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Ingenieure aus der Datenwolke

Auslaufmodell Festanstellung?

Von Christoph Ruhkamp
 - 05:00
Fabrik von heute: Auch in der Produktion von BMW, hier ein Werk in Leipzig für den Elektrowagen i3, halten digitalisierte Konzepte Einzug. Bild: dpa, F.A.Z.

Beherrschen Menschen die Computer - oder werden Menschen von den Computern beherrscht? Die Frage klingt polemisch, hat aber angesichts des Alltags vieler Ingenieure, beispielsweise Entwickler in der Autoindustrie, durchaus ihre Anlässe. Künftig werden dort Haltungssensoren und Datenbrillen Arbeitsabläufe und Körperhaltungen des Einzelnen überwachen und auswerten.

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„Das kann einerseits die Gesundheit der Beschäftigten erhalten“, sagt die Gewerkschafterin Christiane Benner, Vorstandsmitglied der IG Metall. Auf der anderen Seite bringe beispielsweise IBM eine neue Software für Personaler heraus namens „Kenexa Predictive Hiring“. Die Software solle helfen, möglichst loyale Bewerber zu finden. Und hinterher analysiere dann das Programm „Kenexa Workforce Readiness“ noch, wie brav und leistungsbereit die Belegschaft gerade ist.

Zahl der Crowdworker steigt

Während IBM eine Software anbietet, die das persönliche Gespräch mit den Mitarbeitern ersetzen soll, verändert die Digitalisierung an anderer Stelle gleich das ganze Arbeitsverhältnis: So nimmt die Zahl an außerhalb der klassischen Unternehmen arbeitenden Crowdworkern zu, also an Menschen, die ihre Arbeitsleistung über Internetplattformen erbringen.

Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür liefert die Autoindustrie. Der amerikanische Kleinserienspezialist Local Motors beschäftigt nur 100 Festangestellte. Ihnen stehen 40 000 externe Entwickler gegenüber, die für das Unternehmen arbeiten. In Deutschland wäre das völlig undenkbar? Keinesfalls: Partner von Local Motors ist BMW.

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IBM verteilt Arbeitspakete an Freie

Ein Beispiel, wie die Arbeitskosten in der digitalisierten Welt im Zaum gehalten werden, liefert wiederum IBM. Der IT-Konzern führte für seine Abteilung Anwendungsentwicklung ein Tool namens „Liquid“ ein. Damit werden Projekte in kleine Arbeitseinheiten aufgeteilt - und anschließend weltweit an die am wenigsten verlangenden Programmierer vergeben, sowohl konzernintern als auch an Freelancer. Die Folge: Hochqualifizierte in aller Welt stehen im direkten Wettbewerb zueinander.

Der Internetkonzern Amazon hat einen Marktplatz für Gelegenheitsarbeiten namens Mechanical Turk eingeführt, auf dem die „Mechanical Turker“ gerade einmal 1,25 Dollar in der Stunde verdienen. Sechzig Prozent der digitalen Fließbandarbeiter geben an, dass ihre Arbeit auf der Plattform ihre einzige Einkommensquelle ist. Die Details der Arbeitsverhältnisse werden einfach durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Plattformen geregelt.

Gewinn an Zeitsouveränität

Auf der anderen Seite liefert die digitalisierte Welt aber auch die Mittel, um Arbeit und Leben besser miteinander verbinden zu können. Das räumt auch Gewerkschafterin Benner ein: „Wenn Produktionsmittel und Arbeit nicht mehr an einen Ort oder an ein Werk gebunden sind, ist das unsere Chance für mehr Zeitsouveränität.“ Mobiles Arbeiten werde von vielen Beschäftigten als Lebensqualität empfunden

Knapp die Hälfte der Befragten aus Forschung und Entwicklung sagten, dass sie gerne einen Teil ihrer regulären Arbeit von zu Hause aus erledigen würden. Unter den Akademikern seien es laut der Beschäftigtenbefragung der IG Metall sogar 55 Prozent. Rein technisch gesehen, sei das so einfach wie noch nie. „Wer sagt denn, dass Beschäftigte in der Industrie 4.0 die Produktion nicht via iPad von zu Hause aus steuern können?“, fragt Benner.

BMW und Bosch zahlen flexibel

Beschäftigte brauchten allerdings ein Recht, nach Hochphasen der Arbeit auch zurückzuschalten. Dass das geht, zeigen inzwischen viele Betriebsvereinbarungen und Regelungen, die Betriebsräte entwickelt und durchgesetzt haben: BMW und Bosch zählen und bezahlen neuerdings nicht mehr nur die Arbeit auf dem Firmengelände, sondern auch die unterwegs verrichtete.

Trotzdem bleiben die Arbeitszeit begrenzt und der Sonntag frei. Auch VW und Daimler akzeptieren das Recht auf Abschalten. Indem die ständige Erreichbarkeit per E-Mail explizit von den Beschäftigten auch durch Ausschalten der Geräte unterbrochen werden darf, oder gar muss.

Quelle: F.A.Z.
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