FAZ plus ArtikelIrak vor der Wahl

Der langsame Abschied von der Angst

Von Christoph Ehrhardt, Ramadi/Falludscha
 - 06:20

Es braucht nur eine frischgeteerte Straße, und schon sieht die Welt ganz anders aus. „Es ist eine neue Stadt“, sagt ein junger Geschäftsmann in einer Runde von zufriedenen Männern, die in einem kleinen Laden über Investitionen sprechen. Er tritt ins Freie und weist auf die reparierten Fassaden, die geöffneten Geschäfte und die Baustelle am Horizont. Es ist erst gut zwei Jahre her, da war diese Straße in Ramadi ein Schlachtfeld. Im Mai 2015 hatten die Dschihadisten des „Islamischen Staats“ hier, in der Hauptstadt der Provinz Anbar, die Macht an sich gerissen. Als sie im Februar 2016 nach wochenlangen, erbitterten Gefechten vertrieben wurden, hinterließen sie ein Trümmerfeld. Noch vor gut einem Jahr sagten Polizeioffiziere, sie verbrächten die Nächte lieber in Bagdad, weil sie dem Frieden nicht trauten. Jetzt gibt es wieder ein wenig Zuversicht, und mit jeder neuen Straßenlaterne, mit jeder Stunde, in der elektrischer Strom fließt, mit jeder neuen Baustelle wächst sie. „Es ist meine Stadt“, sagt der junge Geschäftsmann. „Die Dschihadisten werden niemals wiederkommen.“

Aber wenige Straßen weiter, wo ein hagerer Bursche mit seiner altersschwachen Schaufel dem zähen Lehmboden zu Leibe rückt, herrscht vor allem Wut. Hier sind die Straßen nur zerfurchte Pisten. „Nichts ist hier passiert“, sagt der Junge, den sein Arbeitsgerät um ein paar Zentimeter überragt. Er hält kurz inne und wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Das Haus seiner Familie ist wie die anderen in dem Viertel übersät mit Einschusslöchern, gezeichnet vom Beschuss mit Mörsergranaten oder dem Bombardement aus der Luft. Ein Nachbar eilt herbei. Er weist auf zwei Häuser und schimpft: „Dort wohnt ein wichtiger Stammesführer, dort ein Regierungsfunktionär. Dort haben sie die Kanalisation in Ordnung gebracht. Bei uns haben sie keinen Finger gerührt.“ Wie solle da Vertrauen in die Regierung wachsen?

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Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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