Frauen in der Architektur

Bauen Frauen anders?

Von Niklas Maak
© Valerie Sadoun, F.A.Z.

In der Architekturszene ist ein Streit entbrannt: Seit die vielfach preisgekrönte Architektin Dorte Mandrup eine Polemik veröffentlichte, in der sie erklärte, sie sei es leid, immer als „female architect“ eingeführt zu werden – und als solche Preise zu bekommen, als ob sie einer anderen Spezies angehöre, die erstaunlicherweise auch ganz annehmbare Architektur mache, fast so wie die echten und eben meistens männlichen Architekten – seitdem vergeht keine Woche, in der nicht eine Reaktion, ablehnend oder unterstützend, veröffentlicht wird.

Die Diskussion um die Gleichbehandlung von Architektinnen fällt in eine Zeit, in der ein Google-Mitarbeiter in einem Thesenpapier die Meinung vertritt, Frauen seien biologisch weniger für die erfolgreiche Arbeit in der Tech-Industrie geeignet (siehe Bericht auf dieser Seite), und in der die Zeitschrift „The Architectural Review“ eine Statistik veröffentlicht, die belegt, dass Frauen in Architekturbüros bei gleicher Leistung im Schnitt deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen. Man muss es nicht überbewerten, dass Frauen im Namen von Architekturbüros, die von Paaren geführt werden, fast immer erst an zweiter Stelle genannt werden (Sauerbruch Hutton, Grüntuch Ernst, Kühn Malvezzi, Heide&von Beckerath und so weiter); aber es ist kaum zu übersehen, dass hier in der Architekturbranche, obwohl weibliche Stars wie die im vergangenen Jahr gestorbene Zaha Hadid oder die Pritzkerpreisträgerin Kazuyo Sejima viel bewirkt haben, vieles im Argen liegt.

Lange Zeit war die Architektur Männern vorbehalten; noch im zwanzigsten Jahrhundert wurden Frauen an vielen Universitäten für Architektur nicht oder nur in bestimmten Bereichen der dekorativen Ausstattung zugelassen, als ob die letzten beiden Silben der Berufsbezeichnung „Architektinnen“ ihnen auch gleich den Ort ihrer Anstrengungen zuweisen würden: Die Hülle bauten Männer, und allenfalls das, was „Innen“ ist – Einrichtung, Wandfarbe –, wurde dem Geschmack der Frauen überlassen. Auch Avantgarde-Schulen wie das Bauhaus entkamen dieser Rollenzuweisung kaum, wie man in Theresia Enzensbergers soeben erschienenem eindrucksvollen Roman „Blaupause“ vor Augen geführt bekommt. Architektinnen wie Charlotte Perriand oder Cini Boeri werden auch heute in architekturgeschichtlichen Publikationen vor allem als Möbeldesignerinnen gefeiert, und diese Beschränkung aufs begleitende „Innen“ findet auch bei denen statt, die revolutionäre, den Gang der Architekturgeschichte verändernde Häuser entworfen haben.

Ein besonders schlagendes Beispiel ist das Werk der 1929 in Algerien geborenen, heute in Paris lebenden Architektin Renée Gailhoustet: Wenn sie überhaupt in Büchern und Artikeln auftaucht, dann entweder als „Mitarbeiterin“ oder „Ehefrau“ des mit Terrassenhäusern bekannt gewordenen Architekten Jean Renaudie. Sie war weder das eine noch das andere – und dass sie aus der Geschichte des modernen Bauens herausgeschwiegen wird, ist umso dramatischer, als das, was sie zeitgleich mit dem kürzlich abgebrannten Londoner Gwenfell-Tower in der Pariser Vorstadt Ivry-sur-Seine baute, ein noch heute zukunftsweisendes Gegenmodell zur funktionalistischen Massenunterbringungsarchitektur der Nachkriegsmoderne ist.

Das hier ist kein Haus auf dem Land, sondern Massenwohnungsbau in Paris: In Gailhoustets Terrassenhaus gibt es auch im zehnten Stock Gärten.
© Niklas Maak, F.A.Z.

Gailhoustet entwarf damals eine Art Berglandschaft aus begrünten Betonterrassen, die sich über eine Ladenstraße faltet. Im Erdgeschoss dieser Wohnpyramiden gibt es kleine Bibliotheken und Kindergärten, von den öffentlichen Räumen zweigen Gassen und Wege ab. Straßen gibt es nicht, dafür Plätze und Pfade, wie in einem mittelalterlichen Bergdorf. Die Wohnkomplexe mit den Namen Jeanne-Hachette, Casanova und Le Liégat, die hier von 1971 bis 1986 gebaut wurden, sind die entschlossenste moderne Kritik, die in Frankreich am üblichen Massenwohnungsbau der Nachkriegszeit formuliert wurde. Alles, was die moderne Stadt abgeschafft hatte, das Nebeneinander von Arbeiten und Wohnen, Plätze, auf denen Kinder gefahrlos spielen können, kleine Gärten, Gemeinschaftsräume für Nachbarschaftlichkeit, kleine Läden, war wieder da. Der Komplex besteht aus mehreren Bauten, die von mehreren Architekten entworfen wurden. Jean Renaudie wurde mit seiner Version der begrünten Wohnpyramide berühmt. Gailhoustet ist, obwohl man sie zu den bedeutendsten Vertretern einer kritischen Moderne rechnen muss, heute vollkommen unbekannt. Sie taucht nicht einmal in den ohnehin sehr kurzen Listen französischer Architektinnen des zwanzigsten Jahrhunderts auf. Dabei waren es vor allem Frauen, die Ivry zu einem der interessantesten Orte der französischen Moderne machten – die Leiterin des Amts für sozialen Wohnungsbau, Raymonde Laluque, etwa, die früh die Trostlosigkeit der grauen Sozialbaukisten der Nachkriegsjahre kritisierte und eine neue Architektur verlangte.

Die bekam sie von Renée Gailhoustet. Die in Oran geborene Architektin hatte nach dem Krieg zuerst Philosophie und Literatur studiert, geriet dann in Paris in die Straßenschlachten zwischen Linken und Poujadisten, zu denen auch der Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen gehörte; bei einer Schlägerei mit seinen „Tueurs“, erzählt Gailhoustet, wurde ihr das Nasenbein gebrochen. Es war vor allem die Politisierung dieser Jahre, die Gailhoustet dazu trieb, von 1952 an Architektur zu studieren. Sie arbeitet im Büro von Henri Trezzini und Marcel Lods, die zu den wenigen Büros gehören, die Frauen als Entwerferinnen einstellen, trifft dort den Architekten Jean Renaudie, beginnt mit ihm eine Affäre und bekommt zwei Kinder mit ihm – und es mag vor allem an der Prüderie der damaligen Architekturhistoriker liegen, dass sie allein deswegen entweder als Renaudies „Ehefrau“ oder schamvoll als „Partnerin“ geführt wurde. Dabei entwickelte sie jenseits von Renaudies Pyramidenhäusern etwas ganz Eigenes. Gailhoustet hatte bei den Architekten des „Team 10“ gearbeitet, die die Funktionstrennung von Wohnen und Arbeiten scharf kritisierten. 1969 wird sie in Ivry leitende Stadtplanerin – und beauftragt unter anderem Jean Renaudie. Beeinflusst von den Terrassenhäusern, die Moshe Safdie 1967 in Montreal baute, überbaut Renaudie eine Einkaufsstraße mit Terrassenwohnungen, wobei diese Terrassen vor den Wohneinheiten eigentlich Teil des öffentlichen Raums sind. Alle sind mit Treppen verbunden, man klettert an den Wohnungen vorbei wie auf einen Berg. Dass die Privatheit in den verglasten Wohnungen darunter litt, nahm Renaudie in Kauf: Das Ziel war eine neue Form von Kollektivität.

Die Architektin Lina Bo Bardi, die 1968 in São Paolo ein Museum baute, kennt man inzwischen.
© Markus Lanz, F.A.Z.

Wenn man heute Renée Gailhoustet in ihrem Wohnkomplex Le Liégat besucht, sieht man schnell, dass ihr Bau auch eine Kritik, ein Gegenmodell zu Renaudies radikal öffentlicher Fassadenfläche ist. Renaudie hat den öffentlichen Raum wie eine grüne Haut über seine Wohnpyramide gelegt: Gailhoustet entwickelte dagegen ein System, bei dem an eine sechseckige Grundform längliche Rechtecke angebaut werden; diese Form wird so versetzt übereinandergestapelt, dass sich vorspringende Gärten und sehr flexible Maisonettewohnungen ergeben. Das öffentliche Leben findet nicht vor der Terrassentür statt wie bei Renaudie, sondern im Erdgeschoss, wo Gailhoustet ein Gewirr von Gassen und Plätzen und Loggien baut, an denen Werkstätten, Läden und Gemeinschaftsräume liegen. Eine Bühne gibt Raum für Aufführungen oder politische Diskussionen. Das gemeinsame Leben findet in diesen Räumen statt; die Wohnungen aber sind privat, die Gärten – bis zu fünfzig Quadratmeter groß und mittlerweile wie ein Dschungel verwuchert – Erweiterungen des Privatraums der Wohnung. „Die Terrassen“, sagt Gailhoustet, „sind intimer bei mir, manchmal werden sie sogar Teil der Wohnung, als Patio. Jeder hat einen ‚Jardin derriere‘ wie auf dem Land, kommunizierende Gärten. Es ist auch eine Architektur für Kinder: keine Autos, keine Straßen, sondern Wege, und Plätze.“

Le Liégat hat 140 Sozialwohnungen, die immer noch in staatlicher Hand sind; die Miete kostet achthundert Euro für eine Wohnung mit zwei Etagen, fünf Zimmern und Paradiesgarten mit Blick über die Stadt. Hier könnte nicht nur eine große Familie, sondern auch eine Wohngemeinschaft oder eine Gruppe älterer Leute gut leben – was den Komplex nicht nur als Landidyll für alle mitten in der Stadt, sondern auch angesichts des demographischen Wandels wegweisend erscheinen lässt. Mittlerweile könnte die Anlage eine Renovierung gut gebrauchen. Von allen Bauformen, die in den sechziger Jahren entstanden und dann nicht weiter verfolgt wurden, ist der hochverdichtete Terrassenbau dennoch die interessanteste. Schon wegen solcher Entdeckungen muss die Architekturgeschichte nach den Architektinnen durchsucht werden, die aus ihr, warum auch immer, eliminiert wurden.

Quelle: F.A.Z.
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