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Vergifteter Mannschaftsgeist

Von Lorenz Hemicker
 - 06:28

Wenn heute Nachmittag um 17 Uhr (live in der ARD und im FAZ.NET-WM-Ticker) im Moskauer Luschniki-Stadion der Gastgeber aus Russland die Fussball-Weltmeisterschaft mit der Begegnung gegen Saudi-Arabien eröffnet, werden hierzulande viele Fans noch einmal wehmütig den Blick ins Jahr 2014 zurückwerfen. Manchen Unkenrufen im Vorfeld zum Trotz schaffte es die DFB-Elf damals mit einer gewaltigen Teamleistung, den vierten WM-Titel nach Deutschland zu holen. Seitdem hat sich vieles verändert. Immer stärker scheint in Mode zu kommen, den eigenen Mannschaftsgeist (mutwillig oder fahrlässig) zu vergiften. Mesut Özil und Ilkay Gündogan umarmen „ihren“ Präsidenten, der die Presse zensiert, Oppositionelle einsperrt und im Dauer-Ausnahmezustand seine Macht immer weiter auszubauen sucht. Wie ein Mühlstein hängt der Fototermin der beiden mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan der deutschen Nationalmannschaft seitdem um den Hals. Wie sich das auf Jogis Jungs auswirkt, ob man beruhigt die Spiele in Putins Reich besuchen kann und alles andere erfahren Sie in den nächsten vier Wochen auf unserer WM-Sonderseite.

Ähnlich wie die beiden jungen Gelsenkirchener Superstars mit türkischen Wurzeln, verhält sich auch der schon deutlich lebenserfahrenere, bio-bayerische CSU-Chef Horst Seehofer. Der hat Sebastian Kurz zwar noch nicht „meinen Kanzler“ genannt. Wohl aber bei dessen Besuch in Berlin am Mittwoch erkennen lassen, dass er das Kurz-Passspiel mit dem jungen Österreicher dem mit Angela Merkel vorzieht – zumindest nachdem die deutsche Kanzlerin ihm den großen Asyl-Wendeauftritt weggegrätscht hat. Der Bundesinnenminister sucht durch die Nähe zu Wien und auch Rom offenbar, den rechten CSU-Flügel für die Bayernwahl in vier Monaten gegen die AfD abzusichern. Dass er damit der Groko und vielleicht sogar ganz Europa damit ein Eigentor schießen könnte, weil so eine gemeinsame EU-Flüchtlingspolitik unmöglich zu werden droht? Für den Bundesinnenminister und die CSU scheint das nachrangig zu sein. Zumindest haben sich Seehofer und Merkel gestern Abend schon einmal zum Krisengipfel getroffen, um ihre Differenzen in der Asylpolitik auszuräumen. Eine Lösung scheint nicht gefunden worden zu sein, trotz eines Kompromissvorschlages der Kanzlerin: Der Härtetest für die Unionsparteien dauert an.

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Neben Seehofer weckt auch Amerikas Präsident immer stärker den Anschein, als ob er das Trikot des Westens endgültig abgestreift habe. Offenbar fällt es Donald Trump deutlich leichter, sich auf Despoten wie Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un einzulassen, als auf Jahrzehnte alte Partner und Freunde der Vereinigten Staaten. Nur so ist es zu erklären, warum Trump Kanadas Premierminister zu einem „unehrenhaften und schwachen“ Gastgeber des G-7-Gipfels abwertet, Nordkoreas Machthaber hingegen zu einer „großartigen Persönlichkeit“ stilisiert. Man darf gespannt sein, was Trump als Nächstes vorhat. Im Juli bietet ihm der Nato-Gipfel in Brüssel wieder die große Bühne. Vielleicht sind für ihn bis dahin die Nato-Manöver an der Grenze zu Russland auch eine unnötige Provokation geworden, so wie zuletzt die gemeinsamen Übungen Amerikas, Japans und Südkoreas vor Kims Nase. Heute aber reist zunächst Amerikas Außenminister Mike Pompeo nach Peking, um mit Chinas Regierung über die Folgen des Nordkorea-Gipfels zu sprechen.

Und sonst: Treffen die deutschen Ministerpräsidenten mit Angela Merkel zusammen, auch dort soll es auch um die Asyl- und Flüchtlingspolitik gehen. Dann debattiert der Bundestag über die Bundeswehreinsätze im Mittelmeer, vor dem Libanon und in Kosovo. Und stimmt das griechische Parlament über das letzte Sparpaket ab. Außerdem endet – so Gott will – der muslimische Fastenmonat Ramadan.

Die Nacht in Kürze

Vollversammlung der Vereinten Nationen verurteilen Israel: Das Land solle seine „exzessive, disproportionale und rücksichtslose Gewalt“ gegen Palästinenser beenden, heißt es in der Resolution. Amerika erleidet eine diplomatische Niederlage.

May entgeht der Pleite im Parlament: Im Ringen um den Brexit hat Theresa May im britischen Parlament gleich mehrere Niederlagen knapp abgewendet. Dennoch wendeten sich gleich mehrere Konservative gegen die Premierministerin.

ARD-Dopingexperte reist nicht nach Russland: Weil es in Russland für ihn zu gefährlich sei, fliegt Hajo Seppelt nicht zur Fußball-WM. Die Sicherheitsbehörden hatten dem Journalisten von der geplanten Reise abgeraten.

Quelle: FAZ.NET
Lorenz Hemicker
Redakteur in der Politik
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