Kolumne „Nine to five“

Frust im Frost

Von Ursula Kals
 - 15:06

Minus zwölf Grad. 8.27 Uhr. Die S-Bahn hat Verspätung. Bei München-Giesing ist Schluss. Was tun die Berufstätigen, die bibbernd am Bahnsteig warten?

Sie hypnotisieren ihr Smartphone.

Sie fluchen.

Sie machen selbstvergessen Skigymnastik.

Sie lauschen der nuschelnden Geisterstimme aus dem Lautsprecher und hören das beunruhigende Wort Weichenstörung.

Sie organisieren ihren Bürotag.

Sie melden sich bei den Kollegen ab.

Sie referieren den Grund der Verspätung und spekulieren darüber.

Sie frieren.

Sie referieren ihre Termine.

Sie sind wichtig.

Sie nehmen sich wichtig.

Sie frühstücken.

Sie tauen ihre frostigen Finger am Kaffeebecher auf.

Sie vertrösten Mandanten.

Sie geben eine Runde Hustenbonbons aus.

Sie vereinbaren einen Refresh-Termin und faseln von „geilen Scoops“.

Sie reden noch mehr Businesskauderwelsch.

Sie fühlen sich großartig dabei.

Sie schimpfen auf die Münchener Verkehrsbetriebe.

Sie stapfen auf und ab.

Sie schimpfen auf den Winter und schwärmen von Saunagängen.

Sie diskutieren die Weltpolitik.

Sie starren in die Luft.

Sie rätseln, ob das Tschechisch ist, was der Mann neben ihnen spricht.

Sie fragen nach alternativen Fahrmöglichkeiten zur Arbeit.

Sie verzweifeln, weil ihr Flieger fliegt.

Sie erleben einen Mord, analog im Taschenbuch.

Sie organisieren eine Taxi-Runde.

Sie grämen sich.

Sie starren missmutig auf die rotnasige Kinderschar, die sich dick wattiert aufs Schlittschuhlaufen freut.

Sie blicken lächelnd auf die Kinder, die im Hier und Jetzt leben.

Sie lesen die Abendzeitung.

Sie lesen ein Protokoll.

Sie arbeiten den Prospekt des Discounters systematisch durch.

Sie steigen in die S-Bahn.

Sie konkurrieren um Sitzplätze.

Sie tauen auf.

Sie steigen wieder aus.

Sie strömen in die U-Bahn.

Sie stecken im Tunnel fest.

Sie hören die freundliche Geisterstimme, die „glei geht’s weiter“ tröstet.

Sie denken über Carsharing nach.

Sie erholen sich am Schreibtisch.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
  Zur Startseite