Universitäten

Exzellent bis zur Selbstaufgabe

Von Heike Schmoll
 - 08:00

Am 15. Juni fällt zum dritten Mal die Entscheidung im Exzellenzwettbewerb von Bund und Ländern. Neun bisherige Exzellenzuniversitäten haben Fortsetzungsanträge eingereicht: die RWTH Aachen, die FU Berlin, die Universitäten in Freiburg, Göttingen, Heidelberg, Konstanz und München, die TU München sowie das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Scheitert eine der Universitäten daran, ihr Exzellenzcluster und ihre Graduiertenschulen im Wettbewerb erfolgreich zu verteidigen, also auch handfeste Ergebnisse der in den vergangenen Jahren geleisteten Arbeit vorzuweisen, fehlen ihr nach den Regeln des Wettbewerbs die Voraussetzungen für ihr Zukunftskonzept, das die künftige Entwicklung der gesamten Universität beschreibt. Dem Vorschlag des bayerischen Wissenschaftsministers Heubisch (FDP), keiner der neun Exzellenzuniversitäten ihren Status zu entziehen, weil Wissenschaft nicht mit dem „Zentimeterband“ beurteilt werden könne, hat der Vorsitzende des Wissenschaftsrats Wolfgang Marquardt inzwischen entschieden widersprochen. Wenn mit einem enormen Aufwand ein wettbewerbliches Verfahren von Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG) und Wissenschaftsrat organisiert werde, könne die Politik nicht plötzlich die Regeln außer Kraft setzen.

Man rechnet damit, dass es am 15. Juni insgesamt 12 Universitäten mit Exzellenzstatus geben wird. Eine in der ersten oder zweiten Runde gekürte Universität wird ihn verlieren, damit der Wettbewerbscharakter erhalten bleibt. In diesem Falle könnten vier Neubewerber in die Riege der Exzellenzuniversitäten gelangen.

Dynamik ist nicht vorhersehbar

Im sogenannten Bewilligungsausschuss, der am Freitag nächster Woche seine Entscheidung bekanntgeben wird, hat die Politik 32 Stimmen, die Wissenschaft aber 39. Der Befürchtung, dass die politischen Vertreter zu guter Letzt doch noch wissenschaftsfremde Kriterien wie regionale Verteilung und Proporz zwischen Ost und West geltend machen könnten, widersprechen die Wissenschaftsminister. Vor der entscheidenden Sitzung befürworten sie alle eine ausschließlich wissenschaftsorientierte Entscheidung. Aber welche Dynamik sich in der abschließenden Runde entwickelt, ist nicht vorhersehbar. Viele, die den Eklat zwischen Politik und Wissenschaft im ersten Verfahren noch erlebt haben, sind nicht mehr im Amt.

Unter den sieben neuen Anwärtern, die sich in der Vorrunde bewährt haben, findet sich eine Universität aus dem Osten, die TU Dresden, die große Chancen auf den Exzellenzstatus hat. Offensichtlich hat sie einen ausgezeichneten Antrag eingereicht. Schon in der ersten Runde der Exzellenzinitiative im Jahre 2006 war sie die einzige ostdeutsche Universität, die ein Exzellenzcluster und eine Graduiertenschule errang. Zu ihren Mitbewerbern gehören die Humboldt-Universität zu Berlin, die Universitäten in Bochum, Bremen, Köln und Mainz sowie Tübingen. Seit der Nominierung Tübingens zittern Freiburg und Konstanz um ihren Exzellenzstatus. Es gilt nämlich als unwahrscheinlich, dass Baden-Württemberg beim erfolgreichen Abschneiden Tübingens die bisherigen vier Exzellenzuniversitäten (Heidelberg, Freiburg, Konstanz, Karlsruhe/KIT) behalten würde. Nicht einmal die Betroffenen selbst glauben so ganz, dass der Wettbewerb ohne alle Proporzüberlegungen entschieden wird.

Vieles spricht dafür, dass die Wissenschaftsvertreter im Bewilligungsausschuss eine Liste von klaren Gewinnern vorlegen und dann zwei oder drei etwa gleich starke Bewerber zur Debatte stellen werden. In diesem Fall könnte tatsächlich die regionale Verteilung den Ausschlag geben. Auffällig ist, dass keine der hessischen Universitäten unter den Anwärtern auf den Exzellenzstatus ist. Inzwischen wird an hessischen Universitäten nicht nur hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dass es ganz offensichtlich an Unterstützung aus dem Wissenschaftsministerium in Wiesbaden mangelte. Nur Darmstadt konnte in der Vorrunde mit Exzellenzcluster und Graduiertenschule reüssieren. Baden-Württemberg war nicht nur in den früheren Entscheidungsphasen, sondern auch jetzt so erfolgreich, weil die Fachreferenten des Wissenschaftsministeriums kundig genug sind, um die Exzellenzanträge aus ihrem Land kritisch gegenzulesen, die Bewerber an einen Tisch zu bringen und ihnen Ratschläge zu erteilen, bevor die Anträge abgegeben werden. Die Universitäten werden dadurch auch davor bewahrt, vor lauter Antragsexzellenz und stromlinienförmiger Antragsprosa betriebsblind zu werden.

Sie haben es in der dritten Runde ohnehin zu einer zweifelhaften Meisterschaft beim Formulieren der zu erwartenden Forschungsvorhaben gebracht. Die Anträge seien geradezu überangepasst gewesen, heißt es in der Wissenschaft. Wie in den vorausgegangenen Runden mussten sie auf Englisch formuliert werden. Weniger albern geriet der sprachliche Einheitsbrei dadurch auch dieses Mal nicht. Auch hier reagierten die deutschen Universitäten devot und geradezu gleichgültig im Blick auf die Geltung des Deutschen als Wissenschaftssprache.

Mehr als 200 Gutachter mussten anreisen

Da es kaum deutsche Wissenschaftler gab, die nicht in irgendeiner Form als Antragsteller mitbeteiligt waren, mussten mehr als 200 Gutachter anreisen, zum weitaus größten Teil aus dem Ausland. Den sogenannten Begehungen der Gutachter mit Vertretern des Wissenschaftsrats und der DFG sind in den Universitäten zahlreiche Proben mit theatralischem bis kabarettistischem Charakter vorausgegangen. Da wurden Gutachter gemimt und ein kritisches Publikum einbestellt, der Rektor oder Präsident nach seinem ersten Vortrag wie ein Schuljunge noch einmal in Klausur geschickt - zum Nachbessern und Üben. Ein unvorstellbarer Aufwand. Kein Wunder, dass alle Rektoren und Präsidenten von einem untadeligen Verlauf der Begehung berichteten. Kritik wurde nur von nicht beteiligten Eingeweihten geäußert: So seien einige der ausländischen Gutachter auch dieses Mal durch tiefe Unkenntnis des föderalen Systems aufgefallen - trotz umfangreicher Vorinformationen in ihrer jeweiligen Sprache.

Für die Graduiertenschulen und Exzellenzcluster, die im März des vergangenen Jahres für die Endrunde ausgewählt wurden, war die DFG federführend, für die dritte Förderlinie des Wettbewerbs mit universitären Zukunftskonzepten der Wissenschaftsrat. Eingereicht wurden allein 98 neue Anträge für Graduiertenschulen, von denen 25 ausgewählt wurden, und 107 Anträge für Exzellenzcluster, von denen 27 die Vorrunde überstanden.

Exzellenzinitiative bindet Kräfte

Seit nunmehr zwei Jahren bindet die Exzellenzinitiative die Kräfte der renommiertesten Forscher in den Universitäten, die sich in der dritten Runde neu beworben haben. Alle bisher schon ausgewählten mussten einerseits Ergebnisse ihrer bisherigen Arbeit vorlegen, was nach zwei Jahren und bürokratischen Anfangsschwierigkeiten nicht immer ganz leicht war, und einen kreativen Vorschlag für die Fortsetzung entwickeln. Prinzipiell haben es die Neubewerber also etwas leichter, sie konnten noch unbeschwerter Luftschlösser bauen und mussten noch keine Ergebnisse vorweisen.

Es ist kein Zufall, dass nur vier der 27 ins Finale gelangten Cluster aus den Geistes- und Sozialwissenschaften stammen. Bei den bisher schon beteiligten 37 Clustern sind es sechs. Zwar sind die Kulturwissenschaften offenbar bei der Exzellenzinitiative erfolgreicher gewesen als in den koordinierten Programmen der DFG, aber das dürfte eher mit ihrer virtuosen Beherrschung des „Zeitgeist-Surfens“ zusammenhängen. Für die Geisteswissenschaften ist das Cluster-Format zu groß, ein Sonderforschungsbereich wäre oft viel sinnvoller. Außerdem ist geisteswissenschaftliche Forschung ohnehin nicht so kostspielig wie natur- oder technikwissenschaftliche.

Wer an einer Exzellenzuni studiert, ist nicht unbedingt zu beneiden

Was nach dem Ausschöpfen der Exzellenzgelder in fünf Jahren geschehen soll, ist völlig offen. Es gibt zwar einige Mittel für eine Übergangsphase, wie die DFG schon früh verheißen hat. Aber die werden nicht weit reichen. Das Bundesbildungsministerium setzt große Hoffnungen auf eine Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats, die sich die Architektur des gesamten deutschen Wissenschaftssystems vorgenommen hat und Vorschläge für eine Neuausrichtung machen soll. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats hat vorsorglich schon darauf hingewiesen, dass es künftig nicht nur um Spitzenforschung gehen könne, sondern auch um andere Leistungen des Wissenschaftssystems wie die Lehre oder den Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung - nicht unbedingt minder fragwürdige Kriterien.

Problematisch ist, dass die interdisziplinären Anträge für Exzellenzcluster und die dadurch entstandenen Forschungsverbünde innerhalb von Universitäten langfristig die Fächervielfalt bedrohen könnten. Denn zahlreiche Clusterprofessuren müssen nach 2017 durch Mittel des jeweiligen Sitzlandes verstetigt werden. Wenn bis dahin das sogenannte Kooperationsverbot aufgehoben würde, könnte der Bund besonders erfolgreiche Zentren weiterfinanzieren. Häufig aber, so fürchten viele Vertreter kleinerer Fächer in den Bewerberhochschulen, könnte die Weiterfinanzierung der Clusterprofessuren zu ihren Lasten gehen.

Wer an einer Exzellenzuniversität studiert, ist nicht unbedingt zu beneiden. Die Studenten haben am wenigsten vom Geldsegen der Exzellenzinitiative. An kleineren Universitäten treffen sie erhebliche Nachteile. Wenn sich die renommiertesten Forscher nach der quälenden Antragsformulierung und der damit verbundenen Zeit, die ihnen für eigene Forschung verlorenging, mit Exzellenzgeldern gesegnet schließlich zum Forschen zurückziehen und sich in der Lehre vertreten lassen, wird sie mancher Student nicht einmal sehen. Einhellig plädieren die beteiligten Wissenschaftler und Universitäten nach drei Runden Exzellenzinitiative für eine Phase der Ruhe und des ungestörten Forschens. Dann wird hoffentlich auch einmal darüber nachgedacht, wie sehr die Exzellenzinitiative das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Es bekommt der Wissenschaft auf Dauer schlecht, wenn sie in Antrags- und Forschungskonformismus fast bis zur Selbstaufgabe nach der Pfeife der Politik tanzt.

Quelle: F.A.Z.
Heike Schmoll - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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