immerhin 6 Prozent der Unternehmen gab in der Umfrage aber auch an, dass das Gehalt in der Regel sogar über dem Median lag. In den restlichen Fällen, machten die Unternehmen keine Angaben. In einigen Fällen haben die Unternehmen auch von ihrem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, weil die Vergleichsgruppe zu klein war.

Beim Betriebsrat fragen weniger nach

Grundsätzlich ist zunächst der Betriebsrat für die Beantwortung einer Anfrage verantwortlich, allerdings kann der Arbeitgeber das Verfahren an sich ziehen. Zwei Drittel der Unternehmen haben laut Kienbaum das Verfahren schon an sich gezogen oder haben es zumindest vor. Dabei zeigen sich überraschend große Unterschiede: „Wenn der Betriebsrat für die Beantwortung des Auskunftsersuchens zuständig ist, erhält das Unternehmen nur halb so viele Anfragen“, erläutert Studienautorin Neele Siemer. Bislang habe man dafür noch keine schlüssige Erklärung.

Laut dem Statistischen Bundesamt verdienen Frauen rund 21 Prozent weniger als Männer: Während Frauen je Stunde brutto knapp 16,60 Euro verdienen, bekommen Männer rund 21 Euro. Ein großer Teil des Unterschieds lässt sich dadurch erklären, dass Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten, andere Berufe wählen und Männer oft auch einige Jahre mehr Berufserfahrung haben, weil sie seltener für ihren Nachwuchs pausieren. Rechnet man diese strukturellen Unterschiede heraus, bleibt laut dem Statistischen Bundesamt noch ein Verdienstunterschied von rund 6 Prozent.

Quelle: F.A.Z.
Tillmann Neuscheler
Redakteur in der Wirtschaft.
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