FAZ.NET-Sprinter

Provokation Trump’scher Art

Von Tatjana Heid
 - 06:47

Die Gegenwart lässt sich nicht ohne die Vergangenheit verstehen. Das ist eine Binse, klar. Doch an Tagen wie heute sollte man sich daran erinnern. Denn vor genau 70 Jahren erklärte Israel seine Unabhängigkeit. Ein Staat, geboren aus den Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Ein Staat, der heute militärisch stark und wirtschaftlich erfolgreich ist, aber auch fragil und gespalten: in Stadt- und Land-Bevölkerung, in Sakuläre und Ultraorthodoxe, in jüdische und arabisch-palästinensische Israelis. Ein Staat, dessen Existenz uns täglich daran erinnert, wohin blinder Hass führen kann – und wie schwierig es für Menschen unterschiedlicher Religion und Herkunft ist, friedlich miteinander zu leben.

Denn zur Schattenseite des erfolgreichen Staatsaufbaus gehört die Vertreibung der Palästinenser im Zuge der Gründung Israels. Morgen gedenken sie der Flucht und Vertreibung von mehr als 700.000 ihrer Landsleuten im Jahr 1948. Und ausgerechnet heute verlegen die Vereinigten Staaten ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem: ein diplomatischer Paukenschlag, Bestätigung für Israel, Provokation für die Palästinenser, die Jerusalem ebenfalls als Hauptstadt eines zukünftigen eigenen Staates beanspruchen. Donald Trump soll eine Rede per Video halten, Tochter Ivanka und ihr Mann Jared Kushner sind schon gestern in Israel angekommen. Zehntausende Menschen wollen allein im Gazastreifen an der Grenze zu Israel protestieren, gewaltsame Auseinandersetzungen sind zu erwarten. Die viel kritisierte Entscheidung dürfte den Friedensprozess zwischen Palästinensern und Israelis weiter erschweren. Gerne würde man dem Mann im Weißen Haus ein Geschichtsbuch schenken.

Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

Mehr erfahren


Nicht zuletzt aus historischen Gründen fremdeln wir Deutschen mit der Bundeswehr. Hinzu kommt eine Reihe von Skandalen, die die Truppe immer wieder in ein schlechtes Licht rücken, außerdem Ausstattungsmängel. Der amerikanische Präsident ist nur einer von vielen, die – zu Recht – kritisieren, dass die Verteidigungsausgaben Deutschlands zu niedrig sind. Heute ist Angela Merkel zu Gast auf der Bundeswehrtagung, Thema: die Zukunft der Bundeswehr. Diese Konferenz des militärischen und zivilen Führungspersonals der Truppe findet alle zwei Jahre statt, auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) wird sprechen. Thema wird unter anderem der Umbau der Truppe hin zu mehr Landesverteidigung sein, auch die Partnerschaften im transatlantischen Bündnis und in Europa sollen im Fokus stehen.

Und sonst: Diskutiert Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in Kiew und Moskau über die umstrittene Ostsee-Pipeline „Nord Stream 2“. Besetzt die Deutsche Bank die zweite Führungsebene im Investmentbanking neu. Tritt das katalanische Parlament zusammen, um abermals über den separatistischen Kandidaten Quim Torra abzustimmen. Läuft die Frist zur vorläufigen Nominierung der Fußball-WM-Kader aus.

Die Nacht in Kürze

Der linke Flügel der Union wirft Christian Lindner Rechtspopulismus vor. Der FDP-Chef hatte am Wochenende gesagt, Menschen beim Bäcker in der Schlange könnten nicht unterscheiden, ob ein Mensch, der in gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestelle, ein hochqualifizierter Entwickler oder ein illegal zugewanderter Ausländer sei. Das könne Ängste auslösen.

Schiitischer Prediger führt bei Parlamentswahl im Irak: Einst kämpfte er gegen die Amerikaner, nun könnte Muqtada al Sadr laut erster Ergebnisse Regierungschef werden. Der Favorit des Westens, Regierungschef Haider al Abadi, liegt nur auf dem dritten Platz.

Iran stellt EU Ultimatum: Iran hat der EU eine Frist von 60 Tagen gesetzt, die weitere Umsetzung des Atomabkommens auch nach dem Ausstieg der Vereinigten Staaten zu garantieren. China teilt unterdessen nach einem Treffen der Außenminister mit, man werde die Kooperation mit Iran weiter ausbauen.

Unwetter ziehen über Hessen: In der Nacht hat es kräftig gewittert. Vor allem die Rettungskräfte im Vogelsbergkreis hatten viel zu tun.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite