Briten verpassen den Anschluss

Keine digitalen Analphabeten mehr!

 - 19:23

Der technologische Wandel droht den Briten davonzulaufen. Das behauptet ein dramatischer Alarmruf aus dem House of Lords. Der Bericht mit dem Titel „Make or Break: The UK’s Digital Future“, der an diesem Dienstag vom Committee for Digital Skills vorgestellt wurde, sieht die Zukunft der britischen Nation am digitalen Schicksalsfaden. Wenn die Regierung nicht entschlossen eingreife, werde Großbritannien schon bald den Anschluss verlieren und zur Spartenökonomie herabsinken. Der Weckruf ist vor allem ein Signal an die nächste Regierung, die im Mai gewählt wird.

Die Lords fordern nicht mehr Geld, sondern bessere Koordination. Wolle Großbritannien weiter zu den führenden Industrienationen gehören, müsse es seine digitalen Initiativen bündeln und nicht wie bisher auf vier Ministerien und viele weitere Arbeitsgruppen verteilen. Favorisiert wird das auch in Deutschland schon oft diskutierte Modell eines Internetministers, der kraftvoll die Führung übernimmt und eine einheitliche Digitale Agenda präsentiert. Man brauche eine Regierung, die ruhelos um den Fortschritt besorgt ist, heißt es in dem Bericht.

Digitale Alphabetisierung

Das Schlüsselwort lautet digitale Kompetenz. Die Vorsitzende des Komitees, Baroness Morgan of Huyton, fordert digitale Kenntnisse als „entscheidende Lebenskompetenzen“ zu begreifen und in den Schulplänen gleichauf mit Rechnen und Lesen an oberster Stelle einzuordnen. „Digital Literacy“ müsse zu den Hauptfächern gehören, genauso wie Mathematik und Englisch. Kein Kind dürfe die Schule als digitaler Analphabet verlassen. Was mit digitalen Kompetenzen gemeint ist, wird jedoch kaum ausgeführt.

Als positiven Schritt verbucht das Komitee die Einführung eines „computing curriculums“ an britischen Schulen, bezweifelt aber, dass es genügend gut geschulte Lehrer gebe, die ihn kompetent unterrichten können. Die digitale Weiterbildung dürfe nach Schul- und Hochschulabschluss nicht aufhören. Hier seien auch Industrie und Wirtschaft gefordert.

Lücken in der digitalen Grundversorgung

Digitale Kompetenz, heißt es immer wieder, gehöre zur Grundversorgung wie Strom und Wasser. Beschrieben wird eine Gesellschaft, in der vom fahrerlosen Autos über Lieferdrohnen bis zu Hackerattacken alle Lebensbereiche vom digitalen Strom erfasst sind, während in der technischen Bildung und Internetversorgung britischer Bürger große Lücken klaffen. Noch immer gebe es in Großbritannien Regionen ohne Netzanschluss. 35 Prozent der Arbeitsplätze, heißt es, würden in den nächsten zwanzig Jahren automatisiert. Wer auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft nicht über informationstechnisches Know-How verfügt, werde zu den Ausgegrenzten gehören.

Der Bericht plädiert auch für gezielte Anreize in der Einwanderungspolitik, um gut ausgebildete Informatiker ins Land zu locken, und eine gezielte Frauenförderung. Auf viertausend Studenten in informationstechnischen Fächern kommen in Großbritannien heute nur zweihundert Frauen. Noch immer sei das Digitale ein Männerklub.

Die Sorge, den Anschluss an den digitalen Fortschritt zu verpassen, ist auch in anderen europäischen Ländern verbreitet. EU-Kommissar Günther Oettinger beklagte jüngst, Europa habe in der Digitalwirtschaft auf absehbare Zeit den Anschluss an die Vereinigten Staaten verloren. Im November konstatierte eine deutsche Studie eklatante Defizite bei den Computerkenntnissen von Achtklässlern. Das Potential einer ganzen Generation sei vergeudet. Kritiker monierten, dass schon ihre totalisierende Diktion den engen Bildungsbegriff solcher Studien erkennen lasse.

Quelle: FAZ.NET/ tth.
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