Anne Frank

Die beste Freundin

Von Anke Schipp
 - 19:50

Es war ein schöner Tag, der 23.April 1945. Die Obstbäume blühten, die Luft war mild. In den frühen Morgenstunden hielt in dem Brandenburger Dorf Tröbitz ein Zug am Bahnkilometer 106,7 auf der Strecke zwischen Leipzig und Cottbus.

Die Befreiung verschlafen

Hannah hatte zu diesem Zeitpunkt geschlafen. Als sie aufwachte, stand die Tür des Viehwaggons offen. Neben ihr lagen Schwerkranke und Tote, die anderen waren nach draußen gegangen. "Du hast es verpaßt!" rief ihr jemand zu. Es - das war der Moment, als russische Soldaten die Türen öffneten, die Häftlinge herausließen und die SS-Bewacher gefangennahmen. Hannah hatte die Befreiung verschlafen, aber sie wußte nun, daß sie das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt hatte, in dem wenige Wochen zuvor ihre Freundin Anne Frank gestorben war.

Hannah Pick-Goslar steht an den Bahngleisen in Tröbitz, 59 Jahre später. Die Böschung ist zugewuchert, der Weg entlang der Bahnlinie vom Regen aufgeweicht. Zehn Tage waren sie damals mit mehr als 2000 KZ-Insassen im Zug unterwegs. Die SS hatte kurz vor der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen die Häftlinge in Waggons verfrachtet, um sie in das Konzentrationslager Theresienstadt zu bringen. Hannah war 16 Jahre alt, ihre Schwester vier. Zusammengepfercht in Viehwaggons, sahen sie durch die Ritzen Lüneburg, Wittenberge und das zerbombte Berlin. Mitten in Brandenburg strandeten sie in dem Bergarbeiterdorf Tröbitz. 28 Juden, die während der Fahrt an Unterernährung oder Typhus gestorben waren, wurden notdürftig direkt am Waldrand neben den Gleisen beerdigt. Die anderen schleppten sich den Waldweg entlang ins Dorf. Sie waren frei, aber zu schwach, um sich zu freuen.

Leidensgenossinnen und Freundinnen

Anne Frank und Hannah Pick-Goslar hatten sich 1933 in Amsterdam kennengelernt. Hannah war vier Jahre alt, Anne ein halbes Jahr jünger. Sie waren gerade mit ihren Familien aus Deutschland in das noch unbesetzte Holland geflohen. Sie besuchten den gleichen Kindergarten und sprachen kein Niederländisch. Sie waren Leidensgenossinnen, wurden Freundinnen - obwohl sie vom Temperament her unterschiedlicher nicht sein konnten. Hannah war ein scheues Kind, Anne forsch und selbstbewußt. "Ein bißchen katzig", sagt Pick-Goslar heute. "Meine Mutter sagte immer: ,Der liebe Gott weiß alles, Anne weiß alles besser.'" "Hanneli", schrieb Anne Frank über ihre Freundin ins Tagebuch, sei meist schüchtern und zu Hause sehr frech, "aber sie hat eine offene Meinung, und vor allem in der letzten Zeit schätze ich sie sehr".

Wie viele Überlebende des Holocaust wollte Hannah Pick-Goslar nach dem Krieg zunächst nicht über ihr Schicksal reden. Aber Otto Frank, der Vater von Anne und einzige Überlebende der Familie, brachte sie dazu. "Er schickte Journalisten nach Jerusalem, denen ich von Anne erzählte. So war ich gezwungen zu reden." Schließlich sprach sie in Schulen, in Amerika und Holland, später, mit mulmigem Gefühl, auch in Deutschland. Seit fünf Jahren kommt sie regelmäßig und erzählt, wie sie war, ihre beste Freundin. "Seit ich mir einbilde, es sei wichtig, fällt es mir leichter."

Glückliche Zeiten gab es auch

In ihrem Bericht wie im Tagebuch von Anne Frank ist bis zu dem Datum, an dem die Familie untertauchte, viel von den Repressalien durch die Nazis die Rede, aber auch von glücklichen Momenten. "Unsere Eltern hielten vieles von uns fern", erzählt Hannah Pick-Goslar. Anne und Hannah hatten mit drei anderen Freundinnen den Club "Der kleine Bär minus 2" gegründet. Nachmittags spielten sie im Wohnzimmer Pingpong und gingen anschließend Eis essen. Zu Annes Geburtstagsfeier im Juni 1942 gab es ihren Lieblingskuchen: Erdbeertorte. Man redete über Verehrer, wachte eifersüchtig darüber, wer mit wem am besten befreundet war.

Drei Wochen später wollten Hannah und ihre Freundin Ilse Wagner Anne besuchen. Aber sie war verschwunden. Ein Nachbar erzählte, daß ihre Familie in die Schweiz gegangen sei. Kurz darauf starb Hannahs Mutter bei der Geburt eines Kindes, am 20. Juni 1943 wurde die Familie in das Durchgangslager Westerbork gebracht, danach in das KZ Bergen-Belsen.

Vom vorlauten Mädchen zum gebrochenen Menschen

Wenn die Fünfundsiebzigjährige von dieser Zeit erzählt, bleibt sie sachlich. Sie lernte früh, Stärke zu zeigen und Schwäche zu verbergen. Nach dem Tod der Mutter mußte sie für ihre kleine Schwester Gabriele sorgen, die während der gesamten Gefangenschaft an einer schweren Mittelohrentzündung litt. Fragt man Hannah Pick-Goslar nach ihren Empfindungen, sagt sie: "Wissen Sie, über Gefühle reden wir nicht gerne." Häufig beendet sie ihre Erzählungen mit dem nüchternen Satz: "Was soll ich sagen? So war das."
Im Februar 1945 traf Hannah in Bergen-Belsen noch einmal auf ihre beste Freundin. Sehen konnte sie Anne Frank nicht, aber hören: durch zwei Stacheldrahtzäune, deren Zwischenraum mit Stroh gefüllt war. Anne Frank war mit einem Transport von Auschwitz nach Bergen-Belsen gebracht worden. Hannah, die Anne in der Schweiz wähnte, erfuhr durch Zufall davon. Die beiden trafen sich nachts an dem Zaun, obwohl dies streng verboten war. Die Stimme, die Hannah hörte, war nicht mehr die des kleinen vorlauten Mädchens. Es war die Stimme eines gebrochenen Menschen.

Anne erzählte von den Gaskammern und von ihrer Schwester, die an Typhus erkrankt war und im Sterben lag. Und daß sie nichts mehr zu essen hätten. Sie weinte. Hannah organisierte Knäckebrot und Trockenfrüchte, die sie heimlich über den Zaun warf. Dreimal trafen sie sich dort, beim letzten Mal verabredeten sie sich abermals und verabschiedeten sich mit den Worten: "Bis dann!" Kurz darauf starb Hannahs Vater. Als sie das nächste Mal zum Zaun kam, erfuhr sie, daß der Teil des Lagers hinter dem Stacheldraht geräumt worden war. Im April wurden Hannah und ihre Schwester in die Viehwaggons verfrachtet - Richtung Theresienstadt.

Brennesseln und Kartoffeln zum Überleben

Nach der Befreiung fanden sie Unterschlupf in Schilda - ein Nachbardorf von Tröbitz. Sie schliefen im Haus des Bürgermeisters, der mit seiner Familie geflüchtet war. In ihrem Zimmer blickten sie auf eine grüne Tapete mit Hakenkreuzen. "Das war schlimm, aber wir drehten uns im Bett auf die andere Seite, um es nicht zu sehen", erzählt sie heute.

Im Haus gab es so gut wie keine Vorräte, sie kochten sich Brennesseln und Kartoffeln. "Das war unser Glück. Viele Ausgehungerte schlangen in sich rein und starben. Wir kamen langsam zu Kräften." Nach zwei Monaten wog Hannah 45 Kilogramm. Mit einer Lungenfellentzündung schickte man sie in ein Krankenhaus nach Holland.

Letzter Freundschaftsdienst

Heute lebt sie in Jerusalem, mit drei Kindern, zehn Enkeln und einem Urenkel. In dem Haus in Schilda wohnt jetzt die Tochter des Bürgermeisters, etwa im gleichen Alter wie Hannah Pick-Goslar. Zweimal war die Überlebende schon hier, auch diesmal öffnet die Bewohnerin nur widerwillig. Sie läßt die Besucher in den Hof, nicht ins Haus. Pick-Goslar spricht sie auf die Hakenkreuze an. Die Frau blickt stumpf vor sich hin. "Daran kann ich mich nicht erinnern."

Anne Frank wäre am 12.Juni 75 Jahre alt geworden. Daß Hannah Pick-Goslar Schülern auf der ganzen Welt heute erzählt, warum ihre beste Freundin damals sterben mußte, das ist ihr letzter großer Freundschaftsdienst. Als Hannahs Mann noch lebte, sagte er immer, er habe eigentlich zwei Frauen geheiratet. Die eine war Hannah, die andere Anne Frank.

Zum 75. Geburtstag ist im Anne Frank Zentrum Berlin die Ausstellung "Anne Frank und ihre Familie" eröffnet worden. Sie zeigt bisher unveröffentlichte Fotos von Otto Frank. Bis 12.September, Rosenthaler Straße 39.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.06.2004, Nr. 24 / Seite 64
Autorenbild / Anke Schipp
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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