Überforderte Chefs

Nachhilfe für Unternehmer

Von Markus Müller
 - 04:00

Ein Spätnachmittag im Frühling. Gertrud Hansel, Inhaberin der Schule für Unternehmer in Augsburg, sitzt im Garten ihres Büros. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages lassen die Tulpen und Krokusse leuchten, auf dem Terrassentisch hat sie eine Tasse Kaffee. Kurz durchatmen. Hinter ihr liegt gerade ein intensives Unternehmertraining: „Modul vier“ stand auf der Agenda. Dabei geht es um Mitarbeiterführung. Drei Tage, zwölf Teilnehmer, 24 Schulstunden. „Das fordert, macht aber auch großen Spaß“, sagt die 51 Jahre alte Trainerin lachend.

Ihre Schule für Unternehmer ist eines von zahlreichen Angeboten in Deutschland. Seit 1993 steht die studierte Betriebswirtin und Lehrtrainerin für Neuro-Linguistisches Programmieren Unternehmern sowohl in Phasen von Gründung und Aufbau als auch der Neuausrichtung und des Wachstums zur Seite. Sie unterscheidet sich damit in der Breite des Angebots von klassischen Existenzgründerseminaren. Ihren Leitsatz, nach dem hinter jedem erfolgreichen Unternehmen ein erfolgreicher Mensch steht, beherzigt Hansel in jedem ihrer Kurse: „Coaching lässt sich verstehen als die individuelle Begleitung von Unternehmern, die wichtige Ziele realisieren und anstehende Probleme lösen wollen“, sagt die leidenschaftliche Ausbilderin. Dabei gelte es, Denkbarrieren zu durchbrechen, Hindernisse zu erkennen und wirksames Handeln auszulösen.

Mehr Zeit für Familie und Emma

Zusammenhänge aufzudecken und neue Ansätze sowie praktikable Werkzeuge für den beruflichen Alltag zu finden sind die wichtigsten Aufgaben einer Schule für Unternehmer - und auch Wünsche, mit denen Geschäftsleute an sie herantreten. Beispielsweise hat Claudius Eder ein Unternehmer-Training in Augsburg gebucht. Er sehnte sich nach „professioneller Organisation der Arbeitsabläufe, Klarheit über die Finanzen und motivierten Mitarbeitern“.

Dank intensiver Schulung schlüpft der 31 Jahre alte Gebäudereiniger und Firmeninhaber nach eigener Aussage in die Rolle eines Gestalters und zieht eine positive Zwischenbilanz: „Ich kam als Alleinverantwortlicher und damit ziemlich überfordert in die Schule für Unternehmer“, sagt er, „inzwischen führe ich eine Firma mit 24 Angestellten, bilde junge Menschen aus, habe Verantwortung abgegeben und dennoch alle Aufgaben im Griff.“ Zudem freue ihn, dass er jetzt viel mehr Zeit für seine Familie sowie für seinen Bernhardiner Emma habe.

Gewohnheiten ändern sich nur langsam

Fälle wie der von Eder veranschaulichen das typische Dilemma von Firmengründern: „Wer als Unternehmer die Selbstorganisation nicht beherrscht, kommt sehr schnell in eine Situation, in der er außer Arbeit nichts mehr sieht, in der sich Freunde verabschieden und der Sinn im eigenen Tun verlorengeht“, erklärt Peter Guggemos, Professor für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim. Der Bedarf, Geschäftsleute in der Selbstorganisation zu schulen und fit zu machen in Mitarbeiterführung, Management oder Kundenakquise, scheint daher entsprechend groß. Trainerin Hansel, die früher als Leiterin des Bildungswerks der Bayerischen Wirtschaft Schwaben aktiv war, hat hierfür eine Grundausbildung aus sechs Modulen entwickelt. Im Anschluss an das Basistraining können sich die Teilnehmer weitere Themenblöcke heraussuchen - je nachdem, wo die Teilnehmer die jeweils größten Lücken sehen: Mal ist es die zielgerichtete Kundenansprache, mal stellen Mitarbeiterführung, Finanzplanung oder der Aufbau eines produktiven Netzwerks die größte Herausforderung dar. Wichtig ist es, sich kontinuierlich weiterzubilden und regelmäßig Kurse zu belegen, denn Gewohnheiten ändern sich bekanntlich nur langsam. „Aus der Warte eines Arbeitsmarktpolitikers trägt die Stabilisierung von Unternehmern in jeder Phase der Firmenentwicklung zum Aufbau und Erhalt von Arbeitsplätzen bei“, verdeutlicht Guggemos die Rolle der Schulen für Unternehmer.

In eine neue Phase tritt auch die 41 Jahre alte Handelsfachwirtin Daniela Haußmann. Sie bereitet sich gerade auf die Übernahme des Familienbetriebs vor. Ihr Vater hatte die Parkettbörse in Augsburg 1998 gegründet. Nun bereitet er mit seinen 64 Jahren den Rückzug aus dem Tagesgeschäft behutsam vor. In den nächsten zwei bis drei Jahren werden Tochter Daniela und ihr 32 Jahre alter Bruder Georg die Firma übernehmen. „Natürlich freuen wir uns auf die künftigen Aufgaben, wenn sich auch manchmal die bange Frage stellt, ob wir das alles schaffen werden.“ In solchen Fällen ist die naturverbundene Fachfrau Hansel nicht nur als Beraterin gefragt, sondern auch als Motivatorin: „Jeder trägt Fähigkeiten in sich, um sein Unternehmen zum Blühen zu bringen“, ist sie überzeugt.

Motivierte Mitarbeiter sparen Geld

Diese Fähigkeiten möglichst effizient einzusetzen und sich unter Anleitung auf ihre Rolle als Geschäftsführerin vorzubereiten, war Haußmanns Motiv, sich in der Augsburger Schule für Unternehmer anzumelden. Mehrere Module des Basistrainings hat sie bereits absolviert, besonders interessiert sie die richtige Führung ihrer 15 Mitarbeiter: „Motivierte Mitarbeiter arbeiten besser, sind seltener krank und bleiben lange im Unternehmen.“ Das senke Kosten für Personalsuche und Anlernen.

Ausbilderin Hansel vermittelt aber nicht nur Fakten, sondern auch Werte: Für Gebäudereiniger Eder spielt etwa Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle: „Im täglichen Umgang mit meinem Personal, Kunden und Geschäftspartnern sind Transparenz, Fairness und Zuverlässigkeit das A und O“, sagt er, „denn damit will ich auch dauerhafte Beziehungen aufbauen, die von Respekt und gegenseitigem Vertrauen geprägt sind.“ Zur unternehmerischen Nachhaltigkeit zählt aus seiner Sicht auch die Ausbildung. Von den vier Lehrlingen, die sich 2012 erfolgreich bei der Handwerkskammer für Schwaben als Gebäudereiniger qualifizierten, kam nur einer von der Firma Eder. Ein Jahr später starteten dort schon drei Azubis ihre Lehre.

Seriöse Unternehmerschulen bieten also Konzepte an, die den langfristigen Fortschritt im Fokus haben. Ferner bereiten sie das theoretische Rüstzeug für Gründer so auf, dass es sich gewinnbringend in den Arbeitsalltag integrieren lässt. Nicht der schnelle Profit ist die Formel für unternehmerischen Erfolg, sondern ein gesundes Wirtschaften.

Ähnliche Angebote wie in Augsburg lassen sich auch in anderen Ballungszentren Deutschlands finden. So nennt beispielsweise die Neusser Unternehmerschule das Ziel, junge Firmen gezielt „in wirtschaftliche Unternehmen mit einem tragfähigen Fundament für die Zukunft“ zu verwandeln. Die Schule ist als ein Projekt der staatlichen Förderbank KfW gelistet und hat sich dem Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten ebenso wie der Erweiterung des persönlichen Horizonts verschrieben. Die Entwicklung einer Persönlichkeit als Unternehmer steht dabei im Vordergrund.

Wer ein Unternehmen führt, lernt nie aus

Die Dataz Unternehmensförderung aus dem niedersächsischen Hemmingen will nach eigenen Angaben ebenfalls dazu beitragen, dass Teilnehmer gemeinsam mit anderen Selbstständigen ihre Talente und Begabungen entdecken: In mehrtägigen Seminaren lernen Unternehmer das effiziente Führen ihrer Mitarbeiter oder bekommen das nötige Wissen vermittelt, um ihr Geschäft zu beflügeln und dabei Kunden stärker zu binden.

Besser wirtschaften nach dem Besuch einer Schule für Unternehmer? Die Absolventen Haußmann und Eder berichten jedenfalls über spürbare Lernerfolge im Tagesgeschäft, von denen auch Mitarbeiter, Geschäftspartner oder Steuerberater laufend profitieren. „Wer gelernt hat, achtsam mit sich selbst umzugehen, kann das dann auch im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden tun - und vermittelt so ein gutes Beispiel für gesunde Führung“, sagt Wissenschaftler Guggemos. Um das Gelernte frisch zu halten oder konkrete Herausforderungen zu meistern, bilden sich Hansels Klienten meist regelmäßig weiter. Denn Führung ist ein laufender Prozess. „Wer ein kleines oder mittleres Unternehmen steuert oder eine Abteilung leitet, hat in den seltensten Fällen ausgelernt“, weiß die Trainerin.

Wer schult, fördert und finanziert Die Kosten für die Teilnahme an Seminaren von Unternehmerschulen sind mitunter als Betriebskosten in der Steuererklärung absetzbar. Für professionelles Coaching und Beratung ist zudem auch eine Förderung über die staatliche Förderbank KfW in Frankfurt oder durch das BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) in Eschborn möglich. Hier eine Auswahl von Ausbildungsstätten in Deutschland: Schule für Unternehmer Augsburg Web: www.schule-fuer-unternehmer.de Neusser Unternehmerschule Web: www.unternehmerschule.biz Dataz Unternehmensförderung Hemmingen Web: www.dataz.de
Quelle: F.A.Z.
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