Annäherung an Pjönjang

Korea-Mode

Von Kerstin Holm
 - 17:18

Russische Medien legen neuerdings ihrem Publikum die Vorzüge von Nordkorea ans Herz. Der Erste Kanal des Staatsfernsehens zeigte jüngst eine Reportage aus Pjönjang, in der eine schicke junge Journalistin versichert, im Land von Kim Jong-un sehe nur auf den ersten Blick alles gleichförmig aus. Die russische Reporterin begeistert sich ostentativ für die Verkehrsreglerinnen mit ihren gestärkten Kragen, Handschuhen und schneeweißen Söckchen. Frühmorgens gesellt sie sich zu einer „Gewerkschaft von Hausfrauen“, die auf einem Platz Fähnchen schwenkend und singend ihre Männer in die Arbeitskampfzone verabschieden, wie es heißt, und hält dabei selbst fröhlich ein rotes Banner hoch.

Im Land des siegreichen Sozialismus gebe es keine Hochglanzjournale, aber sehr wohl Mode, erfährt das russische Publikum anhand von Fernsehbildern zierlicher Nordkoreanerinnen im beigefarbenen beziehungsweise hellblauen Minikleid. Und genau wie in Paris und Mailand sei auch in Pjöngjang gerade Monochromie angesagt, verkündet die gutgelaunte Stimme, was man, ganz nach Gusto, affirmativ oder ironisch verstehen kann.

Souvenirs aus Holz oder Keramik

Die nordkoreanische Charmeoffensive in Russland begann im Frühjahr, als eine Gruppe Videoblogger und Journalisten des Staatsfernsehens begeistert von ihren Eindrücken aus dem Land des Chuch’e berichteten. Insbesondere unter Bewohnern in Russlands fernem Osten, für die das Schwarze Meer zu weit weg liegt und die sich etwa Thailand oder China nicht leisten können, werden die nordkoreanischen Kurorte in den Bergen oder am Meer zur touristischen Alternative. Dort werden minutiös durchgeplante Urlaubspakete geboten, von denen man freilich nur wenige Souvenirs aus Holz oder Keramik mitbringen kann.

Die russischen Nachrichtenportale thematisieren indes Kim Jong-uns neue Wasserstoffbombe, unter ihnen auch die Zeitung „Komsomolskaja prawda“, deren Chefredakteur und Manager Wladimir Sungorkin sich als Nordkorea-Experte empfiehlt. Die Bevölkerung dort sei hungrig, böse und erschöpft vom Polizeistaat, die Leute hätten keine Hoffnung und keine Freude, erklärt Sungorkin, der, wie er sagt, das Land bereist und auch Universitäten besucht habe. Das hindert Sungorkin freilich nicht, in regionalen Ausgaben der „Komsomolskaja prawda“ in den sibirischen Städten Irkutsk und Nowosibirsk sowie im südrussischen Kuban regelmäßig Lobeshymnen auf Kim Jong-un abzudrucken, wenngleich in kleiner Schrift „Anzeige“ darunter steht. Das wirkt dennoch wie ein Signal, als kämen Russland und Nordkorea einander immer näher.

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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