Heikler Start in „tolle Tage“

Sabine, es gibt Berliner!

Von Nadine Bös
 - 11:11

Meier kam aus Hannover. Seit dem Herbst leitete er in Köln ein Marketingteam in einem deutschlandweit tätigen Unternehmen. Alle duzten sich, man hatte ihn gut aufgenommen. Trotz seiner eher trockenen Art kam er super klar mit Karl-Heinz, der aus Berlin stammte, mit Harry, der aus Wiesbaden hergezogen war, mit Ute, die einen rheinischen Singsang kultivierte und mit Sabine, seiner Sekretärin, die sogar im selben kölschen Viertel groß geworden war, in dem der Betrieb saß. Bloß seit Donnerstag verstand Meier nichts mehr. Schon morgens war Sabine mit einem seltsamen Leuchten in den Augen und einer Schere in der Hand auf ihn zugekommen. Schnipp, schnapp, Krawatte ab, eine seiner besten, rote Seide, teure Marke. „Wieverfastelovend“ hatte Sabine gesagt und ihm ein Küsschen auf die Wange gedrückt.

Meier hatte erstmal gegoogelt. Gehört hatte er das ja schon mal, dass sie in Köln nicht erst an Rosenmontag mit dem Karneval anfingen. Aber das mit der Krawatte? „Es ist an diesem Tag seit Mitte des 20. Jahrhunderts Brauch, dass Frauen den Männern die Krawatte als Symbol der männlichen Macht abschneiden“, las er auf Wikipedia. „Sofern der Träger der Krawatte dem Abschneiden nicht zuvor zugestimmt hat, kann eine Eigentumsverletzung vorliegen.“ „Sabine!“, rief er.

Aber Sabine hörte ihm gar nicht zu. „Wie findest du mein Kostüm?“, fragte sie. Sie hatte sich einen seltsamen gelben Einteiler mit Flügeln übergeworfen. Ein Huhn? Eine Biene? Meier hatte keine Lust, sich damit zu beschäftigen. „Schön, schön“, brummte er und verschanzte sich hinter dem Rechner. Nicht lange. Um 11.11 Uhr brach Chaos aus. Luftschlangen wurden ausgeblasen, Schlager dröhnten aus einer Box, Schnäpse kreisten. Meier guckte und staunte ein bisschen und fuhr dann rasch nach Hause. Am nächsten Tag allerdings hatte er beschlossen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, schließlich wollte er es sich mit dem Team nicht verscherzen. Von einer Klage gegen Sabine wegen der Krawatte würde er absehen. Um seinen Großmut zu beweisen, trug er eine Bäckertüte unter dem Arm und rief zur Begrüßung: „Ich habe Krapfen mitgebracht!“ Die Mitarbeiter schwiegen verständnislos. Harry nahm sich ein Herz und öffnete die Tüte. „Ach, Kreppel“, sagte er, „danke, Chef“. Ute rief: „Sabine, es gibt ganz viele Berliner!“ – „Nee, hia jibt dit nur eenen Berlina,“ sagte Karl-Heinz kauend. „Bei uns heißt ditte Pfannekuchen.“ Meier verdrehte die Augen. „Doch alle verrückt geworden“, dachte er bei sich.

Quelle: F.A.Z.
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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