Karriereziele

Auf dem Marktplatz der Jura-Talente

Von Matthias Gafke
 - 06:46

Das Einstiegsgehalt im ersten Berufsjahr sollte möglichst sechsstellig sein, sagt Aleksandra, die im schwarzen Hosenanzug und mit weißer Bluse zur Juracon – einer Karrieremesse für Juristen – nach Frankfurt gekommen ist. Aleksandra ist 25 Jahre alt. Das erste juristische Staatsexamen hat sie mit Prädikat bestanden. Ein üppiges Gehalt, erzählt sie, sei ihr wichtiger als die Arbeitszeit. Auf die Juracon habe sie sich intensiv vorbereitet. Zwölf Einzelgespräche mit potentiellen Arbeitgebern will sie an diesem Tag führen. Die Termine dafür konnte sie vorab vereinbaren. Zwischen den halbstündigen Gesprächen bleibt ihr kaum Zeit zum Durchatmen. „Ich bin übermotiviert“, sagt Aleksandra, was beinahe wie eine Entschuldigung klingt.

Die Juracon ist eine der wichtigsten Karrieremessen für Juristen in Deutschland. Auf ihr können Studenten, Referendare und Volljuristen persönliche Kontakte zu Kanzleien und Unternehmen knüpfen. In Frankfurt werben mehr als 50 Aussteller – unter ihnen auch Universitäten und der öffentliche Dienst – um die Crème de la Crème des juristischen Nachwuchses. Um eines der begehrten Einzelgespräche zu ergattern, musste man vorab seinen Lebenslauf einreichen und darauf hoffen, dass dieser Interesse weckt. Zur Frankfurter Juracon strömten 1200 Juristen aus ganz Deutschland. Von ihren Bewerbungen für ein Einzelgespräch war jede vierte erfolgreich.

Die Praxis der vergangenen Jahre hat gezeigt: Wer auf der Messe überzeugt, der kann mit der Einladung zu einem „richtigen“ Bewerbungsgespräch rechnen. Das Speeddating auf der Juracon hält mitunter aber auch eine schnelle Ernüchterung bereit. Anna, die in Mainz studiert, erzählt, dass ihr Gespräch mit einer unfreundlichen Bemerkung begonnen habe. So sei sie von ihrem Gegenüber darauf hingewiesen worden, dass zum Essen bisher keine Zeit geblieben sei, weil ein Termin den nächsten jage. Im Gespräch hatte Anna dann den Eindruck, die Kanzlei habe ihre Bewerbungsunterlagen nur oberflächlich durchgesehen.

55 Stunden in der Woche sind in Ordnung

Von der Messe verspricht sich die angehende Juristin dennoch den Einstieg ins Berufsleben. Vergangenes Jahr habe ihr die Juracon zu einem Praktikumsplatz verholfen, so Anna, die zu den Besten ihres Jahrgangs zählt und gerade ein Auslandspraktikum in den Vereinigten Staaten absolviert hat. Eine Wochenarbeitszeit von 55 Stunden findet sie in Ordnung. Mehr möchte sie allerdings nicht arbeiten, auch wenn das mit einem höheren Gehalt verbunden wäre. „Denn dann hätte man keine Gelegenheit mehr, das Geld überhaupt auszugeben“, sagt Anna.

Dass die Work-Life-Balance immer mehr an Bedeutung gewinnt, kann auch Christoph Naumann von der Kanzlei Watson Farley & Williams bestätigen. Naumann sagt, dass mittlerweile in den Vorstellungsgesprächen danach gefragt werde. Noch vor ein paar Jahren wäre das unvorstellbar gewesen, so Naumann. „Der Jurist von heute hat aber keine Lust mehr, dem Berufsleben alles unterzuordnen.“

Um die Besten abzuschöpfen, zahlt Watson Farley & Williams Neueinsteigern ein Jahresgehalt von 90.000 Euro. Wer einen Doktortitel oder einen internationalen Master-of-Laws-Abschluss (LL.M.) hat, steigt sogar noch höher ein. Naumann erzählt, dass er seinen LL.M. in den Vereinigten Staaten gemacht habe. Das sei ein „saugeiles“ Jahr gewesen, sagt er. Der LL.M., findet Pia Hoppe, sei das „Sahnehäubchen“ einer juristischen Vita. Auf der Juracon wirbt Hoppe für einen LL.M. an der australischen Bond University. Der Campus der Privatuniversität liegt im Südosten des Bundesstaats Queensland, wo an 300 Tagen im Jahr die Sonne scheint und laut Hoppe viele Australier ihren Urlaub verbringen. Dort den LL.M. zu machen muss man sich allerdings auch leisten können. 25000 Euro sollte man für das achtmonatige Studium einplanen, rät Hoppe. Dafür sammele man aber jede Menge interkulturelle Kompetenz.

Bewegung im Gehaltsgefüge

Von dieser schwärmt auch Stefanus Figgener am Stand von KPMG, die zu den Big Four der vier umsatzstärksten Wirtschaftprüfungsgesellschaften gehört. Durch die Auslandserfahrung, so Figgener, besäßen Bewerber mit einem LL.M. exzellente Englischkenntnisse, was für viele Aussteller auf der Messe ein wichtiges Auswahlkriterium ist. Für Steuerrechtler sei es aber schwer, solche Leute zu rekrutieren. Der Branchenverband Juve liefert einen Hinweis, woran das liegen könnte: KMPG zahlt Einsteigern lediglich 50.000 Euro im Jahr.

Nachdem in den letzten Jahren die Einstiegsgehälter eher stagnierten, ist seit dem vergangenen Sommer Bewegung ins Gehaltsgefüge gekommen. Wer es sich leisten kann, der lockt den Nachwuchs mit astronomischen Summen. Der Branchendienst Juve beziffert ein Standardgehalt mit 100.000 Euro. Am besten zahlten amerikanische Top-Kanzleien, die Berufseinsteiger mit bis zu 140.000 Euro lockten. Juve zufolge gibt es mittlerweile mehr als 30 Sozietäten, bei denen Juristen im ersten Jahr sechsstellig verdienen.

Beim Bewerber bewerben

Angesichts dieser monetären Verheißungen mag es kaum verwundern, dass der öffentliche Dienst auf der Messe einen schweren Stand hat. Von Arbeitgebern wie dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) oder der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) ist anfangs „nur“ eine Eingruppierung in die Entgeltgruppe 13 des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst der Länder zu erwarten. Für einen 28 Jahre alten Tarifbeschäftigten in Baden-Württemberg bedeutet das eine monatliche Vergütung von weniger als 4000 Euro. Kerstin Vogt, Personalreferentin von VBL, sagt: „Wir müssen uns beim Bewerber bewerben.“

Als Vorzüge des öffentlichen Dienstes preist sie eine betriebliche Altersvorsorge, eine 39-Stunden-Woche („mehr als zehn Stunden am Tag sind nicht erlaubt“) und Gleitzeit. „Tokio und New York können wir nicht bieten“, so Vogt. Fremdsprachenkenntnisse und Auslandserfahrung seien daher aber auch kein Muss. Das Pfund, mit dem Vogt wuchert, ist der sichere Arbeitsplatz. Sorgen machen muss man sich um die VBL allerdings nicht. Auf eine Stelle kämen 60 Bewerber, eine Quote, von der die Polizei zum Beispiel nur träumen kann. Deren Personalabteilungen schätzen sich glücklich, wenn es auf eine Stelle zehn Bewerber gibt.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz wirbt zusätzlich zum sicheren Arbeitsplatz mit einer Verbeamtung und einer monatlichen Sicherheitszulage von etwa 200 Euro. Wie viele Bewerber es gibt, möchte man nicht sagen. In puncto Attraktivität für Nachwuchsjuristen vertraut das BfV auf „Überzeugungstäter“, die mit dem Salär des öffentlichen Dienstes zufrieden sind, wenn sie dafür die freiheitlich-demokratische Grundordnung schützen können.

Work-Life-Balance als wichtiges Kriterium

Hört man sich auf der Messe um, so besteht die Attraktivität solcher Arbeitgeber tatsächlich in der Tätigkeit, die sie offerieren. Lucas, 31 Jahre alt, ist extra aus Weimar angereist, weil er wusste, dass sich der Verfassungsschutz auf der Juracon präsentiert. Lucas hat beide Staatsexamen in der Tasche und schon eineinhalb Jahre Berufserfahrung im Medizinrecht. Von dem Gehalt, das das BfV zahlt, könne er eine Familie ernähren. Außerdem, so Lucas, mache Geld allein nicht glücklich.

Spitzengehalt oder doch lieber eine ausgeglichene Work-Life-Balance? Diese Frage beschäftigt auch Stefanie, die einen Arbeitgeber in Frankfurt sucht. Stefanie ist 28 Jahre alt und promoviert. Einerseits schwebt ihr ein Einstiegsgehalt von mindestens 85.000 Euro vor. Andererseits schätzt die Nachwuchsjuristin mit Prädikatsexamen ausreichend Freizeit: Eine 50-Stunden-Woche sei okay. Um den Spagat zwischen exorbitantem Gehalt und genügend Freizeit hinzukommen, hat sie vier Einzelgespräche mit mittelständischen Unternehmen vereinbart. Alternativ käme auch eine Richterstelle in Frage. Das Anfangsgehalt für eine junge Frau in Hessen liegt laut Deutschem Richterbund bei 3900 Euro. Nicht unbedingt das, womit sich amerikanische Großkanzleien die Besten angeln.

Quelle: F.A.Z.
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