Marsch für Gerechtigkeit

Es werden jeden Tag mehr!

Von Karen Krüger
 - 09:21
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Sie sind gelaufen bei Temperaturen über 40 Grad. Sie erlebten Sturm und Regen, schliefen in Zelten, in Privathäusern und manchmal in einem Bett in einem Hotel. In den Dörfern und Städten, die sie passierten, brachten die Menschen ihnen Wasser und Essen. Mal standen sie ihnen klatschend Spalier und streuten Rosenblätter in ihren Weg, mal kippte man Dung vor ihre Füße, und es hagelte Steine. An diesem Sonntag wird der „Marsch für Gerechtigkeit“, dem sich zuletzt über 20.000 Menschen angeschlossen haben, nach 25 Tagen und 480 Kilometern in Istanbul zu Ende gehen. An der Spitze wird ein schmächtiger Mann mit grauen Haaren und Brille laufen, der ein Schild mit dem Wort „Adalet“ – „Gerechtigkeit“ – in den Händen trägt: Kemal Kılıçdaroğlu, 68 Jahre alt, ist der Chef der größten türkischen Oppositionspartei, der CHP.

Kaum noch jemand hatte für möglich gehalten, was ihm gelungen ist: die massenhafte Mobilisierung zu einem Protest gegen Erdoğans „neue Türkei“, wie das Land ihn seit den Gezi-Protesten von 2013 nicht mehr erlebt hat. Und noch immer wundern sich die Menschen, dass ausgerechnet Kemal Kılıçdaroğlu an dessen Spitze steht. Der Politiker, den viele nur abfällig „Onkel Kemal“ nennen, ist nicht gerade ein Charismatiker. Bei öffentlichen Auftritten umgab ihn stets die brave Aura eines altmodischen Bürokraten, und ähnlich gestrig wirkte seit langem seine Partei, die Republikanische Volkspartei CHP.

Er marschierte einfach los

Seit ihrer Gründung vor achtzig Jahren spielte sie die Gralshüterin von Atatürks Erbe, verdammte das Kopftuch und verurteilte die Kurden für ihre Bestrebungen nach politischer und kultureller Gleichberechtigung. Über Jahrzehnte hinweg war sie äußerst erfolgreich damit. Doch dann kam Erdoğans AKP und verwies die CHP auf den zweiten Rang. Anstatt nun das eigene Portfolio endlich der Zeit anzupassen, hielt sie an den alten Überzeugungen fest. Sie wurde eine Getriebene, reagierte nur noch auf die Themensetzung der AKP. Doch nun scheint der CHP-Chef begriffen zu haben, was Politik bedeuten kann. Quasi über Nacht hat er sich in einen Oppositionsführer verwandelt, der endlich selbst die Agenda setzt: Kılıçdaroğlu fordert Gerechtigkeit für alle, und das ist wirklich neu in der Türkei. Kılıçdaroğlu wächst gerade über sich hinaus.

Eigentlich wäre es seine Art gewesen, erst mal stundenlange Partei-Meetings darüber abzuhalten, wie seine Aktion heißen soll, um am Ende mit einem ideologisch überladenen Slogan daherzukommen, den sich sowieso keiner merkt. Statt dessen marschierte Kılıçdaroğlu in Ankara einfach los, ohne Parteiabzeichen, nur mit seinem „Adalet“-Schild in der Hand, kurz nachdem die Verurteilung seines Abgeordneten Enis Berberoğlu zu 25 Jahren Haft bekannt geworden war. Sein Ziel: das Gefängnis in Istanbul-Maltepe, in dem Berberoğlu sitzt. Der Abgeordnete, der vor seiner Politikkarriere Chefredakteur der Zeitung „Hürriyet“ war, soll als Journalist Informationen über geheime Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an syrische Dschihadisten verraten haben. Die Artikel über den Skandal erschienen in der „Cumhuriyet“ und versetzten Erdoğan in Raserei. Der folgende Prozess trieb den damaligen „Cumhuriyet“-Chefredakteur Can Dündar ins deutsche Exil.

Anfangs hatten nur ein paar Dutzend Leute Kılıçdaroğlu begleitet. Doch schon bald ging es nicht mehr nur um Enis Berberoğlu, sondern um alles, was die Bürger unter Erdoğan ertragen müssen. Und so wurden es immer mehr. Die Türkei ist geprägt von tiefen sozialen und politischen Gräben. Doch ähnlich wie bei den Protesten 2013 im besetzten Istanbuler Gezi-Park fanden auf der Straße zwischen Istanbul und Ankara auf einmal Menschen zueinander, die unter anderen Umständen niemals miteinander gesprochen hätten und schon gar nicht gewusst hätten, was den anderen bewegt.

Mehmet, 47 Jahre alt und seit Ankara mit dabei, sagt: „In der Türkei gibt es keine Gerechtigkeit mehr, Erdoğan hat alles zerstört. Beim Referendum hat er zwar die Mehrheit der Stimmen bekommen, aber es gab Ungereimtheiten in der Abstimmung, und nichts ist deshalb passiert.“ Und Cerensu, eine zwanzig Jahre alte Studentin, die seit Kocaeli mitläuft: „In der Türkei ist es noch viel schlimmer, als man es in den internationalen Medien sieht. Wir haben ständig Angst, doch mit Angst können wir nicht leben. Wir wollen, dass man uns unsere demokratischen Rechte gewährt.“ Junge und Alte, Kemalisten, AKP-Wähler, Arbeiter, Akademiker, Kurden, Fußballfans, Vertreterinnen von Frauenorganisationen und Atomkraftgegner marschieren Seite an Seite. Die „Antikapitalistischen Muslime“, die für einen islamischen Sozialismus in der Türkei eintreten, und sogar die kurdische HDP, die der CHP normalerweise äußerst ablehnend gegenübersteht, haben sich dem Zug angeschlossen.

Gründe, um auf die Straße zu gehen, gibt es genug: Allein in den vergangenen zwölf Monaten sind in der Türkei mehr als 50.000 Menschen verhaftet worden, 100.000 wurden inhaftiert, 138.000 per Dekret entlassen und etwa 2100 Schulen dichtgemacht. Insgesamt 234 Journalisten mussten ins Gefängnis, über 4400 Richter und Staatsanwälte sowie 8270 Akademiker fanden sich von einem Tag auf den anderen auf der Straße wieder. Für Ideen kann man lebenslang im Gefängnis landen, offene Diskussionen gelten nicht als Möglichkeit der Wahrheitsfindung, sondern als Versuch, innertürkische Spannungen zu erhöhen. Demonstrationen werden nicht als legitimes demokratisches Mittel der Meinungsäußerung angesehen, sondern als Werkzeug innerer und äußerer Feinde. Die gesamte Macht im Land liegt in den Händen des Staatspräsidenten, alle Mechanismen, die ihm Einhalt gebieten könnten, wurden beseitigt und die Justiz zu seinem Verbündeten. Seit dem Putschversuch vom 15. Juli ist so gut wie niemand mehr vor staatlicher Willkür gefeit. Während die Gezi-Revolte vor allem ein Aufstand der gut ausgebildeten jungen Generation für persönliche Rechte und Freiheiten war, können sich mit Kılıçdaroğlus Ruf nach Gerechtigkeit alle identifizieren. Sein Marsch hat deshalb ein weitaus größeres Potential, um zu einer Bewegung zu werden, die auch in die Zukunft weist.

Einer, der den ganzen Weg von Ankara neben Kılıçdaroğlu gelaufen ist, ist der 58 Jahre alte Cihangir Islam. Er war Professor für Sportmedizin, bis er im Februar per Dekret von der Universität ausgeschlossen wurde. Der Grund wurde ihm nie mitgeteilt, sagt er. Wahrscheinlich habe seine Unterschrift unter eine Petition zur Einhaltung von Menschenrechten und der Verfassung den Ausschlag dafür gegeben. Vergeblich hatte er gegen die Entlassung protestiert. Als er hörte, was Kılıçdaroğlu vorhat, entschied er sich, mit dabei zu sein, und sorgt seitdem für die medizinische Betreuung des Politikers während des anstrengenden Marschs. Immer wieder kämen Leute an die Spitze des Zuges, die ein Foto von sich und Kılıçdaroğlu machen wollen. Der lasse es geschehen.

Die Marschierenden sollen einfach applaudieren

Kılıçdaroğlu, dem immer nachgesagt wurde, er ertrage eine Nähe zum Volk nur schwer, lächelte für Selfies in die Kamera oder lief für ein privates Foto mit Fremden Hand in Hand. Wenn der Gerechtigkeitsmarsch in der Mittagshitze ein Pause einlegte, saß er einfach zwischen den anderen. Er sagte Sätze wie: „Es ist unserer größtes Anliegen, dass niemand aufgrund seines Glaubens, seiner Identität oder politischen Meinung angeklagt oder kriminalisiert wird.“ Oder: „Wir marschieren, weil die Ungerechtigkeit in der Türkei unvorstellbare Ausmaße erreicht hat.“ Auch dass er ein Gespür für richtige Gesten hat, hat Kılıçdaroğlu unterwegs bewiesen: An Tag 16 erinnerte er an die Ermordung von Gaffar Okkan und besuchte dessen Grab, an Tag 18 gedachte er der 35 Toten des Sivas-Massakers – beides Ereignisse im kollektiven türkischen Bewusstsein, bei denen Staat und Justiz versagt haben: Gaffar Okkan war Sicherheitschef im kurdischen Diyarbakir, als er 2011 bei einem Attentat erschossen wurde. Erst hieß es, der Mord an dem bei Kurden sehr beliebten Okkan gehe auf das Konto der kurdischen Hizbullah, mittlerweile deutet vieles darauf hin, dass ihn eine Geheimeinheit der Gendarmerie zu verantworten hat. In Sivas wiederum setzten radikale Islamisten am 2. Juli 1993 ein Hotel in Brand, in dem gerade ein alevitisches Kulturfestival gefeiert wurde. 35 Menschen starben, weil der Mob sie am Fliehen hinderte. Die Polizei und Soldaten sahen es und unternahmen nichts.

Gab es in den vergangenen Tagen entlang der Straße Provokationen von Erdoğan-Anhängern, dann beschwor Kılıçdaroğlu die Marschierenden, ruhig zu bleiben. Sie sollten einfach applaudieren. Mit Gandhis „Salzmarsch“ ist der Gerechtigkeitsmarsch deshalb schon von türkischen Kommentatoren verglichen worden. Das mag überzogen klingen, schließlich forderte Gandhis Protest die britische Kolonialmacht heraus. Doch in gewisser Weise wurde ja auch die Türkei kolonisiert: Nicht von fremden Mächten, was Erdoğan gern behauptet, wenn er einen Sündenbock braucht, sondern von ihm und den Seinen, die der Gesellschaft gewisse Vorstellungen vom Leben, von Religion sowie von Recht und Realität aufzwingen wollen. Besonders bei Letzteren ist die Taktik so erfolgreich, dass viele Menschen in der Türkei gar nicht mehr unterscheiden können, was rechtens ist und was nicht.

Ein inhaftierter Journalist etwa kann nach Ansicht vieler nur deshalb im Gefängnis sein, weil er sich eines Verbrechens schuldig gemacht hat. Dass er vielleicht einfach nur seinen Job erledigte, kommt ihnen gar nicht erst in den Sinn. Denn die Menschen fühlen sich gut informiert. Fast alle kritischen Medien sind geschlossen worden. Die regierungstreuen Zeitungen und Fernsehsender aber versorgen die Menschen 24 Stunden am Tag mit Nachrichten. Mit vermeintlich objektiven Informationen. In Wirklichkeit ist das meiste gefälscht, verdreht oder erfunden. Das Bombardement ist aber so ausgiebig, dass kein Raum für Zweifel bleibt. Die Folge ist Unwissen aus vergifteter Überinformation.

Erdoğan und die AKP hatten sich über den Gerechtigkeitsmarsch zunächst nur lustig gemacht: Anstatt zu laufen, solle Onkel Kemal doch einfach den Zug nehmen. Je mehr Menschen sich Kılıçdaroğlu anschlossen, je mehr das öffentliche Interesse an der Aktion wuchs, desto harscher wurden die Reaktionen – Zeichen dafür, wie ernst die Regierung den Gerechtigkeitsmarsch mittlerweile nimmt. Der CHP-Chef begehe „eine Straftat“ und stürze die Türkei ins „Chaos“, er sei das „Sprachrohr“ von „ausländischen Mächten“, die gegen den Staatspräsidenten und die Türkei arbeiteten, hieß es aus Ankara. Erdoğan ging so weit zu sagen, die CHP verhalte sich nicht mehr wie eine Oppositionspartei, sondern wie eine „terroristische Organisation“. „Jene, die all das veranstalten, wissen ganz genau, dass das nichts mit Immunität und Presse- und Meinungsfreiheit zu tun hat“, sagte er. Dass der Marsch Istanbul erreicht, ist nicht in seinem Sinn.

Mit jedem Schritt an Format gewonnen

Wenn es so läuft, wie Kılıçdaroğlu es sich wünscht, dann wird es dort an diesem Sonntag als Abschluss eine friedliche Großkundgebung geben. Läuft es jedoch so, wie die jüngsten Entwicklungen in der Türkei befürchten lassen, dann erwarten die Menschen womöglich Tränengas und Gewalt. Es wäre ein ähnliches Szenario wie jenes von vor vier Jahren, als Erdoğan die Gezi-Revolte von Polizisten niederschlagen ließ. Einen Beginn von etwas Schönem hatten viele in dem Protest gesehen. Jetzt heißt es eher, Gezi habe Böses in die Welt gebracht: Erstmals befahl Erdoğan damals, mit brutalster Gewalt gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen, ohne dass er dafür jemals zur Rechenschaft gezogen wurde. Am Ende waren acht junge Menschen tot.

Doch selbst die Erinnerung daran hat den Demonstranten des Gerechtigkeitsmarsches nicht ihren Mut geraubt. Die „Hürriyet“ hat ausgerechnet, dass man von Ankara bis Istanbul 600.000 Schritte zurücklegen muss. Die Marschierenden erlebten mit, wie Kılıçdaroğlu mit jedem dieser Schritte an Format gewann – vielleicht ließ genau das die Angst schwinden, dass man es mit dem mächtigen Erdoğan nicht aufnehmen kann. Ein wenig wäre es dann so wie mit dem Scheinriesen Tur Tur von Michael Ende, der, je mehr Jim Knopf sich ihm näherte, an furchteinflößender Größe verlor. Der Unterschied ist nur, dass Tur Tur die ganze Zeit über ein netter Zeitgenosse war, der unter der Furcht, die ihm entgegengebracht wurde, litt. Vom türkischen Staatspräsidenten lässt sich das nicht behaupten.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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