Faustkeile aus dem Urwald

Diese Affen leben in der Steinzeit

Von Miray Caliskan
 - 17:01
Schlag auf Schlag: Kapuzineraffen beim Steine zertrümmern Bild: M. Haslam/dpa, F.A.Z.

Rückenstreifen-Kapuzineraffen, die vor allem in den nordöstlichen Wäldern Brasiliens leben, stellen aus Steinen Fragmente her, die vielen vor mehr als zwei Millionen Jahre alten menschlichen Faustkeilen verblüffend ähnlich sehen. Die Entdeckung ist deshalb nicht nur zoologisch eine Überraschung, sie wirft auch ein Schlaglicht auf die Stammesgeschichte des Menschen.

Eine Forschergruppe um den Archäologen Tomos Proffitt von der Oxford-Universität hat Kapuzineraffen im Nationalpark Serra da Capivara dabei beobachtet, wie sie Quarzitbrocken aufeinander geschlagen haben. Kraftvoll und wiederholend ließen sie durch ein beharrliches Klopfen spitze Steinformen entstehen, die bestimmte Muster aufwiesen. Die englischen Forscher untersuchten anschließend die Bruchstücke, die im Rahmen des Stein-auf-Stein-Klopfens entstanden sind und machten eine erstaunliche Entdeckung: Die sichergestellten 111 Steinfragmente seien nicht von archäologischen Beispielen unterscheidbar, die auch von Hominini – jene Gruppe, zu der die afrikanischen Menschenaffen und der Mensch angehören – vor über zwei Millionen Jahren absichtlich erzeugt worden waren.

„Würde man diese Bruchstücke in einem archäologischem Zusammenhang entdecken, so würde man sie als absichtlich hergestellt einstufen“, so die Überzeugung der Wissenschaftler. Sie fordern nun, dass die bis dato gemachten Funde noch einmal überprüft werden müssen. Zudem sollen die Kriterien geändert werden, die zur Bestimmung von frühmenschlichen Steinwerkzeugen dienen, wie es in der Fachzeitschrift „Nature“ heißt.

Die Forscher glauben, dass „Teile der Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden müssen“, denn man könne nicht mehr behaupten, dass für die Herstellung von Steinwerkzeugen bestimmte kognitive Fähigkeiten oder eine fortgeschrittene Intelligenz vonnöten sind, die unsere Vorfahren erkennen ließen. Das bedeute aber nicht, dass die bisher entdeckten afrikanischen Relikte nicht von Hominini hergestellt worden sind. Ist die Fähigkeit unserer Vorfahren also doch nicht so einzigartig gewesen, wie wir geglaubt haben? Der Frankfurter Paläoanthropologe Ottmar Kullmer von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung sieht das nicht ganz so dramatisch: „Ich würde nicht soweit gehen und behaupten, dass man Teile der Menschheitsgeschichte umschreiben muss.“ Möglicherweise könne man einige Steinwerkzeuge hinterfragen, vor allem diejenigen, die nicht in der Nähe von aufgebrochenen Knochen oder Knochen mit Schnittspuren gefunden worden sind.

Zumindest bei der Nutzung der Faustkeile waren die Urmenschen den Kapuzineraffen deutlich überlegen: Während die Neuweltaffen die zertrümmerten Quarzitbrocken nur beschnüffeln und vermutlich die darin enthaltenen salzigen Mineralien auslecken, haben Hominini die scharfkantigen Steine ganz gezielt als Werkzeuge eingesetzt, um Fleisch zu schneiden oder es von Knochen abzuschaben.

Nach Auffassung Kullmers ist die Diskussion darüber, wann Steinwerkzeuge tatsächlich als Steinwerkzeuge eingestuft werden, ohnehin im Fluss. Denn es gebe verschiedene Möglichkeiten, wie Steine zersplittern können. Beispielsweise wenn sie rollen und ganz zufällig aufeinander prallen. Es muss also sowieso immer möglichst genau rekonstruiert werden, ob es sich um einen natürlichen oder gezielten Abschlag handelt. „Bei einer gezielten Handlung werden die Steine in eine Richtung aufgeschlagen. Die Kapuzineraffen jedoch drehen die Steine in eine beliebige und schlagen sie aufeinander, um an die Mineralien zu gelangen. Als Steinwerkzeug sollten die Steinfragmente also keinesfalls betitelt werden“, so die Ansicht des Forschers. Allerdings müsse man der Frage nachgehen, ob auch andere Primaten in der Lage sind, Steine zu formen, die den frühmenschlichen Steinwerkzeugen zum Verwechseln ähnlich sehen.

Quelle: F.A.Z.
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