Geschlechterforschung

Warum Frauen am DVD-Spieler scheitern

Von Marvin Milatz
 - 04:00

Die eigenwillige Terminologie verrät sofort, dass dies ein Studienfach ist, um das ein ideologischer Kampf tobt: „Studienführerin Gender“ heißt etwa das Studien-Informationsportal für Gender Studies an der Philipps-Universität Marburg. Sprachlich noch verwirrender ist, dass Studieninteressierte über die Entstehung dieses Informationsportals in der „Herstory“ nachlesen können. Nein, das ist kein Tippfehler, sondern offenbar die weibliche Form von „History“. Schließlich versteckt sich in dem englischen Wort für „Geschichte“ das männliche Possessivpronomen „his“. Das hat zwar nichts mit der Wortabstammung aus dem altgriechischem „historia“ zu tun, aber hier geht es um anderes: um geschlechterkorrekte Sprache, weitläufig als „Gendern“ bekannt. Viele Gender-Forscher sehen eine neutrale Sprache als Grundlage der Gleichberechtigung von Mann und Frau an. Es ist solche Dogmatik, die den Studiengang speziell macht. Denn Wissenschaftlern, Lehrenden und Lernenden in diesem Fach geht es oft um nichts weniger als um eine Neuordnung der Gesellschaft.

Das polarisiert. Das Studienfach Gender Studies, zu Deutsch Geschlechterforschung, beschäftigt sich mit den Einflüssen des Geschlechts auf Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft. Gender bezeichnet dabei die soziokulturelle Idee von Mann und Frau, nicht das biologische Geschlecht. Sprachlich ist das im Deutschen schwer zu trennen, im Englischen indes geht es leichter: Da heißt das biologische Geschlecht „sex“ und die soziokulturelle Idee „gender“. Gender-Forscher bedienen sich denn auch gern der englischen Bezeichnung ihres Fachs; die Unterscheidung von „sex“ und „gender“ ist für sie unglaublich wichtig. Einige Gender-Theoretiker behaupten gar, dass Weiblichkeit und Männlichkeit nur gesellschaftlich konstruiert seien. Somit könne unabhängig des primären Geschlechtsorgans jeder männlich oder weiblich sein.

Wurzeln in der Frauenforschung

Die Grenze des Fachs zur Sozialpolitik ist verschwommen: In Niedersachsen steht die Förderung der Gender Studies sogar im Hochschulgesetz. Auch haben Politiker in den vergangenen Jahren immer wieder Gender-Studies-Lehrstühle gefördert. Im Jahr 2010 gab es 150, heute schwanken Schätzungen zwischen 200 und 250 Gender-Professuren, die meist mit Professorinnen besetzt sind. Und trotz dieser Zahlen muss das Fach wie kaum ein anderes darum kämpfen, überhaupt als echte Wissenschaft gesehen zu werden.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich die Gender Studies auch mit dem Feminismus beschäftigen. Dies geht zum einen auf die amerikanische Philosophin und Gender-Pionierin Judith Butler zurück. Zum anderen erklärt sich der Schwerpunkt aus der Geschichte des Studienfaches, das ursprünglich der Frauenforschung entsprang. Studenten des Faches sind sensibel dafür, oft in die Aktivisten-Ecke gestellt zu werden, und betonen gern, wie sehr es ihnen um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema geht. „Man muss diese Theorien immer in einem kritischen Kontext betrachten“, sagt etwa Fabienne Fröhlich, die Gender Studies im Master an der Universität Freiburg studiert.

Ziel: Gerechtere Welt - Berufsziel: unklar

Fröhlich findet das Gendern gut. Denn damit könne man sichtbar machen, was ihrer Meinung nach sichtbar sein sollte: dass Männer und Frauen immer noch nicht gleichberechtigt sind, nicht einmal in der Sprache. Die Master-Studentin habe durch ihr Studium eine „Gender-Brille“ entwickelt, sagt sie. Sie sehe die Welt seitdem mit anderen Augen: Antiquiert sei etwa, dass Jungs mit Autos und Mädchen mit Puppen spielen. Erschreckend sei, dass es für Intersexuelle, also Menschen, die sowohl über weibliche als auch über männliche Geschlechtsmerkmale verfügen, erst seit November vergangenen Jahres einen eigenen Eintrag im Geburtenregister gebe. Und streng genommen noch nicht einmal das: Denn Ärzte, die das Geschlecht eines Babys nicht eindeutig feststellen können, haben nur die Möglichkeit, „kein Geschlecht“ einzutragen. Angestoßen wurde die Debatte um das Geburtenregister von Betroffenen, seither wird das Thema vielfach in den Gender Studies diskutiert. „Es gibt so viele Klischees und gesellschaftliche Normen, die ungerecht sind“, sagt Studentin Fröhlich. Sie ist überzeugt: „Was ich jetzt im Studium lerne, wird mir später helfen, eine gerechtere Welt mitzugestalten.“ Welchen Beruf genau sie dabei nach ihrem Studium ausüben möchte, weiß Fröhlich zwar noch nicht. Doch eine Stelle in der pädagogischen Fort- und Weiterbildung könnte sie sich gut vorstellen. Auch eine akademische Laufbahn könnte sie interessieren, sagt sie.

Überhaupt: Längst nicht alle Gender-Forscher enden als Frauenbeauftragte in einer politischen Organisation. Viele sind interdisziplinär in Forschungsfeldern unterwegs, die man gar nicht erwarten würde. Corinna Bath zum Beispiel hält die Maria-Goeppert-Mayer-Professur für Gender, Technik und Mobilität an der Technischen Universität Braunschweig. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Geschlechterforschung in Maschinenbau und Informatik. „Ich möchte Technik reflektiert betrachten“, erklärt Bath. Denn das geschehe noch viel zu selten. So würden Maschinen meist von spezifischen Gruppen von Männern im Alter von Mitte zwanzig bis Anfang vierzig entworfen. Bath sieht darin einen Grund, warum nicht alle Menschen gleich gut mit Technik umgehen können. Sie möchte das ändern, allerdings nicht über eine Frauenquote, sondern indem sie mit ihren Studierenden Technik-Klischees bespricht und ihnen so klarmacht, dass es nicht an den Frauen liegt, wenn sie zum Beispiel DVD-Spieler schlechter bedienen können als Männer, sondern an einer für sie suboptimalen Gestaltung der Geräte.

Gender-Kampf wieder aufgeflammt

Durch die Nähe zur Politik sind Gender Studies oft Gegenstand kontroverser Diskussionen. Und bei kaum einem Studiengang gehen Befürworter und Kritiker härter miteinander ins Gericht. Schon im Jahr 2006 machte eine Studie der Heinrich Böll Stiftung darauf aufmerksam, dass eine Gruppe von Wissenschaftskritikern den Gender Studies den wissenschaftlichen Anspruch an sich aberkennen wolle. Im vergangenen Jahr ist der Kampf zwischen Gender-Anhängern und -Gegnern wiederaufgeflammt. Er artete über offene Briefe, Foren und Blogs zu einer digitalen Schlammschlacht aus.

Mit ausgelöst hat sie einer der großen Kritiker der Gender Studies: Günter Buchholz, emeritierter Professor für Betriebswirtschaftslehre und Consulting der Hochschule Hannover. Laut Buchholz werden in den Gender Studies nur Forschungsfragen verschiedener Einzeldisziplinen, wie etwa der Geistes- und Sozialwissenschaften, gebündelt, ohne dass die Gründe hierfür nachvollziehbar geklärt seien. In einem Aufsatz übt Buchholz heftige Kritik an einer Evaluation des Fachs in Niedersachsen. Dem Prüfungsausschuss wirft er Befangenheit vor, wissenschaftliche Kritik werde vermieden, und es fehle jeglicher Beleg einer Forschungsleistung. „So etwas nennt man eine Luftbuchung“, urteilt Buchholz. Um der Frage nach der Forschungsleistung selbst nachzugehen, initiierte Buchholz schließlich im vergangenen Jahr eine eigene Studie, verschickte einen Fragebogen an Gender-Studies-Lehrstühle in ganz Deutschland. Doch die Antworten blieben aus. Buchholz glaubt: „Ich bin erfolgreich boykottiert worden.“

Hinter dem Boykott vermutet er Beate Kortendiek, eine Mitarbeiterin des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Sie hatte im August 2013 im Blog des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Berliner Humboldt-Universität darauf aufmerksam gemacht, dass Buchholz in „liberalen antifeministischen elektronischen Medien“ vernetzt und sein Fragebogen von „ähnlichen Voreinstellungen“ geprägt sei. Sie riet ihren Kollegen, zu überlegen, „ob sie sich an einem solchen Unternehmen in irgendeiner Form beteiligen wollen“. Es folgten weitere offene Briefe und Blogbeiträge, in denen Gender-Befürworter und Gender-Kritiker sich gegenseitig unwissenschaftliches Verhalten vorwarfen.

Provokanter als BWL und Soziologie

Auch abseits solch konkreter Zerwürfnisse sind Gender-Studies-Studenten immer wieder dem Verdacht ausgesetzt, dass die eigene Arbeit keine Wissenschaft sei. Fabienne Fröhlich kennt die kritischen Fragen zu ihrem Studiengang nur allzu gut - und geht ganz souverän damit um: „Einige Menschen, mit denen ich gesprochen habe, konnten sich zunächst nur wenig unter Gender Studies vorstellen“, rekapituliert sie. Doch im Gespräch mit ihr hätten die meisten schnell gemerkt, dass sie viele Themen des Studiengangs, etwa Gleichberechtigung und Sexismus, aus ihrem Alltag kennen.

Auch die Professorin Corinna Bath hat sich schon häufig Kritik anhören müssen. „Feminismus ist ein Reizwort“, sagt Bath. Oft müsse sie erklären, was sie genau mache. Das findet sie allerdings gar nicht schlimm, denn das sei ein weiterer Kernaspekt von Gender Studies: feministische Wissenschaftskritik. Nach der Theorie der amerikanischen Naturwissenschaftshistorikerin Donna Haraway verfolge jede Wissenschaft politische Ziele und könne gar nicht objektiv sein. Vielleicht seien Gender Studies also gar nicht politischer als BWL, Pädagogik oder Soziologie. Nur provokanter.

Quelle: F.A.Z.
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