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Twitter-Wahnsinn und Klausur-Langeweile

Von Sebastian Eder
 - 06:28

Wie wäre die Stimmung bei Ihnen Zuhause, wenn das Büro des Anwalts Ihres Partners wegen dessen sexueller Eskapaden durchsucht – und auf der ganzen Welt darüber berichtet würde? Dass Melania und Donald Trump momentan vergnügt gemeinsam zu Abend essen, kann man vor diesem Hintergrund jedenfalls ausschließen. Vor ein paar Jahren wäre das höchstens ein Thema für unsere schöne Rubrik „Smalltalk“ gewesen – mittlerweile sind die Launen Donald Trumps leider von weltpolitischer Bedeutung.

Und um diese Launen mitzubekommen, brauchte man gestern mal wieder keine Insider-Reports aus dem Weißen Haus. Ein Klick auf Twitter reichte, um zu sehen, wie der mächtigste Mann der Welt in einer Minute über die Durchsuchung bei seinem Anwalt fluchte – und in der nächsten einen militärischen Angriff auf Syrien mit den Worten ankündigte: „Mach Dich bereit Russland, denn die Raketen werden kommen, schön und neu und smart.“ Von der „ersten Kriegserklärung per Twitter“ war in dem sozialen Netzwerk schnell die Rede – auf dem Trump 2013 noch geschrieben hatte: „Warum kündigen wir Angriffe auf Syrien eigentlich an – und überraschen sie nicht damit?“ F.A.Z.-Außenpolitik-Chef Klaus-Dieter Frankenberger schreibt in seinem Kommentar: „Man fragt sich wirklich, ob dieser Mann noch bei Verstand ist.“ Die Sprecherin des Präsidenten hat die Tweets ihres Chefs immerhin relativiert.

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Das einzig Gute an diesem Wahnsinn war, dass man plötzlich wieder wach war, wenn man sich am Mittag aus Versehen die Pressekonferenz des neuen Kanzlerin-Vizekanzler-Pärchens angesehen hatte. Olaf Scholz antwortete auf die Frage, ob Angela Merkel auf der Kabinettsklausur – wie von seiner Genossin Andrea Nahles gefordert – für Ordnung im eigenen Laden gesorgt habe: „Alle Regierungsmitglieder sind sich sicherlich einig, dass sie an ihren Taten gemessen werden.“ Kurz dachte man, dass Merkel vielleicht auf den Klaas-Heufer-Umlauf-Effekt setzt: Seit der sich als Late-Night-Talker versucht, wirkt der sonst eher schwerfällige Stand-up von Jan Böhmermann richtig unterhaltsam. Aber mit ihrer jahrelangen Demobilisierungs-Erfahrung schaffte es Merkel dann doch, noch ambitionsloser als Scholz aufzutreten: „Das Ziel war, sich kennenzulernen“, sagte sie. „Es ging weniger darum, ganz konkrete Beschlüsse zu fassen.“ F.A.Z.-Innenpolitik-Chef Jasper von Altenbockum schreibt dazu: „Wann, möchte man fragen, da die Zeit des Wartens ja nicht erst gestern begonnen hat, folgen die Entscheidungen?“

Und sonst: Die Warnstreiks im öffentlichen Dienst gehen weiter, zum Beispiel in Niedersachsen: In Hannover, Wolfsburg und Braunschweig fahren keine Busse und Bahnen, auch die meisten Kitas bleiben geschlossen. In Freiburg beginnt der erste Prozess nach dem jahrelangen Missbrauch eines Neunjährigen. Vor Gericht steht ein „Kunde“, der die Mutter und ihren Lebensgefährten dafür bezahlt haben soll, das Kind vergewaltigen zu dürfen. In Berlin wird am Abend der Musikpreis „Echo“ verliehen – überschattet von den Antisemitismus-Vorwürfen gegen die Nominierten Kollegah und Farid Bang. Und etwas Schönes zum Schluss: In Darmstadt eröffnet Volker Bouffier am Morgen die Spargelsaison.

Die Nacht in Kürze:

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch bedauert ihren Tweet unmittelbar nach der Amokfahrt von Münster. Sie hatte fälschlicherweise nahegelegt, dass es einen Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik gebe. Damit stieß sie auf heftige Kritik. Nun schreibt sie: „Ich habe einen Fehler gemacht.“

Bei der Bundeswehr laufen laut einem Bericht Ermittlungen wegen mehr als 430 rechtsextremer Verdachtsfälle. Die Linkspartei fordert, die Bundesregierung müsse „den braunen Sumpf in der Truppe austrocknen“: „Wer ein Hakenkreuz schmiert, muss rausfliegen.“

Im Frankfurter Stadtteil Seckbach gibt es Entwarnung für 1400 Anwohner: Sie dürfen nach einer Evakuierungsaktion wieder nach Hause. Eine 50 Kilo schwere Weltkriegsbombe konnte im zweiten Anlauf entschärft werden.

Quelle: FAZ.NET
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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