Neueröffnung der Volksbühne

Hochmut der Gedankenlosigkeit

Von Simon Strauß
 - 10:15
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Wären die sogenannten „Volksbühnen“-Besetzer nicht so programmlos und einfältig gewesen, hätten sie sich an der ästhetischen Sache und nicht nur am tagespolitischen Zeichen interessiert gezeigt, dann wäre jetzt der richtige Moment gekommen, um auf ihre Seite zu wechseln. Jetzt, nach der sogenannten Eröffnung der neuen Volksbühne, dem ersten Premierenabend im alten Haupthaus am Rosa-Luxemburg-Platz unter der Leitung von Chris Dercon. Was hier passierte, war nichts anderes als eine Veralberung des Publikums. Als wolle der Intendant seine Kritiker vorführen, indem er es geradewegs darauf anlegt, jedes ihrer Vorurteile zu bestätigen.

Um Viertel nach sechs soll man da sein an diesem Abend, es regnet in Strömen. Lang hatte man auf das Wiedersehen mit dem traditionsreichen Haus warten müssen, denn bisher hatte die neue Leitung ihr Eröffnungsprogramm in unübersichtlichen Außenstellen wie dem Flughafen Tempelhof und im Hangar 5 präsentiert. Jetzt also das erste Mal wieder richtige Volksbühne – das Foyer ist hell erleuchtet, die Holzvertäfelung glänzt, die neu verlegten türkisen und roten Teppichböden sind penibel gesaugt. Um halb sieben beginnt das Licht zu zucken, und musikalische Loops von Ari Benjamin Meyers werden eingespielt, gegen zehn nach sieben werden widerwillig die Saaltüren geöffnet. Große Erwartung liegt in der Luft, alles drängelt hinein, sucht sich einen Platz auf dem stuhllosen Treppenboden und schaut gespannt in die Leere. Dann geht auch hier das Licht aus, die Musik wird lauter, ein paar Scheinwerferspots rasen die Wand entlang, irgendein Podest fährt kurz aus dem Bühnenboden und der massive Kronleuchter wird langsam heruntergelassen. Nach acht Minuten Licht- und Technikshow, gehen die Saallichter wieder an und geben dem verdutzten Publikum zu verstehen, dass jetzt von ihm ein Raumwechsel erwartet werde.

Ein sterbenslangweiliger Limbo

Das ist Dercons Ernst? Dass er das Theater wirklich wie ein Museum nutzen will, in dem man von Raum zu Raum wandelt, frei flottierend, ohne Konzentration, beiläufig vorbei an einem Nullprogramm ohne Anfang und Ende. Genau darum scheint es dem neuen Intendanten zu gehen, den Berlinern mit größtmöglicher Arroganz deutlich zu machen: jetzt erst recht. Wenn ihr mich für mein avantgardistisches Kunstverständnis kritisiert, mir eure hergebrachten Erwartungen an ein Theater zumutet, dann lasse ich euch zur Strafe umso länger in der Performancehölle braten. Nur, dass es gar keine Hölle, nicht mal ein Fegefeuerchen ist, in dem man hier herumsteht. Sondern nur ein sterbenslangweiliger Limbo.

Der auch sonst überall sein Werk recycelnde Künstler Tino Sehgal hat erlaubt, dass ein paar seiner früheren „Live-Situationen“ in den Seitenfoyers stattfinden dürfen. Zwei Jugendliche tun so, als wären sie Avatare und geben auf Englisch vermeintlich Kapitalismuskritik zum Besten, die allerdings im allgemeinen Pausenstimmungs-Stimmengewirr völlig untergeht. Da können einige Verteidiger des hergebrachten Verhaltens noch so oft „psst“ und „Ruhe“ zischen, die Mehrheit sieht sowieso nichts und holt sich folgerichtig lieber ein Bier.

Im Sternfoyer wird einem unterdessen die Erstattung von zwanzig Prozent des Eintrittspreises angeboten, wenn man seine Meinung zur Marktwirtschaft kundtut, Videoinstallationen von Philippe Parreno und Pierre Huyghe laufen im Hintergrund, ebenso wie zwei komplizierte Fernsehstücke von Samuel Beckett, die man sich aber besser in aller Ruhe auf Youtube anschaut. Nichts auch nur annähernd Interessantes ist sonst zu sehen, und so steht man mehr als eine weitere Stunde im Foyer herum und verliert dabei endgültig den letzten Rest Vorschusssympathie. Dercon steht derweil mit dem iPhone am Ohr an der Garderobe und sieht so aus, als hätte er mit alldem gar nichts zu tun.

Warten auf den Glockenschlag

Dann öffnen sich die Saaltüren abermals. Jetzt sind Stuhlreihen aufgebaut, und der Raum ist vollkommen abgedunkelt. Nur ein fahler Lichtstrahl richtet sich auf ein Loch im Vorhang, in das sich der Mund von Anne Tismer schiebt, um Becketts minimalistischen Monolog „Nicht Ich“ herunterzurasseln. Hysterisch, hilflos leidenschaftlich klingen die gebrochenen Wortkaskaden der durch ein unbestimmtes Trauma verstummten alten Frau, die jetzt einen Ausbruch hat, den inneren Existenzschrei nicht mehr zurückhalten kann. Danach spielt Tismer „Tritte“, das 1976 uraufgeführte, reduzierte „Endspiel“ von Beckett, in dem eine treue Tochter in der Wohnung ihrer alten Mutter auf und abgeht, sich am Klang ihrer eigenen Schritte festhält, weil sonst nichts mehr da ist außer gähnender Einsamkeit. Wie ein angeketteter Schlossgeist schlurft Tismer die von Beckett präzise festgelegten vier Schritte nach rechts und nach links, wartet auf den Glockenschlag und die unerbittliche Flüsterstimme ihrer kranken Mutter: „Wirst du nie aufhören, es alles hin und her zu wälzen? In deinem armen Kopf?“

Tismer spricht in unterschiedlichen Tonlagen, wechselt zwischen den beiden Frauen hin und her, den Kopf senkt sie erhaben, fast schon etwas heilig Märtyrerhaftes umgibt sie. Zwei Frauen am Ende, keine Pflege, nur noch Abgrund, Anklage, Abschiedslust. Ein paar unzusammenhängende Erinnerungsfetzen, hin und wieder ein vornehmes Wort aus früherer Zeit: „Gelinde gesagt“ oder „Abendandacht“. Dann wieder die Tritte, wie die düsteren Schläge eines todbringenden Metronoms.

Walter Asmus, Becketts Assistent aus vergangenen Schillertheater-Tagen, hat alles genauso eingerichtet, wie es der Meister vorgegeben hat. Und so wird auch diese durchaus eindrückliche Vorführung unter falsche Vorzeichen gesetzt, nämlich wie ein museales Ausstellungsstück behandelt, um neben den zeitgenössischen Übungen auch die klassische Moderne zu zeigen. Nichts als klischeehaftes Kuratorendenken steckt hinter dem Ganzen. Das verdirbt einem alles, auch den dritten Beckett, „He, Joe“, seine erste, 1966 im Süddeutschen Rundfunk ausgestrahlte Fernseharbeit, die hier vom Olsenbanden-Star Morten Grunwald nachgespielt wird. Dessen bewegtes Gesicht sieht man auf einer Großleinwand in immer stärkerem Zoom, während Tismers Stimme aus dem Off gegen ihn eine vernichtende Anklage erhebt. Kaum ist da das letzte Wort gesprochen, geht das Licht wieder an und Sehgals Performer übernehmen abermals die Führung, ziehen einem den Stuhl unterm Hintern weg, summen, singen und trippeln bedeutungsschwer in Schleifschritten durch den Raum.

Keiner weiß, wozu das gut sein soll, gelangweilt stehen die Besucher erst in Grüppchen herum, verlassen dann entnervt den Saal. Jedes Berührtsein durch Becketts Stücke ist da schon längst wieder verschwunden.

Dieser Eröffnungsabend ist eine Beleidigung, den Zuschauern, aber auch den Darstellern gegenüber, die hier völlig acht- und schutzlos eingesetzt werden. Sie machen sich zum Dummen, nur damit eine Leitung behaupten kann, etwas „ganz anderes“ auf dem Spielplan zu haben als ihre Vorgänger. Unabhängig von allem anderen – dass es beispielsweise kläglich ist, ein neues Haus mit so vielen Übernahmen zu eröffnen (auch Grunwalds „He, Joe“ lief im Juni schon in Kopenhagen), dass Beckett weder eine Musealisierung braucht noch Sehgals Banalitäten den Vergleich damit aushalten und dass der Versuch ein ganzes Haus zu bespielen sich peinlich in der Besichtigung der Immobilie erschöpft –, unabhängig davon beweist es einfach höhnischen Hochmut, zu einer bis ins Organisatorische hinein derart schlecht vorbereiteten Eröffnung einzuladen. Einfallslosigkeit als Geste des Trotzes? Theaterverweigerung als anderer Name für Einfallslosigkeit? Das darf nicht sein. Wenn es so wäre, müsste man das Haus wirklich besetzen. Nicht für den billigen Wohnraum, sondern für die teure Kunst.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild / Simon Strauss
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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