FAZ plus ArtikelOleg Senzow im Hungerstreik

Ihr schaut Fußball, während ich sterbe

Von Serhij Zhadan
 - 08:26

Es ist erschreckend, wie unumkehrbar Olegh Senzows Hungerstreik ist. Zu ungleich sind die Kräfte verteilt in dieser Konfrontation zwischen einem Menschen, der nach Gerechtigkeit strebt, und einem System, das versucht, den Menschen zu unterwerfen. Das System ist von vornherein auf keine Form der Verständigung ausgelegt, die Notwendigkeit zu verstehen ist darin überhaupt nicht vorgesehen. Vor diesem Hintergrund ist es unwahrscheinlich, dass es zu einer Einigung kommen könnte. Was für eine Einigung könnte das sein? Dass Russland die Geiseln freiließe? Hält das jemand ernsthaft für möglich? Manche warten offenbar darauf, dass dieser Hungerstreik ins Leere läuft, dass der Mensch sich unterwirft, oder, besser gesagt, unterworfen wird. Andere, die Pragmatischeren, hegen die Hoffnung, die Politiker könnten sich doch einigen und Oleg durch einen Gefangenenaustausch befreien.

Wohl kaum jemand wird glauben, dass ein Mensch das System besiegen könnte. Ein gewisser Triumph besteht allerdings bereits darin, sich diesem System nicht zu beugen und immer noch Widerstand zu leisten unter Bedingungen, die ihn eigentlich utopisch erscheinen lassen. Zumindest für uns – diejenigen, die mitfühlen und mitleiden, die unterstützen wollen – ist klar, wer der Sieger in dieser Konfrontation ist. Wobei natürlich kein Ausgang wünschenswerter wäre als eine schnelle Rückkehr Olegs in die Ukraine, wenn schon nicht die Freilassung aller ukrainischen politischen Gefangenen erreicht werden kann.

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Aus dem Ukrainischen von Irina Bondas.

Serhij Zhadan, geboren 1974 in der Ost-Ukraine, ist Schriftsteller; zuletzt erschien bei Suhrkamp sein Roman „Internat“. Im Original ist sein Artikel in dem ukrainischen Internetportal „Nowoje Wremja“ erschienen.

Quelle: F.A.Z.
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