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Repetitorien

Nachhilfe für Hochschüler

Von Birgitta vom Lehn
 - 06:00
Vorlesungsstoff im Repetitorium wiederholen: Was in Jura seit langem Bestand hat, wird nun auch in anderen Fächern nachgefragt. Bild: Bergmann, Wonge, F.A.Z.

In höherer Mathematik habe er erst im zweiten Versuch bestanden, gibt der Student der Elektrotechnik an der RWTH Aachen zu. Ohne selbst zu lernen, sei es freilich nicht gegangen. Das Repetitorium sei aber auch gut gewesen für einen wie ihn, der in der Vorlesung irgendwann nicht mehr folgen konnte und dann nicht mehr hingegangen sei. "Man hört alles noch mal", schreibt er in einem Internetforum und fügt hinzu: "Man wird motiviert, regelmäßig was zu tun - immerhin hat man ja dafür bezahlt."

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Für die meisten Juristen gehören Repetitorien schon seit langem zur Examensvorbereitung. Für Mediziner gibt es ebenfalls einen kleinen Markt, bei Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern hörte man bislang kaum davon. Doch das könnte sich ändern: Repetitorien verzeichnen auch dort regen Zulauf.

Der Repetitor predigt im Kirchensaal

In der Maschinenbau-Hochburg Aachen ist "der Kern", wie man ihn dort nennt, schon seit 30 Jahren für viele Studenten ein guter Bekannter: Der promovierte Physiker Wolfgang Kern lebt davon, Studenten abseits der offiziellen Uni-Pfade in Mathematik, Mechanik, Elektrotechnik, Physik, Thermodynamik und Strömungsmechanik zu unterstützen. Ort seiner Repetitorien ist ein Pfarrsaal, je Stunde zahlen seine Schüler einen Euro. Wenn sich zum Semesterende die Hörsäle leeren, füllt sich Kerns Kirchensaal.

Der wachsende Markt lockt neue Anbieter

"Herr Kern erklärt die Sachen so, dass man merkt, man muss keine Angst vor dem Stoff haben", postet besagter Elektrotechnik-Student. Für ein Gespräch mit dieser Zeitung steht Kern leider nicht zur Verfügung: Die "heiße Phase der Prüfungsperiode" lasse ihm "absolut keine Zeit, selbst an Wochenenden nicht", teilt er in einer Mail mit.

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Umso gesprächiger zeigt sich Frank Dischinger. Der 53 Jahre alte Bauingenieur probiert sich seit einem Jahr auf dem Aachener Rep-Markt. Zuvor hat er jahrelang in der Wissenschaft gearbeitet. Doch als feststand, dass er an der Hochschule keine feste Stelle findet, mietete auch er von der Kirche einen Saal, in dem er nun mit bis zu dreihundert Ingenieurstudenten Mechanik, Mathematik und Physik paukt. "Das Niveau der wissenschaftlichen Mitarbeiter ist oft katastrophal. Deshalb brauchen manche Studenten den Rep", behauptet Dischinger.

Dieter Weichert, Leiter des Instituts für Allgemeine Mechanik an der RWTH, berichtet, er habe damals als Student zwar selbst ein Repetitorium besucht, aber nur, weil er später ins Semester eingestiegen war und Stoff nachholen musste. Grundsätzlich hält er ein Repetitorium "wirklich nicht für erforderlich", gerade auch weil in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte in der Studierendenbetreuung gemacht worden seien: "Wir beschäftigen hier 150 Hilfswissenschaftler." Auch seien die Vorlesungen im Netz verfügbar, so dass sie jeder nacharbeiten könne. Allerdings, sagt Weichert, sei jeder Student anders, und jeder lerne anders. Einige brauchten eben "die Versicherung, alles getan zu haben".

Bestehen statt verstehen

Eberhard Triesch vom Lehrstuhl für Mathematik für Ingenieure hat sich im Wintersemester mit einem Kollegen die Vorlesung für 2000 Studienanfänger geteilt. Jeweils 1000 saßen im Audimax. Einerseits kann Triesch verstehen, wenn die Studenten den Repetitor aufsuchen: "Gerade die Maschinenbauer haben sehr viele Fächer und klagen deshalb, dass sie keiner Sache so richtig auf den Grund gehen können." Deshalb sei es "nachvollziehbar, wenn sie nur bestehen statt verstehen wollen".

Andererseits, sagt Triesch, führe der einfachste Weg zum Bestehen über das Verstehen. Der Repetitor pauke aber nur Übungsaufgaben aus alten Klausuren, und wenn dann er, der Professor, die Aufgaben anders stelle, bekomme er böse Kommentare zu hören. "Das ärgert mich", gibt Triesch zu. Auch findet er, dass die Repetitoren seine Lernziele "torpedieren": "Mathematisches Wissen hat Struktur, man muss sie herleiten können." Mit bloßem Pauken sei es nicht getan.

Die Lücken bringen die Studenten schon aus der Schule mit

Den meisten Rep-Nutzern scheint es aber trotzdem zu reichen. Das weiß auch Michael Hoppe: Seit fast 25 Jahren bietet er in Wuppertal dem wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchs Mathematik- und Statistik-Repetitorien an. "Ich bringe den Studenten keine Statistik bei, sondern das Lösen von Textaufgaben bei dem jeweiligen Dozenten. Sie bestehen ihre Klausur dann mit der Note drei und besser, haben aber keine Ahnung von Statistik." Die Schuld am studentischen Nachholbedarf gibt der Mathematiker und Philosoph vor allem den Schulen: "Die Schüler erwerben heute so viele Kompetenzen, dass sie vor lauter Kompetenz nicht mehr rechnen können." Zudem dürften sie viel zu früh den Taschenrechner benutzen.

Ähnlich sieht es Markus Bause. Der Mathematikprofessor an der Bundeswehruniversität in Hamburg klagt: "Die Defizite haben enorm zugenommen, weil in der Mittelstufe die falschen Akzente gesetzt werden. Am schwersten wiegen die Lücken aus der siebten und achten Klasse. Sie auszugleichen, ist sehr schwierig." Mit Einführung des verkürzten Gymnasiums befürchtet Bause eine weitere "dramatische Verschlechterung". Seine Hochschule, die das Studium straff in Trimestern organisiert, versucht das Problem mit eigenen kostenlosen Mathe-Repetitorien aufzufangen.

Im Bachelor zählen die Noten von Anfang an

In das Klagelied vom Fehlen grundlegender Rechentechniken stimmt auch RWTH-Professor Triesch ein: "In den Vorkursen stellen wir immer wieder fest, dass die Studenten oft kein Bruchrechnen und keine Gleichungen mehr lösen können." Hinzu komme, dass heute alle Studenten stärker unter Notendruck stünden, weil alle Noten vom ersten Semester an auf dem Bachelor-Zeugnis zu finden seien. "Das zwingt zur Notenoptimierung. Viele gehen nur zum Rep, um eine bessere Note zu bekommen."

Der Physiker Markus Baumann, seit 2005 Gründer und Geschäftsführer der Studenten-Nachhilfe "Mathe-Esel" in Wuppertal, hat noch ein anderen Grund für den Besuch von Repetitorien entdeckt: "Jede Uni stellt extrem unterschiedliche Anforderungen. Beim Wechsel von der einen zur anderen Hochschule werden oft Scheine nicht anerkannt." Wenn da noch etwas nachgeholt werden müsse, kämen die Studenten zum Mathe-Esel. 90 Minuten Nachhilfe in der Kleingruppe kosten 29,50 Euro, die Zehnerkarte 280 Euro.

Es ist die Angst, die die Studenten umtreibt

Benjamin Schönfuß studiert im fünften Semester Maschinenbau an der RWTH. Den Rep-Ansturm seiner Kommilitonen kommentiert er so: "Gerade im ersten Semester lassen viele sich verrückt machen. Man hat dann auch noch nicht so den Überblick, worauf es ankommt." Seine Erfahrung: "Wenn man die Zeit, in der man zum Rep gehen könnte, stattdessen in das selbständige Lernen am Schreibtisch investiert, kommt man zu gleichen oder besseren Ergebnissen." Und man werde dann nicht überrascht von einer anderen "Klausurkultur" mit neuen Aufgabenstellungen.

Zudem empfiehlt er, die Sprechstunden der Professoren und Assistenten stärker zu nutzen. "Wer dort Fragen stellt, bekommt die besseren Informationen, gerade auch im Hinblick auf Klausuren."

Sechzig zu eins

Knapp 25 000 Professoren lehrten nach Angaben des Deutschen Hochschulverbandes im Jahr 2010 an deutschen Hochschulen, 1000 mehr als zehn Jahre zuvor.

Im gleichen Zeitraum stieg auch die Zahl der Studenten: um gut 160 000 auf 1,5 Millionen.

Das Betreuungsverhältnis verschlechterte sich dadurch: Kamen im Jahr 2000 auf einen Hochschullehrer noch 56 Studierende, so waren es zehn Jahre später bereits 60.

Quelle: F.A.Z.
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