Frankreich

Kunst geht in die Provinz

Von Helmut Mayer
 - 12:43

Wer Pariser Kunstausstellungen besucht, der wird beim Lesen der Hinweise auf die Leihgeber oft genug auf den Gedanken kommen, dieses oder jenes französische Regionalmuseum endlich wieder einmal zu besuchen. Sie beherbergen oft exzellente Sammlungen oder doch zumindest einige hervorstechende Bilder. Jenseits dieser im Vergleich zu den staatlichen Häusern in Paris bescheidenen, doch immer noch stattlichen nationalen Museen können freilich jene Gebiete beginnen, die seit kurzem in Frankreich einen offiziellen Namen haben: „Zones blanches culturelles“ heißen sie, kulturelle weiße Flecken also, in denen es nämlich pro 10.000 Einwohner nur eine kulturelle Institution – Bibliotheken und Kinos zählen mit – gibt.

Für diese Gebiete und gegen die in ihrer Existenz zum Ausdruck kommende kulturelle Segregation zwischen den urbanen Zentren und einer Provinz fern von TGV-Anschlüssen hatte die französische Kulturministerin Françoise Nyssen Anfang April einen Aktionsplan angekündigt. Werke und Objekte aus Pariser Institutionen sollten sich auf den Weg in diese Provinz machen, damit man dort auch einmal im Original sehe, was sonst nur die Reise in die Metropole oder die Reproduktion vor Augen bringt. Der Titel, den die Ministerin dafür fand, langte gleich in die oberste Kategorie, zumindest nach erwiesenem internationalen Publikumszuspruch: „Mona Lisa und so fort – Kultur in Ihrer Nähe“. Er wurde selbstredend gleich durch den Kakao gezogen. Und tatsächlich ist nun, da Françoise Nyssen mit etwas Verspätung einen stattlichen Katalog von Werken präsentiert hat, die auch kleine französische Häuser in Zukunft mit staatlicher Finanzhilfe für Transport und Versicherung bis zu einem Jahr lang entleihen können, von der „Mona Lisa“ keine Rede mehr, auch nicht von Delacroix’ „Freiheit, die das Volk führt“ oder von Géricaults „Floß der Medusa“. Was sich ja auch wirklich verschmerzen lässt, man möchte schließlich nicht missen, dass sie im Louvre Besucherströme konzentrieren.

Dafür stehen im vorgestellten „Catalogue des désirs“ (so viel Vollmundigkeit muss schon sein) und auf einer demnächst freigeschalteten Internetseite mehr als 450 Werke und Objekte aus staatlichen Sammlungen zur Auswahl – dazu bestimmt, „überall in Frankreich möglichst nahe am Publikum zu zirkulieren“ –, die sich durchaus sehen lassen können. Mit einem Faustkeil aus dem Paläolithikum geht es los, und bis zu einer Installation zu Fukushima aus dem Jahr 2014 reicht das Angebot. Dazwischen liegen viele große Namen, von Tizian über La Tour zu Delacroix und David (die Versailler Kopie des „Sterbenden Marat“) zu van Gogh, Balthus, Dubuffet, Picasso, Yves Klein oder Christian Boltanski. Und wen die Maler nicht reizen, der kann etwa auch kostbare Pflanzenbücher, ein Renaissance-Astrolabium, Marschall Bernadottes Säbel, eine Lederweste von de Gaulle oder den Bananenkranz der Josephine Baker in die nähere Auswahl ziehen. Drei Ausleihen sind für den Herbst schon beschlossen. Wenn also auch das Peloton der Tour de France nicht mehr wirklich im Hexagon zirkuliert, um die nationale Einheit zum Ausdruck zu bringen, nationale Kunst- und Kulturschätze sollen es von nun an ohne Unterlass tun. Das tiefe Frankreich hat die Wahl.

Quelle: F.A.Z.
Helmut Mayer
Redakteur im Feuilleton.
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