Michael Poliza

Auf der Achterbahn des Lebens

Von Nadine Bös
 - 06:00

Ein Lieblingsbild hat er nicht. Da gibt es mehrere. Das mit dem Leoparden zum Beispiel, der durchs Gras schleicht, von unten aus der liegenden Perspektive fotografiert. Oder das Löwengesicht, von der Nase abwärts aufgenommen, nur ein Stück Fell und ein Stück Maul. „Das zeigt doch alles vom König der Tiere.“ Oder das Bild mit der Giraffe, die mit gespreizten Beinen an der Wasserstelle trinkt. „Auf den Winkel der Beine kommt es an“, erklärt Michael Poliza. Tagelang habe er ausgeharrt, um genau diesen Winkel zu treffen. „Es ist der verletzlichste Moment für Giraffen, wenn sie trinken, wenn sie den Kopf beugen und den Überblick verlieren.“

Jedes Foto von Michael Poliza hat eine Geschichte. Einen ungewöhnlichen Ort, eine seltene Perspektive, ein Erlebnis, das er damit verbindet. Der Naturfotograf erzählt diese Geschichten ausschweifend. Wo der Jeep parkte, als er sich ins Gras warf, um den Leoparden zu knipsen. Genau so, dass der Kollege am Steuer notfalls hätte dazwischenfahren können, wenn der Leopard auf Angriff geschaltet hätte. Oder wie er den Vogel beim Laufen durch eine Pfütze beobachtete, bis seine Beine diese geometrisch perfekt gleichmäßigen Knicke aufwiesen und er den Auslöser drückte. Aber ein Lieblingsbild? Sich für ein einziges entscheiden? Er schüttelt den Kopf.

Tür zu - Tür auf

Sich für eine Sache zu entscheiden, das ist Michael Poliza schon immer schwergefallen. Er drückt es anders aus. „Wenn eine Tür hinter mir zufiel, ging immer eine andere auf.“ Drei Karrieren hat er gemacht, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: Kinderschauspieler, Computer-Unternehmer, Naturfotograf. Was alle seine Stationen verbindet? „Ich bin ein lustgetriebener Mensch. Ich bin gut in den Dingen, die mir Spaß machen.“

Michael Polizas Geschichte beginnt in den späten fünfziger Jahren in Hamburg. Er wird als Sohn eines Versicherungsangestellten und einer Kneipenbesitzerin geboren. Viel Zeit fürs Familienleben sei nie gewesen, die Mutter stand immer bis spätnachts in der Küche und morgens im Großmarkt beim Einkauf. „Das Frühstück vor der Schule mussten wir uns immer selbst machen.“ Die Kneipe der Polizas hieß „Old Inn“, hatte eine lange Kupfertheke und befand sich in der Nähe der Hamburger Filmstudios. „Abends trieb sich oft die ganze Studio-Hamburg-Szene bei uns herum“, erinnert sich Poliza.

So bekam er mit 10 Jahren seine erste Komparsenrolle in einer Vorabendsendung des NDR. Aus einer wurden mehrere, irgendwann durfte er für umfangreichere Kinderrollen vorsprechen - mit Erfolg. Er spielte in Filmen, Serien und im Theater, brachte es auf gut 70 Einsätze. Richtig stolz ist er darauf, dass er mit 17 Jahren den jungen Walter Kempowski in „Tadellöser und Wolff“ spielen durfte. „Noch 30 Jahre später wurde ich deswegen von wildfremden Leuten an der Tankstelle erkannt.“

Mit Bill Gates unterwegs im ländlichen Bayern

Auf die Schauspielschule wollte er trotzdem nicht. „Das Geschäft bestand aus Warten, Klinkenputzen und niedrigen Gagen. Außerdem hätte mein Talent wohl nicht gereicht.“ Lieber ging Poliza als Austauschschüler nach Oklahoma. Die High School fiel ihm leicht, er machte den Abschluss als einer der Besten seines Jahrgangs. Nebenher absolvierte er einen Computerkurs und lernte Programmieren. Am Ende des Austauschjahres beschloss er zu bleiben. In Deutschland warteten doch nur die Sechs in Latein und die Aussicht, das Abitur nicht zu schaffen. Er studierte in Amerika Informatik, ließ sich irgendwann seine amerikanischen Scheine in Deutschland anerkennen und kam zurück. Das Studium in Hamburg brachte er letztlich aber nicht zu Ende.

Stattdessen ging sein Weg direkt ins aufstrebende IT-Geschäft. Als Werkstudent kam er zu IBM. Dort wurde man auf ihn aufmerksam, als es ihm wie aus dem Nichts gelang, ein Kalkulationsprogramm um den Faktor 50 zu beschleunigen. Als IBM den ersten PC herausbrachte, stieg er ins Importgeschäft ein. Seine Firma wuchs auf mehr als 100 Mitarbeiter, sein Privatkonto auf Millionärs-Niveau. Er traf sich ein paarmal mit Bill Gates; besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Abend in München, als Gates und er kein Hotelzimmer mehr bekamen. „Wir fuhren raus aufs Land und übernachteten in einer einfachen bayrischen Pension. Damals ist Bill Gates noch Economy geflogen. Da war das Business noch kuschelig.“

Gleichwohl wurde „das Business“ für Poliza bald zu groß. Er unterhielt mehrere Filialen und jonglierte mit Millionen. „Dabei hatte ich doch eigentlich gar keine Ahnung von dem ganzen BWLer-Kram.“ Als sich die Gelegenheit bot, verkaufte er sein Unternehmen - und stürzte erst mal in eine persönliche Krise. „Ich hatte Geld, aber kein Leben mehr. Alle meine Freunde waren in der alten Firma. Ich gehörte nicht mehr dazu.“ Poliza tauchte ab, in die „Schanzenszene“, ging in Kneipen, holte sein Studentenleben nach. Den neuen Freunden sagte er nicht, wie viel Geld in seinem Depot lag. Irgendwann erledigte sich das Thema von allein: Im Börsencrash der späten neunziger Jahre sank der Wert des dicken Aktiendepots in die Nähe des Nullpunkts.

Michael Poliza begann von vorn und gründete eine neue IT-Firma. Er handelte mit PCs, machte SAP- und Internetberatung. Ruck, zuck lief es im Geschäft wieder rund, im Privatleben weniger. „Es gab damals eine Frau, die mir sehr wichtig war“, erzählt Poliza. „Aber ich hatte kein offenes Ohr für ihre Probleme. Bei mir ging es um Millionengeschäfte, bei ihr um eine Diplomarbeit. Eine Nichtigkeit, so dachte ich damals.“ Die Beziehung scheiterte. „Ich hatte drei Jahre daran zu knabbern.“ Danach stieg Poliza endgültig aus dem IT-Geschäft aus. Eine Zeitlang machte er gar nichts. „Ich hatte ein permanent schlechtes Gewissen. Finanziell konnte ich es mir leisten, keinen Plan zu haben. Aber ständig fragten mich meine Freunde: Was hast du denn jetzt vor?“

„Ich brach ein paar Regeln“

Poliza begann zu reisen und Schritt für Schritt sein Hobby, das Filmen und Fotografieren, zum Beruf zu machen. Zunächst flog er nach Australien, wo er Videoaufnahmen von Walhaien machte. Wieder zu Hause, versuchte er sein Glück beim Fernsehen - und verkaufte den Film prompt an den Privatsender Vox. „Wie einfach“, dachte er, reiste weiter durch die Welt und filmte seine Eindrücke. Später verlagerte er sich von den bewegten Bildern zur Fotografie. So leicht, wie er es sich zunächst vorgestellt hatte, gestaltete sich das Fotografieren in der Natur anfangs aber doch nicht. „Man hat ja kein Modell vor sich, dem man sagen kann: So, jetzt lauf noch mal von links durchs Bild. Besonders schöne Momente dauern oft nur Bruchteile von Sekunden.“ Poliza musste vieles neu lernen. Der Beginn des Digitalzeitalters spielte ihm dabei in die Karten. „Ich konnte immer sofort sehen, was mir gut gelang und was nicht. Und ich nutzte die Technik intensiver als die meisten Kollegen damals.“

In den folgenden Jahren fuhr Poliza im Rahmen eines Medienprojekts mit einem Schiff über die Weltmeere und fotografierte gefährdete Landschaften und vom Aussterben bedrohte Tiere. Hinterher publizierte er mehr Fotos als die Profifotografen, die mit ihm an Bord gewesen waren. Dann kaufte er ein Haus in Kapstadt und verbrachte mehr und mehr Zeit in afrikanischen Nationalparks, die Kamera immer im Schlepptau. Mit seinem Bildband „Africa“ gelang ihm der Durchbruch in der internationalen Fotografenszene. Von New York bis Kapstadt berichteten die Zeitungen bewundernd von dem Branchenneuling. „Ich brach ein paar Regeln, zum Beispiel die, dass immer die Augen eines Tieres auf dem Bild sein müssen, und konzentrierte mich mehr auf die Komposition.“

„Mein Verantwortungsgen ist angesprungen“

Inzwischen ist Michael Poliza zurück in Hamburg. In einem Hinterhof in Winterhude hat er sich eine Galerie eingerichtet. Mit hohen Decken und weißen Säulen und mit viel Platz für seine Fotografien. Auch ansonsten ist er häuslich geworden. Seit zwei Jahren lebt er in einer festen Beziehung, seine Partnerin hat zwei Kinder aus erster Ehe. „Da ist mein Verantwortungsgen angesprungen“, sagt Poliza. So baute er sich neben der Fotografie noch ein weiteres Standbein auf und stieg ins Reiseveranstaltergeschäft ein. Seit neuestem arbeitet er mit TUI zusammen und entwirft Abenteurreisen für Gutbetuchte zu seinen „persönlichen Lieblingsorten“.

Und welcher ist das, sein allerliebster Ort auf der Welt? „Nein, nein!“ Michael Poliza macht eine abwehrende Handbewegung. Den einen Lieblingsort, den gibt es nicht. „Das wäre ja auch ungerecht den zehn anderen Lieblingsorten gegenüber.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... schönen Bildern, noch vor Sonnenaufgang.

Die Zeit vergesse ich ...

... in der unberührten Wildnis.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss mit Leidenschaft, Spaß und Energie herangehen.

Erfolge feiere ich ...

... gar nicht. Ich freue mich im Stillen.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn Menschen inkompetent sind. Mit Tieren bin ich geduldiger.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... das Gleiche wie heute: Spaß an dem haben, was ich mache.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... die Kontrolle darüber verlieren, wie viel ich esse. Jetzt muss ich 20 Kilo abnehmen.

Rat suche ich ...

... bei meinen Freunden und bei Menschen, die Ahnung vom Thema haben.

Familie und Beruf sind ...

... seit zwei Jahren beide sehr wichtig für mich. Vorher war es nur der Beruf.

Den Kindern rate ich, ...

... viel zu probieren und neugierig zu sein.

Mein Weg führt mich ...

... bestimmt noch in ein paar spannende Abenteuer und zu vielen Plätzen auf der Welt, die ich noch nicht gesehen habe.

Zur Person

  • Michael Poliza kommt 1958 in Hamburg als Sohn einer Wirtin zur Welt. Mit zehn Jahren gerät er über eine Komparsenrolle in die Schauspielerei.
  • Nach einem abgebrochenen Informatikstudium gründet er eine IT-Firma - und wird Millionär.
  • Er verspekuliert sein Vermögen an der Börse und macht sein Hobby zum Beruf. Mit der Naturfotografie erlangt er internationale Bekanntheit.
  • Michael Poliza lebt mit seiner langjährigen Freundin zusammen, die zwei Kinder hat.
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft.
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