Kolumne „Nine to five“

Im Büro zur Bikinifigur?

Von Uwe Marx
 - 06:02

Herrje, schon wieder dieses Gift im Bahnhofskiosk, kurz vor der Dienstreise: Fitnesstipps von einem der vielen bunten Blättchen im Zeitschriftenregal. Aber nicht das übliche Schema, also etwa: Waschbrettbauch in fünf Minuten! Oder: Olympiasiegerfigur, nur mit Rohkost! Oder: Bikini-tauglich durch achtsamen Mittagsschlaf! Nein, fast noch schlimmer, es heißt nämlich: die besten Fitnesstips fürs Büro. Also während der Arbeitszeit, quasi nebenher. Das geht zwar immer schief, aber die Leier von der Körperertüchtigung im Arbeitsalltag geht trotzdem weiter.

Auch diesmal haben die selbsternannten Übungsleiter schier unglaubliche Ratschläge auf Lager: Treppenlaufen sei besser als Aufzugfahren, Radfahren (zur Arbeit) gesünder als Autofahren, ein bisschen Rumgehen empfehlenswerter als ewiges – und oft krummes – Sitzen am Schreibtisch. Hätten wir natürlich nie für möglich gehalten. Und deshalb gehen wir gutgläubig mal davon aus, dass ein weiterer Hammer-Tipp – nämlich den Zimmernachbarn zwischendurch mal persönlich zu besuchen, statt ihm nur eine Mail rüberzuschicken – ewige Jugend garantiert. Natürlich inklusive Waschbrettbauch oder Bikinifigur.

Die Wahrheit ist leider eine andere, denn Büros machen meistens Bäuche und keine Traumfiguren. Schön wär’s zwar, aber es ist einfach der falsche Ort für körperliche Selbstoptimierer. Jedes Stehpult und jeder Sitzball in Ehren, sofern sie der Körperhaltung oder dem eigenen Wohlbefinden dienen. Das Gleiche gilt für radfahrende Arbeitnehmer. Aber alles, was darüber hinaus geht, sollte zwar seinen Platz finden – aber nicht unbedingt bei der Arbeit.

Liegestütze vor dem Meeting? Unrealistisch!

Frauen, die in Kostümen und hochhackigen Schuhen am Schreibtisch gymnastische Übungen absolvieren, oder Männer, die vor dem nächsten Meeting mit hochgekrempelten Hemdsärmeln Liegestütze machen, kommen zwar auf gestellten Fotos vor, nicht aber im echten Leben. Und das ist ja auch gut so.

Wer will denn all das Dehnen, Stemmen und Stöhnen der sportiven Kollegen um sich haben, wenn die Arbeit wartet? Soll doch bitte jeder in seiner Freizeit tun, was er für richtig hält. Oder in der Arbeitspause. Aber doch bitte nicht im Büro! Klingt ja auch blöd, dem Kunden am Telefon zu sagen, dass die Kollegen gerade keine Zeit haben, weil die Sit-ups noch nicht beendet sind. Außerdem könnten sich die weniger Sportlichen nicht gut dabei fühlen, wenn andere ihnen ständig etwas vorturnen. Auch darauf muss man im Sinne des Betriebsfriedens Rücksicht nehmen.

Wie gut ist es da, dass sich der ganze Wind am Ende schnell legt. Und zwar nur kurz hinter den Fitness-Krachern fürs Büro. Da heißt es nämlich im selben Blatt, dass Menschen mit Übergewicht nicht unbedingt ungesünder sein müssen. Darauf – kleiner Tipp – zwei, drei Schokoriegel zwischen Kantinenbesuch und Feierabend.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Marx, Uwe (umx)
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
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