Anthony Scaramucci

The Würstchen of Wall Street

Von Lars Jensen
 - 19:10
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Man fragt sich immer wieder, wo Donald Trump die inkompetenten, verlogenen, moralisch verkommenen Gestalten auftreibt, die für ihn arbeiten. Bei Anthony Scaramucci, dem neuen Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, lief es so: Der ehemalige Goldman-Sachs-Banker hat sich monatelang mit rekordverdächtiger Selbstverleugnung bei Trump eingeschleimt, bis dem nichts anderes übrig blieb, als Scaramucci einen Job im gehobenen Management anzubieten.

„Trump ist ein Genie, ein Meister der Kommunikation, ein politischer Visionär. Ich liebe Trump und seine Familie und werde ihnen dienen, bis sie ihre Mission vollendet haben.“ So das Mantra, das Scaramucci, 53, seit seiner Berufung vor einer Woche in den Talkshows herunterbetet. Seine Zielgruppe besteht aus einer Person: Donald Trump, der immer manischer die Fernsehnachrichten über sich verfolgt und so paranoid agiert, dass er von Untergebenen keine Qualifikationen mehr verlangt – außer: totale Loyalität.

Einschleimen für Profis

An der Wall Street nennen sie Scaramucci „The Mooch“, was man in seinem Fall am besten mit einer Kombination der Worte „Speichellecker“, „Schnorrer“, „Schmarotzer“ übersetzen kann. Er spendete für Barack Obama und gab sich als großer Fan von Hillary Clinton aus, bevor sie fürs Weiße Haus kandidierte.

Es ist nicht viel länger her als ein Jahr, dass Scaramucci in seiner Rolle als Talkshowgastgeber und Finanzchef für Trumps Kontrahenten Scott Walker im FOX Business Network verkündete: „Trump ist ein politischer Betrüger, ein Rotzlöffel aus Queens County, der Geld geerbt hat. Er ist ein Spalter, sein Benehmen ist antiamerikanisch und ihr könnt Donald sagen, wovon er Präsident sein wird: von der Queens County Vereinigung der Bullies.“

Na ja. Nachdem Walker aus dem Rennen ausgestiegen war, sammelte Scaramucci ein paar Monate lang für Jeb Bush Spenden und setzte ziemlich spät auf das richtige Pferd, den Rotzlöffel aus Queens County. Eine der ersten Fragen auf seiner ersten Pressekonferenz: Hat Trump Ihnen verziehen? „Er erwähnt meinen Auftritt von damals alle 15 Sekunden. Lieber Mister Präsident, wenn Sie gerade zuhören: Ich entschuldige mich für meine Äußerungen. Zum fünfzigsten Mal.“

Im Grabenkrieg

Dass es nicht langweilig werden würde mit Anthony Scaramucci im Weißen Haus war sofort klar. Aber die erste Woche übertraf kühnste Erwartungen. Zunächst fragten sich alle, die die Zustände im Weißen Haus näher kennen, was Trump mit dieser Personalie bezwecken wollte. Es herrscht bereits ein Grabenkrieg zwischen dem parteipolitisch zynischen Chief of Staff Reince Priebus und dem hobbyfaschistischen Chefberater Steve Bannon. Die sind wiederum aufs Blut verfeindet mit Ivanka Trump und Jared Kushner, weil beide mit amateurhaften Vorschlägen bei Trump Gehör finden. Die verheerende Idee, FBI-Chef Comey zu entlassen, soll der Schwiegersohn Trump eingeflüstert haben.

Neuer Kommunikationschef
Scaramucci beschimpft Priebus und Bannon
© AP, reuters

Zwischen den Fronten bewegte sich bislang der allseits verachtete Pressesprecher Sean Spicer, der jedoch so wenig respektiert wurde, dass man sich über ihn nicht weiter ärgerte. Die aggressive und misstrauische Grundstimmung unter den Mitarbeitern im Weißen Haus heizen die einzelnen Fraktionen an, indem sie vertrauliche Informationen durchsickern lassen, die inzwischen den Fortbestand der Regierung bedrohen. Nur einmal waren sich alle einig: Als Scaramucci angekündigt wurde. Bannon sagte: „Nur über meine Leiche.“ Spicer trat zurück. Auftritt „The Mooch“.

Intrigen in Brioni

Mit perfekt sitzendem Brioni-Anzug und Ferragamo-Krawatte passt er schon äußerlich nicht in die Riege der eher heruntergekommen gekleideten Führungskräfte im Weißen Haus. Der Mann hat nicht den Auftritt eines drittklassigen Reaktionärs, sondern wirkt wie jemand, dem eigentlich alles egal ist, solange er irgendwie ein paar Millionen machen oder im Fernsehen eine Hauptrolle spielen kann. Die Times nannte Scaramucci „Trumps Mini-Me, der in ganzen Sätzen spricht“. Für einen Auftritt in „Wall Street 2“ überwies er einst 100 000 Dollar an Oliver Stone.

Im Presseraum des Weißen Hauses betont Scaramucci seinen italienischen Arbeiterklasse-Akzent noch mehr als sonst, denn dieser Akzent ist jetzt seine Visitenkarte: Seht her, ich bin in einer Motorradwerkstatt in Long Island aufgewachsen und habe mir meinen teuren Anzug selbst verdient. Mit ehrlicher Arbeit in der Hedgefund-Branche. „Ich liebe Sean. Ich hoffe, dass er jetzt ein Vermögen machen wird“, rief Scaramucci seinem Vorgänger Spicer nach. Viel Geld zu verdienen: In diesem Weißen Haus der einzige Sinn menschlichen Daseins. An Scaramuccis Handgelenk glänzt der überdimensionierte Sportchronograph von Audemars Piguet.

Scaramucci kann ja nichts dafür, dass die Geschichte Hollywoods nur so wimmelt von Figuren, die aussehen wie er, die reden wie er und die irgendwann im Laufe des Films einen Widersacher durchsieben und in den Kofferraum stopfen. Wenn man ihm zuhört, werden Erinnerungen an Joe Pesci und Al Pacino wach, auch weil er so oft Drohungen ausspuckt und von sich in der dritten Person spricht.

Alle Verräter rauswerfen

„The Mooch wird die Verräter im Weißen Haus ausfindig machen und sie in den Knast schmeißen lassen“, begann er seine erste Pressekonferenz. Mitte der Woche schien er bereits die Nerven zu verlieren, als die Unterlagen seines finanziellen Hintergrundchecks öffentlich wurden. Um die achtzig Millionen Dollar hatte er verdient, indem er seine Anteile am Hedgefund Skybridge an chinesische Investoren verkauft hatte. Natürlich steuerfrei, weil er einen Regierungssjob antritt.

Für das Leck machte er Reince Priebus verantwortlich. „Ich werde sie alle feuern, das gesamte Team“, sagte er dem Washington-Korrespondenten des „New Yorker“, den er in der irren Hoffnung anrief, dieser würde ihm seine Quelle verraten. „Gestern habe ich einen gefeuert. Für morgen habe ich drei oder vier auf der Liste. In zwei Wochen sind alle weg.“

Ein paar Minuten später: „Weißt du, was ich am liebsten tun werde? Ich würde alle Leaker verfickt noch mal töten. Damit wir die Agenda des Präsidenten wieder in die richtige Bahn bringen.“ Im nächsten Satz: „Ich bin nicht Steve Bannon. Ich versuche nicht, meinen eigenen Schwanz zu lutschen.“ Und zum Schluss (im Originalton, weil es so schön klingt): „Reince is a fucking paranoid schizophrenic, a paranoiac ... ‚Let me leak the fucking thing and see if I can cock-block these people the way I cock-blocked Scaramucci for six months.’“ Der Harvard-Absolvent benutzt die Sprache, die unter Kriminellen und an der Wall Street geläufig ist, eine Sprache, die Trumps Unterstützer hören wollen.

Reden wie die Gangster

Zur Erklärung: Für seine treuen Dienste als Geldeintreiber im Wahlkampf hatte Trump Scaramucci bereits im Januar einen Job versprochen. Botschafter bei der OECD in Paris? Chef der Import-Export-Bank? Spezielle Liaison für die Geldbranche? Priebus sorgte dafür, dass die Planstellen anders besetzt wurden, auch weil Scaramucci seine finanziellen Verflechtungen nicht sauber abwickeln konnte. Da gab es Probleme mit chinesischen Käufern, die engste Beziehungen zur kommunistischen Partei pflegen.

Doch „The Mooch“ würde seinen Spitznamen nicht zu Recht tragen, hätte er sich nicht zum Ziel geschleimt. Er ist der einzige Mensch, dem es gelang, innerhalb eines Jahres von Goldman eingestellt, gefeuert und in einer höheren Position wieder eingestellt zu werden. 2016 setzte ihn das Magazin „Worth“ auf Platz 85 der hundert wichtigsten Personen in der Finanzbranche.

Aber nicht wegen der Bedeutung seines Hedgefunds, sondern weil er jedes Jahr beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine Weinprobe veranstaltet. Und weil er die wichtigste Hedgefund-Konferenz SALT gründete, die in Las Vegas stattfindet. Dieses Jahr gehörten Ben Bernanke, Duran Duran und Mike Tyson zu den Stargästen. Auf diesen Veranstaltungen umgarnte Scaramucci Gäste aus der globalen Elite mit Jobs in der Trump-Administration wie Rex Tillerson, Steven Mnuchin, Wilbert Ross, gewissenlose Monstren, die die amerikanischen Elite-Universitäten auf die Bevölkerung loslassen.

Weinprobe in Davos

Als „The Mooch“ im Mai CNN zwang, drei Journalisten zu entlassen, war Trump endgültig überzeugt. Der Sender hatte Scaramuccis Hedgefund mit der russischen Regierung in Verbindung gebracht. Der Banker drohte mit einer Hundert-Millionen-Dollar-Klage und CNN zog die Geschichte zurück. Eine Woche später soll Scaramucci auf Steven Mnuchins Hochzeit mit stehenden Ovationen empfangen worden sein.

Scaramucci engagierte sich sein Leben lang für die Rechte der LGBTQ-Gemeinde; jetzt verteidigt er Trumps Verbannung aller Transgender-Personen aus dem Militär. Er spendete Geld für Menschenrechtsorganisationen, jetzt vertritt er den Verrat der Menschenrechte zugunsten von Waffenverkäufen. Russland? Klima? Freihandel? Keine Lüge ist Scaramucci zu dreist, so lange sie ihm die Nähe zur Macht garantiert. „Wenn der Präsident sagt, drei Millionen Illegale haben Hillary gewählt, dann wird da schon was dran sein“, sagte er zu Trumps erlogener Behauptung vom Wahlbetrug.

In einem früheren Leben schrieb Scaramucci ein Selbsthilfebuch für Unternehmer, die in der Krise stecken: „Hopping over the Rabbit Hole: How Entrepreneurs Turn Failure into Success“, erschienen im Oktober. Darin gibt er Ratschläge, die seinem Boss helfen könnten. „Rache ist selbstzerstörerisch“, lautet einer. „Anführer sind keine Opfer.“ „Stehe zu Deinen Fehlern.“

Doch lieber schmeichelt er Donald Trump, statt zu helfen. „Ich erklärte ihm, dass er ein begnadeter Redner ist. Wir dürfen ihn nicht filtern und bremsen. Wir brauchen mehr vom originalen Donald.“ Die Folge war am Dienstag eine Rede vor 45 000 minderjährigen Boyscouts, die so degeniert und asozial war, dass sie als ein Tiefpunkt dieser Amtszeit gelten wird. Hinterher musste sich die Organisation der Boyscouts bei Millionen aufgebrachter Eltern entschuldigen, den Präsidenten eingeladen zu haben. Fast bekam man den Eindruck, dass Scaramucci sich in Wahrheit eingeschlichen hat, um das trostlose Schauspiel der Ära Trump zu einem schnellen Ende zu bringen.

Quelle: F.A.S.
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