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Lage, Lage, Lage

Von Oliver Georgi
 - 06:36

Nehmen wir kurz an, Sie wären ein Pop-Star, der nach einem Sturz in die Bedeutungslosigkeit kurz wieder zu größtem Ruhm gekommen ist, ein verlockendes Angebot dann aber lieber ausgeschlagen hat, weil er dem Braten nicht traute. Würden Sie das nicht schon nach wenigen Tagen bereuen? Oder ging es Ihnen gar nicht um den Braten, sondern vor allem um die Legendenbildung, die allerdings stark in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn die Fans sich plötzlich abwenden und mit dem Gerede anfangen, dass man so einem verantwortungslosen Halbgott besser nicht mehr das Geld (oder die Zuneigung) nachwerfen sollte?

Aber vergessen wir das, das sind ja völlig fiktive Gedanken an diesem 73. Morgen nach der Bundestagswahl, von dem nur sicher ist, dass er wieder keine neue Regierung bringen wird, sondern allenfalls eine neue strategische Lage. Und von denen gab es nach der Absage an eine große Koalition, dem Wachsen und Verblühen von Jamaika, der Renaissance der großen Koalition, dem Aufflackern von Kenia, der zarten Flamme einer Minderheitsregierung und der kurzen Wiedergeburt und dem umso schnelleren Dementi von Jamaika (par Ordre du Mufti, Christian Lindner) immerhin schon so viele, dass ein Kollege am Dienstag zu Recht bemerkte, bald habe Deutschland mehr Lagen als Toilettenpapier.

Weil jede dieser Lagen mitunter schneller in der Kanalisation verschwindet, als man „GroKo“ buchstabieren kann und sie sich manchmal selbst auf dem kurzen Weg von Wolfgang Kubicki zu Christian Lindner fundamental unterscheiden, wie auch Eckart Lohse in seinem Text beschreibt, wollen wir es hier bei der Schilderung der kleinsten gemeinsamen Lage, Stand 6.30 Uhr, belassen: Angela Merkel ist weiter geschäftsführende Bundeskanzlerin, Sigmar Gabriel richtet schon die Außenpolitik seiner zweiten Amtszeit neu aus, auch wenn er die am Mittwoch bei der Internationalen Konferenz der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE) in Berlin wohl nicht mit Martin Schulz besprechen wird.

Schulz (und nicht Gabriel) wiederum stehen beim Parteitag ab morgen in Berlin völlig „ergebnisoffene“, aber umso quälendere Debatten über die große Koalition bevor, die keiner will, die aber auch die Jusos kaum verhindern werden, wenn die Angst vor Neuwahlen (und einer Minderheitsregierung) zu stark sind. Trösten könnte die Genossen nur, dass sich die Zeit von Angela Merkel so oder so dem Ende zuneigt - ob sie nun noch einmal in eine große Koalition gehen oder eine Minderheitsregierung dulden. Die Frage ist wohl höchstens, wie schnell es geht - und unter welchen Schmerzen.

Was sonst noch wichtig wird

Ähnlich wechselnd wie die Lagen der deutschen Regierungsbildung ist sonst nur die (Gemüts-)Lage des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der mit seiner Ankündigung, die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, nicht nur ein vages Versprechen aus dem Wahlkampf vage wahr macht, sondern auch neues Öl in den Nahost-Konflikt zu gießen droht, den er doch eigentlich binnen Monaten befrieden wollte. Unser Korrespondent Jochen Stahnke beschreibt aus Tel Aviv, warum Trumps Plan so viel Konfliktpotenzial hat - und vor welche roten Linien nicht nur der türkische Präsident Erdogan den Amerikaner jetzt warnt.

In Brüssel entscheidet die EU-Kommission, ob bei den bisherigen Verhandlungen über den britischen EU-Austritt ein „ausreichender Fortschritt“ erzielt wurde und sie eine Empfehlung zur Ausweitung der Brexit-Verhandlungen gibt. Nach dem Hickhack am Montag zwischen Theresa May und Jean-Claude Juncker über die noch immer unklare Frage der irischen Grenze ist das allerdings mehr als zweifelhaft. In London muss sich der britische Brexit-Minister David Davis derweil einer Befragung im parlamentarischen Brexit-Ausschuss stellen. Auch dort dürfte vehement die Frage gestellt werden, ob London genügend tut - wenngleich aus anderer Perspektive als in Brüssel. Unser Londoner Korrespondent Jochen Buchsteiner hat den Stand der Dinge in seinem Text zusammengefasst.

Russland hat die rote Linie hingegen schon überschritten - zumindest, was das systematische Doping angeht. Zwar konnte sich das Internationale Olympische Kommittee nicht dazu durchringen, die Russen komplett für die Olympischen Winterspielen 2018 in Südkorea zu sperren - die Sportler dürfen unter neutraler Flagge starten. Trotzdem dürfte die Reaktion aus Moskau nicht lange auf sich warten lassen.

Was man lesen muss

Wer schon einmal auf Deutschlands höchsten Berg war, weiß, dass die Eröffnung der neuen Zugspitzbahn tatsächlich der Beginn einer neuen Ära ist. Rüdiger Köhn hat sich die neue Bahn angesehen, die trotz Blitzen, viel Schnee und noch mehr Improvisation nach zweieinhalb Jahren Bauzeit fertig geworden ist.

Im „New Yorker“ beschreibt Steve Coll, wie Donald Trump die Medien mit seinem Kampf gegen vermeintliche „Fake News“ nicht geschwächt, sondern im Gegenteil noch gestärkt hat.

Und allen, die den „F.A.Z. Einspruch“ noch nicht näher in Augenschein genommen haben, sei das neueste digitale Produkt der F.A.Z. noch einmal wärmestens ans Herz gelegt. Wer Jurist ist oder sich auch nur für juristische Themen interessiert und sich in der gewohnten F.A.Z.-Qualität über die wichtigsten Themen informieren will, kommt am „F.A.Z. Einspruch“ nicht vorbei.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Georgi, Oliver (oge.)
Oliver Georgi
Redakteur in der Politik.
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