Globe Theatre

Publikumswillen

Von Gina Thomas
 - 11:23

Vor fünfzig Jahren erklärte Roland Barthes den Tod des Autors, die sinngebende Macht liege beim Leser. Nun verlangt die Schauspielerin Michelle Terry, die soeben ihr erstes Programm als künstlerische Leiterin des einer Bühne der Shakespeare-Zeit nachempfundenen Globe Theatre angekündigt hat, die Selbstentmachtung des Regisseurs. Sie will Hierarchien des Theaters abbauen, die „Wir-und-die-anderen-Dynamik“ zwischen Darstellern und Publikum zerschlagen und die Mitglieder des Ensembles zu Miturhebern befördern. Kurzum, es geht um Demokratisierung.

Das sind Parolen, wie sie bei der Suche nach innovativen Ansätzen seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts widerhallen, man denke nur an das Manifest, das Kurt Schwitters 1919 „an alle Bühnen der Welt“ gerichtet hat. Darin forderte er die „restlose Zusammenfassung aller künstlerischen Kräfte zur Erlangung des Gesamtkunstwerkes“ und „prinzipielle Gleichberechtigung aller Materialien“.

Auf Gleichberechtigung will auch Michelle Terry hinaus. Sie spricht eher die Sprache der Werkhalle als die der Führungsetage. Die Schauspielerin, die über keinerlei Regieerfahrung verfügt und auch nicht vorhat, selbst zu inszenieren, findet es aber auch ungerecht, dass die ganze Verantwortung auf den Schultern des Regisseurs laste, obwohl Theater doch ein kollaborativer Prozess sei. Deswegen sollen die Darsteller am Globe Theatre künftig über die Verteilung der Rollen entscheiden.

Die kollaborative Praxis der „King’s Men“

Wenn sich die Besetzung von „Hamlet“ und „Wie es euch gefällt“, den ersten beiden Inszenierungen unter Michelle Terrys künstlerischer Direktion, zu den Proben einfindet, wird keiner der zwölf Schauspieler wissen, wen er verkörpern wird. Statt eines Regisseurs werden zwei Kodirektoren genannt. Wohl in der Hoffnung, dass dieses Argument Sympathie findet bei den auf Authentizität pochenden Traditionalisten, berufen sich Michelle Terrys Verteidiger auf die kollaborative Praxis der „King’s Men“, jener Truppe, der Shakespeare angehörte und die ohne Regisseur ausgekommen sei.

Michelle Terry ließ sich durch sie auch zu der Idee inspirieren, den Zuschauern Mitbestimmungsrechte einzuräumen: Als sie darüber nachdachte, wie sie der ehrerbietigen Haltung des Publikums entgegenwirken könne, fiel ihr ein, dass die „King’s Men“ mit rund 26 Stücken vertraut gewesen sein dürften. Warum also nicht acht Darsteller mit drei Werken („Der Kaufmann von Venedig“, „Der Widerspenstigen Zähmung“ und „Was ihr wollt“) auf Tournee schicken und das Publikum an manchen Abenden wählen lassen, was es sehen will? Sich dem in der Regel konservativen Zuschauergeschmack auszusetzen könnte allerdings eher einschränkend als befreiend wirken. Einer Umfrage zufolge steht der „Kaufmann von Venedig“ auf der Bekanntheitsskala des Shakespeareschen Werks mit 28 Prozent an fünfter Stelle, vor „Was ihr wollt“ mit 26 Prozent und „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit 23 Prozent. Hätte das Publikum wirklich freie Wahl, würde wohl jeden Abend die Nummer eins auf der Liste gespielt: „Romeo und Julia“.

Quelle: F.A.Z.
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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