Serie „Anders arbeiten“

Kreativ auf Bestellung

Von Corinna Budras
 - 07:48

Mit dem Internet kam die Freiheit. Das ist zumindest eine Art, den Wandel der Arbeitswelt zu sehen. Arbeit war früher da, wo der Arbeitgeber war: ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Telefon und ein Faxgerät. Das gab es nur dort. Dann wurden die Computer immer leichter, bis man sie überallhin tragen konnte, das Internet sorgte für Erreichbarkeit auf der ganzen Welt. Auch auf Bali, in Mexiko oder – wenn das W-Lan hält – auf einem Kreuzfahrtschiff in der Südsee. Statt unter der Leuchtstoffröhre sitzt man unter der Sonne Thailands und gräbt seine Füße in den Sand, während man auf seinem Computer die Internetseite des Kunden gestaltet. Kein Grund also, sein Leben in einem Büro herkömmlicher Art und Güte zu fristen, jedenfalls wenn man ungebunden und frei ist.

Mit dem Internet kam eine neue Form der Ausbeutung. Das ist die andere Art, den Wandel zu sehen. Das Internet ist eine gute Gelegenheit für Unternehmen, gutbezahlte Stellen abzubauen und stattdessen schlechtbezahlte Tagelöhner einzusetzen; digitale Nomaden, „Crowdworker“ genannt, weil sie nur Teil eines undefinierbaren Schwarms sind, die gar keine Chance auf eine Festanstellung haben und sich deshalb in ihrem Arbeitsleben von einem schlecht bezahlten Auftrag zum nächsten hangeln.

Wer darauf hofft, sich beruflich zu binden, hat gute Chancen

Beide Seiten gibt es, keine Frage, aber lange Zeit war unklar, welche Art sich am Ende durchsetzen würde. Die gute Nachricht zuerst: Vieles deutet auf die erste Variante hin. Die Zahlen jedenfalls sagen: Arbeit gibt es zuhauf. Noch nie gab es in Deutschland so viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte wie jetzt (knapp 33 Millionen), die Arbeitslosenquote mit 5,7 Prozent selbst im tiefsten Winter ist so niedrig wie lange nicht mehr. Die Zahl der Selbständigen steigt ebenfalls stetig, aber auf ein ganz anderes Niveau. Rund 1,4 Millionen Selbständige gab es im vergangenen Jahr. Das bedeutet: Wer darauf hofft, sich zu binden, hat gute Chancen, zumindest in den meisten Branchen.

Doch viele wollen gar nicht. Auch wenn nur eine Minderheit die neue Freiheit dazu nutzt, die Arbeit vom Strand aus zu erledigen. Das ist dann vielen doch zu abgedreht, das Café oder das Home-Office sind oft schon Flexibilität genug. Die Abwechslung macht den Reiz aus, die Möglichkeit, sich Auftraggeber und Arbeitszeit frei zu wählen.

Hinzu kommt: Die Alternativen sind verlockend, dem Internet sei Dank. Die Suche nach Aufträgen endet jetzt nicht mehr in den Kleinanzeigen oder am Schwarzen Brett beim Rewe um die Ecke. Es hat sich eine regelrechte „Plattformökonomie“ gebildet: Wer Aufgaben und Projekte sucht, findet sie in solchen Foren. Rund eine Million Menschen arbeiten so, schätzt die IG Metall, zumindest in Form eines Nebenverdienstes. Tendenz steigend. „Wir gehen davon aus, dass diese Form der Arbeit weiter zunehmen wird“, sagt Vanessa Barth, zuständige Ressortleiterin der IG Metall.

Der Bedarf ist groß, zum Beispiel, wenn es um künstliche Intelligenz geht. Die notwendigen Trainingsdatensätze zu beschaffen ist eine schier endlose Aufgabe. Allein zur Vorbereitung auf die selbst fahrenden Autos müssten auf riesigen Mengen von Straßenfotos Poller oder Straßenschilder per Hand markiert werden, berichtet Barth.

Es gibt Dutzende Plattformen mit unterschiedlicher Ausrichtung

Ausgerechnet der Internetkonzern Amazon hat den Trend einst gestartet mit kleinen, relativ schlechtbezahlten Aufgaben auf seiner Internetseite „Mechanical Turk“. Doch inzwischen gibt es allein in Deutschland Dutzende Plattformen mit unterschiedlicher Ausrichtung, auch für Tätigkeiten, die es früher gar nicht gab. Oder für die früher jedenfalls noch niemand bezahlen wollte.

Die Jobvermittlungsplattform „Appjobber“, ein Startup der TU Darmstadt, ist so ein Beispiel. Auf der Plattform gibt es „Microjobs“ zuhauf, also Tätigkeiten, die so klein sind, dass sie kaum der Rede wert sind. Einfach zu erledigen, quasi im Vorbeigehen mit dem Handy. Die Jobber fotografieren Straßenschilder oder Werbeaktionen im Supermarkt. Erstaunlicherweise gibt es dafür einen Markt: Tom Tom, der Navigationsgerätehersteller, möchte mit den Informationen seine Karten verfeinern. Ein Schokoladenkonzern will sicher sein, dass seine Ware ordentlich drapiert ist. Früher mussten die Unternehmen für die Aufgaben Trupps losschicken, jetzt verlassen sie sich auf die Hilfe des „Schwarms“ im Internet. Je nach Tätigkeit zahlen sie mal ein Euro, fünf oder auch mal zehn. Das kann sich läppern.

Das deutet auf eine wenig beachtete Folge der Digitalisierung: Viele fürchten, dass sie auf Dauer Millionen von Jobs kosten könnte, selbst der Bitkom-Chef Achim Berg warnte jüngst davor, dass 3,4 Millionen Stellen wegfallen könnten. Unüberschaubar aber ist auch die Zahl der neuen Tätigkeiten – darunter ganz große und eben auch sehr kleine.

Einige Konzerne sind ganz verrückt nach der neuen Projektwelt

Konzerne wie BMW, Volkswagen oder auch die Deutsche Bank sind jedenfalls ganz verrückt nach dieser neuen Projektwelt. Nicht so sehr, weil sie sich davon enorme Kosteneinsparungen erhoffen, sondern weil sie sich die Hilfe jener hippen neuen Arbeiterschaft sichern, die kreativ ist und sich gerade deshalb nicht gerne in ihre Arbeit reinreden lässt. Querdenker mögen die Unternehmen gerne – solange sie nicht die Belegschaft durcheinanderbringen. Dafür mieten sich viele Unternehmen eigens in Co-working Spaces wie Wework ein. Am Potsdamer Platz in Berlin, am Goetheplatz in Frankfurt oder am Gänsemarkt in Hamburg kann man dieser Klientel nahe sein, ohne sie zu verschrecken. Unangenehmer Nebeneffekt: Die eigenen Mitarbeiter werden dann schon mal zum ausführenden Organ degradiert, die Kreativität von außen eingekauft.

Als besonderes Beispiel dieser neuen Schwarmintelligenz gilt die Zusammenarbeit des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns Airbus, der 2016 mit dem Startup Local Motors einen „co-creation challenge“ auslobte, um die kommerzielle Drohne der Zukunft zu entwickeln. Insgesamt 117 000 Dollar winkten als Preisgeld, eine Jury grub sich durch 425 Vorschläge. Am Ende war nur eine kleine Gruppe erfolgreich, die abgelehnten Vorschläge gingen naturgemäß leer aus, aber auch dieses Modell kennt man bestens aus der vordigitalen Zeit. So haben sich Architekten schon immer von Ausschreibung zu Ausschreibung gehangelt.

Mehr als 30 Plattformen haben ihren Sitz in Deutschland, acht von ihnen tragen inzwischen eine Art „Fair-Work“Gütesiegel der IG Metall, weil sie einen gemeinsamen Code of Conduct unterschrieben haben. Die Gewerkschaft hat schon früh begriffen, dass sich mit Fundamentalopposition keine technische Entwicklung aufhalten lässt. Seitdem versucht sie nach Kräften, das Beste für die Schwarmarbeiter herauszuholen. Schließlich lassen sich auch viele potentielle Mitglieder locken, für die man selbst als klassische Arbeitnehmerorganisation noch etwas verändern kann: Indem man auf Qualität und Zuverlässigkeit pocht und auf einen anständigen Lohn. Dass dies nötig ist, sehen auch die Anbieter selbst. Was bringen unzählige Aufträge auf einer Plattform, die keiner übernehmen möchte? Das kennen die Bauern schon aus dem analogen Zeitalter: Für das Spargelstechen im Frühjahr steht bei ihnen auch niemand mehr Schlange.

Probleme gibt es trotzdem immer wieder. Mal wird zu wenig gezahlt, dann sind die Aufgaben so missverständlich beschrieben, dass der Auftragnehmer schon fast zwangsläufig nicht das liefert, was das Unternehmen wünscht. Auch dafür gibt es inzwischen eine Lösung: Gemeinsam mit den acht Plattformenbetreibern hat die IG Metall im November eine Ombudsstelle ins Leben gerufen, die bei streitigen Fällen entscheidet.

Bleibt das Problem der sozialen Absicherung. Das treibt Freiberufler seit jeher um, nicht umsonst wurden Künstlersozialkasse und berufsständische Versorgungswerke geschaffen, die für ihre Mitglieder vorsorgen. Mit der wachsenden Zahl der Freischaffenden wird allerdings auch das Problem größer – besonders für diejenigen, die nicht zu den hochbezahlten IT-Spezialisten gehören, die sich ihre Dienste teuer abkaufen lassen.

Die IG Metall hat deshalb schon mal einen Forderungskatalog nach Berlin geschickt: Sie will, dass die Mindestbeiträge in der Krankenversicherung von derzeit rund 400 Euro im Monat abgesenkt werden, viele Selbständige verdienten gar nicht genug, um sie sich leisten zu können, moniert die Gewerkschaft. Außerdem sollten die Selbständigen in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden, das allerdings gefällt nicht jedem. Angesichts der düsteren Rentenprognosen dürfte so mancher lieber privat vorsorgen. Auf beides haben sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag auch geeinigt. Nur umgesetzt werden muss es noch.

Quelle: F.A.S.
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.
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