Fotograf Steve McCurry

Kämpfen ist eine Menge Arbeit

Von Karen Krüger
 - 07:29
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Die meisten Menschen kennen Sie vor allem als den Fotografen des Bildes „Afghanisches Mädchen“, das 1985 der Titel von „National Geographic“ war und weltberühmt wurde. Wie oft haben Sie die Entstehungsgeschichte dieses Bildes schon erzählen müssen?

Sehr oft.

Geht es Ihnen auf die Nerven?

Wenn ich von einem Journalisten danach gefragt werde, dann frage ich mich immer, warum er nicht einfach mal vorher gegoogelt hat. Wenn es aber jemand anderes ist, dann erzähle ich die Geschichte sehr gern noch mal (lacht).

Ich habe vorher gegoogelt: Sie fotografierten das damals zwölf Jahre alte Mädchen 1984 in einem pakistanischen Flüchtlingscamp. Nach dem immensen Erfolg des Bildes versuchten Sie, das Mädchen wieder ausfindig zu machen, was 2002 gelang. Damals erfuhren Sie seinen Namen: Sharbat Gula. Was ich nicht gefunden habe: Wie sind Sie überhaupt auf Sharbat Gula aufmerksam geworden?

Sie stach aus der Masse hervor, weil sie unglaublich war: Das Grün ihrer Augen, ihre Stärke und ihr gleichzeitiger Ausdruck von Furcht. Ich war sofort fasziniert von ihr.

Wissen Sie immer sofort, ob Sie jemanden porträtieren wollen?

Eigentlich ja. Das Foto zu machen ist dann meistens nur eine Sache von Minuten.

Sie sind das erste Mal in den siebziger Jahren nach Afghanistan gereist. Danach kehrten Sie immer wieder zurück, die schönsten Aufnahmen dieser Reisen sind jetzt in Ihrem neuen Buch zu sehen. Was fasziniert Sie so an dem Land?

Wenn ein Fotograf einmal Feuer für ein Thema gefangen hat, dann verliert er es nicht mehr aus den Augen. So war das bei mir mit Afghanistan. Das Land hat eine sehr bewegte Vergangenheit und Gegenwart und dramatische Landschaften. Es gibt viele Gründe, dort als Fotograf arbeiten zu wollen. Man schließt Bekanntschaften, erfährt bei jeder Reise mehr und möchte irgendwann wissen, wie es weitergeht.

Fühlen Sie auch so etwas wie Verantwortung?

So weit würde ich nicht gehen. Es ist eher eine Leidenschaft. Manche Fotografen haben sie für Essen, Musik oder Mode, ich habe sie eben für Länder wie Afghanistan. Ich finde, dass jeder Bürger die Verantwortung hat, informiert zu sein und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

In Deutschland denkt man bei Afghanistan vor allem an das Nato-Engagement und an den Einsatz der Bundeswehr. Nach Ansicht vieler dauert er schon viel zu lange. Die ausländische Intervention ist umstritten, hat Afghanistan aber viele Möglichkeiten eröffnet. Haben die Menschen verstanden, diese zu nutzen?

Viele Afghanen sind reich geworden durch die ausländische Intervention. Sie haben ein Unternehmen aufgebaut oder sind in die Schule oder zur Universität gegangen. Aber das betrifft eben nicht das gesamte Land.

Man sollte also weitermachen?

Der Krieg in Afghanistan ist nicht zu gewinnen. Daran konnten auch die Mengen von Dollar, die in das Land geflossen sind, bisher nichts ändern. Deshalb glaube ich nicht, dass es etwas bringt, einfach weiter Geld ins Land zu pumpen. Wie lange will man das denn noch machen? Zehn Jahre? Zwanzig Jahre? Noch mal fünfhundert Milliarden Dollar? Oder noch mal eine Billion? Man kann das machen, aber was würde das bringen? Wollen die Menschen in Deutschland oder in den anderen NatoStaaten das? So viel Geld ausgeben und Soldaten stationieren, von denen einige ihr Leben verlieren werden – und am Ende ist das Ergebnis nur, dass die Afghanen einen hassen? Das wäre mehr als ironisch.

Ich habe kürzlich mit einem deutschen Soldaten gesprochen, der monatelang versucht hat, afghanische Militärs zu trainieren. Es war leider ziemlich vergeblich. Er persönlich, sagte der Soldat, habe seine Hoffnung verloren, was Afghanistan angeht.

Ich sage mal so: Die Taliban sind afghanisch. Sie werden das Land nicht verlassen. Sie bilden dort meiner Ansicht nach die Mehrheit. Den anderen Afghanen – sagen wir vierzig Prozent der Bevölkerung – fehlt die Stärke und vor allem der Wille, Widerstand zu leisten. Es bleibt also den ausländischen Mächten überlassen, diese schwere Aufgabe zu übernehmen. Und das macht überhaupt keinen Sinn.

Fehlt der Wille, weil man mit den Taliban sympathisiert – oder weil man glaubt, Widerstand sei ohnehin zwecklos?

Na ja, zu kämpfen ist eine Menge Arbeit. Es ist mit Anstrengung verbunden. Deshalb wollen viele Afghanen nichts damit zu tun haben. Sie wollen lieber ihre eigenes Ding machen. Vielleicht ist es ein wenig so wie in anderen Teilen der Welt mit dem Klimawandel: Die meisten Menschen wollen nicht damit belästigt werden, da sie ihrer Ansicht nach schon genug eigene Probleme haben.

Das klingt deprimierend.

Die Situation von Walen, Elefanten und Tigern ist auch deprimierend. Genauso wie der Zustand der Ozeane und des Great-Barrier-Riffs. Ist die Situation der Menschheit deprimierend? Mhm, da müsste man mal genau nachschauen (lacht). Die meisten Leute interessieren sich doch nur für ihren Fußballclub und ihren Job. Sobald etwas über den Klimawandel im Fernsehen kommt, wird schnell umgeschaltet.

Reden wir lieber über Afghanistan.

Das afghanische Volk hat die ausländische Intervention sehr clever genutzt, um sich selbst zu bereichern. Afghanen sind wirklich sehr geschickt darin, einem das Geld aus der Tasche zu ziehen. Man kann ihnen das nicht verübeln, es liegt in der menschlichen Natur. Und genauso normal ist es, dass der Job ausländischer Soldaten darin besteht, zu kämpfen. Soldaten wollen nicht hinter dem Schreibtisch sitzen. Jeder verfolgt seine eigenen Interessen, das ist eben so.

Aus Deutschland sind in den vergangenen Wochen immer wieder Afghanen nach Afghanistan abgeschoben worden. Die deutsche Regierung behauptet, Afghanistan sei ein sicheres Herkunftsland. Wie sehen Sie das?

Ob man das bejaht oder nicht, hängt ganz von der eigenen Agenda ab. Es gibt gute Argumente dafür, dass das Land tatsächlich sicher ist – und sehr gute Argumente dagegen. Ein sehr guter afghanischer Freund von mir ist gerade mit seiner Frau und den vier Kindern nach Kanada gezogen. Er ist ein wirklich intelligenter Mann. Er macht sich große Sorgen um die Zukunft seines Landes.

Allein in dieser Woche hat es mehrere tödliche Anschläge dort gegeben.

Die Frage ist, wo man die Grenze zieht. Vertritt man die Ansicht, Afghanistan sei nicht sicher, dann müsste man allen Afghanen ein Flugticket in die Hand drücken und sie nach Deutschland kommen lassen. Man muss für sich eine Linie finden, wie weit die Barmherzigkeit gehen soll. Wie viele Flüchtlinge könnte Deutschland denn noch verkraften?

Sie haben zuletzt im Jahr 2016 in Afghanistan fotografiert. Wie frei konnten Sie sich bewegen?

Ich konnte mich frei bewegen. Die Frage ist mittlerweile eher, ob man sich bewegen will. Es gibt wenige Regionen, die sicher sind, und sehr viele, die unsicher sind. Man kann dorthin, aber die Chance, dass einem etwas passiert, ist relativ hoch.

Als Amerikaner ist man dort nicht besonders beliebt, oder?

Sehr viele Afghanen mögen Ausländer ganz generell nicht, da macht es keinen großen Unterschied, ob man Amerikaner ist oder nicht.

Im Jahr 2014 wurde die deutsche Fotojournalistin Anja Niedringhaus in Afghanistan erschossen. Sind Sie ihr begegnet?

Nein, ich habe sie nie getroffen. Sie war, soweit ich weiß, mit einer Journalistin unterwegs.

Was war denn die gefährlichste Situation, in die Sie dort geraten sind?

Einmal kamen Leute mit Maschinengewehren in mein Hotelzimmer und raubten mich aus. Und einmal wurden wir von Bewaffneten auf der Straße angehalten, und sie umringten unser Auto, das war sehr unangenehm.

Und Sie haben nie daran gedacht, Afghanistan den Rücken zu kehren?

Ich habe nie versucht, in gefährliche Situationen zu kommen. Es passierte einfach.

Es ist einfach Teil Ihres Jobs?

Nein, eigentlich nicht, ich bin ja kein Kriegsfotograf. Mich interessiert, was der Krieg mit den Menschen macht, die ihn ertragen müssen. Die Zivilisten haben in der Regel keine Stimme. Die Öffentlichkeit muss erfahren, was mit ihnen geschieht.

Sie bezeichnen sich selbst nicht mehr als Fotojournalist, sondern als „visueller Storyteller“. Warum?

Ein Fotojournalist arbeitet für ein Magazin, eine Nachrichtenagentur oder Zeitung. Das habe ja auch ich anfangs gemacht. Aber wenn ich jetzt beispielsweise nach Portugal oder Kuba reise, dann bin ich dort nicht, um über Portugal oder Kuba zu berichten. Ich bin neugierig auf Menschen. Ich fotografiere, was ich beobachte, was mich persönlich berührt, was ich festhalten, woran ich mich erinnern möchte. Ich versuche nicht, die Geschichte Kubas oder Portugals zu erzählen. Manchmal laufe ich herum, und es kommt kein einziges Bild dabei heraus. Da ich nichts Bestimmtes fotografieren will, kann ich abreisen, wann ich will. Mir ist sehr wichtig, das Beste aus der Zeit zu machen, die ich habe. Ich angle nicht, ich jage nicht, ich sammele keine Briefmarken, ich habe kein Auto. Aber ich habe eben eine Kamera.

Sind Sie ein geduldiger Mensch?

Auf gewisse Weise ja, auf eine andere nicht, es kommt darauf an. Ich kann beispielsweise sehr ungeduldig werden, wenn die U-Bahn nicht sofort kommt. Aber wenn ich auf ein bestimmtes Licht warte, dann bin ich ein sehr, sehr geduldiger Mensch.

Steve McCurry: „Afghanistan“, Taschen-Verlag, 256 Seiten, 59,99 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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