Nachwuchsjuristen

140.000 Euro für Berufseinsteiger

Von Marcus Jung
 - 09:01

Sie sind ehrgeizig, wortgewandt, bestens ausgebildet, haben schon etwas von der Welt gesehen und – das Wichtigste: Sie haben zwei schwierige und körperlich aufreibende Staatsexamen mit großem Erfolg, nämlich mit dem Prädikat, absolviert. Gerade mal 2 Prozent erreichen im zweiten juristischen Staatsexamen die Noten „sehr gut“ und „gut“ laut der jüngsten Prüfungsstatistik des Bundesamts für Justiz. Immerhin noch jeder sechste Kandidat unter den fast 8800 geprüften Referendaren verdient sich sein „voll befriedigend“.

Es dreht sich dabei insgesamt um ungefähr 1000 Nachwuchsjuristen, um deren Gunst vorwiegend Großkanzleien mit großen Versprechungen werben – und dabei mit Einstiegsgehältern von mittlerweile bis zu 140.000 Euro besonders tief in die Tasche greifen. Denn von Werbebotschaften wie „spannende Mandate“, „tolle Arbeitsatmosphäre“ und „ausgewogene Arbeitszeiten“ lassen sich die im Regelfall gut informierten Bewerber kaum noch blenden. Stattdessen stehen materielle Werte nach einer aktuellen Umfrage der Meinungsforscher von Yougov ganz oben auf der Agenda von Berufseinsteigern: Für 41 Prozent der 18- bis 24-Jährigen ist die Bezahlung wichtiger als Flexibilität im Beruf und geringe Arbeitszeiten. Für Nachwuchsjuristen spielt das finanzielle Angebot eines potentiellen Arbeitgebers ebenfalls eine große Rolle. Bei mittlerweile üblichen sechsstelligen Gehältern im ersten Berufsjahr wird kein Junganwalt mehr unruhig; viele haben schon im Referendariat als Mitarbeiter einer Kanzlei gut verdient und sind mit der „Gehälterrallye“ bestens vertraut.

Gehälterrallye – so bezeichnen Bewerber, Personalberater und sogar die Anwälte in Großkanzleien den Wettbewerb um die besten Juristen. In Anlehnung an das Englische ist häufig auch von dem „War for Talent“ die Rede. Für die Kanzleien ist es ein quasi „geschlossener Bewerbermarkt“. Denn mit den Gehältern, die Kanzleien bereit sind zu zahlen, kann in der Regel weder die Rechtsabteilung eines Konzerns noch der Staat Schritt halten.

Die bekannten Kanzleien überbieten sich

Nachdem die Gehälterentwicklung in den vergangenen Jahren eher stagnierte, überbieten sich seit diesem Spätsommer die bekannten deutschen Kanzleien wie Hengeler Mueller und Gleiss Lutz sowie ihre internationale Konkurrenz von Linklaters oder Freshfields Bruckhaus Deringer wieder mit ihren Einstiegsgehältern. Es vergeht kaum eine Woche, in welcher der Branchendienst Juve über sein Karrieremagazin „azur“ nicht eine neue Gehaltsrunde vermeldet. Stolze 120.000 Euro kann ein Prädikatsjurist in den meisten Großkanzleien verlangen – und das schon mit 24 Jahren, wenn man zügig studiert und im Anschluss direkt das Referendariat begonnen hat. Und gerade erst meldete die amerikanische Kanzlei Milbank Tweed Hadley & McCloy, dass sie Berufsanfängern vom kommenden Jahr an sogar 140.000 Euro zahlt – auch die Gehälter anderer Mitarbeiter passt man als Reaktion auf den verschärften Wettbewerb an.

Die Reaktion unter Anwälten, in den sozialen Netzwerken und auf Konferenzen fiel diesmal drastisch aus. Für „total überzogen“ und „dauerhaft nicht darstellbar“ halten Juristen mit Berufserfahrung die aktuelle Gehälterdebatte. Der Personalberater Martin Wollziefer spricht von einer Aufwärtsspirale der Vergütungen, weil sich die Kanzleien mit Geld gegenseitig überbieten müssen. „Die Gehaltsentwicklung in Kanzleien hat sich vollkommen von anderen Branchen abgekoppelt, selbst bei heißbegehrten Ingenieuren steigen die Einstiegsgehälter nicht in einem solchen Maße.“ Bedenklich findet Wollziefer, der vor seiner Zeit als Berater von Kanzleien unter anderem Personalleiter der Koelnmesse war, dass mittelgroße Sozietäten und kleinere Spezialkanzleien in den Anwaltsmärkten wie Frankfurt, München und Düsseldorf diesem Trend folgen müssen – sonst hat sie eben kaum ein Bewerber auf dem Radar.

Tatsächlich liegen die Spitzengehälter in den Kanzleien heute rund 40.000 Euro über dem Niveau von 2007. Damals zahlten amerikanische Kanzleien ihren deutschen „First-years“ ein Grundgehalt von 100.000 Euro samt Bonus. Der Unterschied zu heute: Von dem zusätzlichen Leistungsanreiz im ersten Jahr haben sich immer mehr Kanzleien verabschiedet. Als erste internationale Kanzlei hatte wiederum Milbank die Bonuskomponente ausgesetzt und das Festgehalt auf seinerzeit 125.000 Euro angehoben.

Die Dynamik ist riesig

Eine andere Zahl macht die Dynamik der sechsstelligen Einstiegsgehälter noch viel deutlicher: Vor zehn Jahren waren nur drei Kanzleien bereit, so viel für Berufseinsteiger zu zahlen. Aktuell listet der Branchendienst Juve mehr als 40 Sozietäten auf, die ein Einstiegsgehalt von 100.000 Euro und darüber hinaus zahlen. Selbst die personell größte Kanzlei Deutschlands, CMS Hasche Sigle, ist nach langem Zögern auf den Zug aufgesprungen – auch wenn Managing Partner Hubertus Kolster darauf hinweist, dass man den Wettlauf der Wettbewerber um das höchste Einstiegsgehalt bewusst nicht mitgemacht habe. Nachdem Berufseinsteiger je nach Standort jahrelang unterschiedlich bezahlt wurden, erhalten sie von der Kanzlei nun einheitlich 100.000 Euro.

„Der Markt hat sich in diesem Jahr zum ersten Mal seit der Finanzkrise drastisch verändert“, sagt Thomas Schmidt, Head of Human Ressources bei Linklaters, als er auf die 120.000 Einstiegsgehalt als vermeintlicher Marktstandard angesprochen wird. „Die Gehälter haben angezogen, weil der Pool an Top-Kandidaten gleich geblieben ist, während der Bedarf gewachsen ist.“ Mit den Gehältern trage man dem Umstand Rechnung, dass der Beruf viel Kreativität, hohen Einsatz und schnelles Eingehen auf komplexe Mandantenbedürfnisse abverlangt, sagt Schmidt. Der in Frage kommende Kreis von Kandidaten muss weiterhin zwei Prädikatsexamen vorweisen; auch bei Linklaters öffnet nur die nachgewiesene fachliche Exzellenz eines Junganwalts die Tür zum Vorstellungsgespräch. Schmidt weist zudem darauf hin, dass auch für seine Kanzlei weiche Faktoren an Bedeutung gewonnen haben. „Wir fragen uns, wie der Kandidat das Team bereichert.“ Dabei hört man vor allem auf die Meinung jüngerer Linklaters-Anwälte. Schlussendlich müssen sie mit dem künftigen Kollegen in den Belastungssituationen zusammenarbeiten können.

Claudia Trillig ist als Leiterin Personal von Baker & McKenzie im ständigen Austausch mit jungen Juristen. Wie Schmidt hat auch sie zuletzt eine Veränderung im Bewerbermarkt wahrgenommen. „Nachwuchsjuristen denken wirtschaftlich und beobachten die Gehaltsentwicklung in den Kanzleien sehr genau. Viele von ihnen fragen sich, ob diese Entwicklung mittelfristig weiter funktionieren wird“, sagt sie. Standen für frühere Generationen von Junganwälten zunächst die Chancen auf die Partnerschaft und dann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Vordergrund, haben sich die Erwartungen der aktuellen Bewerber ganz offenbar in eine andere Richtung verschoben. „Berufseinsteiger legen meiner Erfahrung nach größeren Wert darauf, welche anderen Attribute der Arbeitgeber mitbringt als das Gehalt: Ist es ein Pionier-Unternehmen? Bietet er eine Top-Ausbildung? Ist es möglich, vom ersten Tag an die Arbeit mit zu gestalten?“ Baker & McKenzie hat sich für zwei Vergütungsmodelle entschieden. Mit 105 000 Euro bietet man ein marktübliches Gehalt an. Für künftige Mitarbeiter, die mehr Wert auf flexible Arbeitszeiten legen, gibt es günstigere Gehaltsbänder. Ob dies ein Ansatz ist, den künftig noch mehr Kanzleien für sich entdecken, hängt von der Nachfrage durch die Bewerber ab.

Droht eine Gehälterblase?

Thomas Ubber von Allen & Overy mahnt, dass die Entscheidung für eine Erhöhung der Gehälter immer auch eine unternehmerische Entscheidung sei, die reiflich überlegt sein wolle. „Dazu gehören die Auswirkungen auf die Kostenstruktur und damit Rentabilität genauso wie die Einschätzung der allgemeinen Marktsituation.“ Denn dass weiter ausreichend Top-Juristen nachwachsen, kann angezweifelt werden. So ist zwar über die Jahre die Zahl der Jura-Studenten konsequent gestiegen – böse Zungen behaupten, auch wegen der in Aussicht gestellten hohen Gehälter. Zu einem größeren Angebot an geeigneten Kandidaten hat dies für die Kanzleien jedoch noch nicht geführt, heißt es aus Branchenkreisen. Das Regulativ zwischen Angebot und Nachfrage macht es schwierig, eine Prognose über die Gehälter abzugeben: Um ihren Bedarf an jungen Mitarbeitern zu decken, sind die Kanzleien derzeit noch stark vom deutschen Markt abhängig.

Bislang scheint der Einsatz externer Dienstleister den Qualitätsansprüchen der Mandanten vielfach nicht zu genügen. Also wird man weiter viel Geld in Berufsanfänger investieren, von denen es irgendwann weniger geben wird. Und dann könnte eine Gehälterblase drohen, die das Zusammenbrechen der bisherigen Strukturen bedeutet. Aber dieses Wort will in der derzeitigen Hochstimmung im Markt keiner in den Mund nehmen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Marcus Jung
Marcus Jung
Redakteur in der Wirtschaft.
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