Roman von Arno Frank

Die Gespenster der Autoroute

Von Tobias Rüther
 - 22:01

Die Mutter lutscht am Daumen. Die kleine Schwester steckt Gummibärchen in Leberwurst oder mischt Petersilie und Senf unter vergammeltes Hundefutter und lässt dann alles verwesen. Der kleine Bruder will sich nicht mehr von seinen Schwimmflügeln trennen, obwohl die Luft längst aus ihnen raus ist und die Haut darunter weiß und wund.

Die Luft ist aus allem raus.

Aber der Vater gibt noch nicht auf. Ihm fällt immer doch noch mal etwas Neues ein – woher Geld kommen könnte, wohin es damit gehen könnte. Er zieht seine Familie und zwei Hunde mit sich und hinter sich her: aus der Pfalz an die Côte d’Azur und von dort nach Guarda in Portugal und über Lissabon wieder zurück nach Norden, nach Paris, und weiter, heim in die Pfalz und gleich wieder nach München und von dort über Erding im Bus mit dem allerletzten 50-Mark-Schein an die Endstation – in ein Gasthaus in einem namenlosen Ort in der bayerischen Provinz. Wo die Polizei an ihre Zimmertür klopft. Und der Trip vorbei ist.

Unweigerlich wird die Traumwelt explodieren

Der Journalist Arno Frank hat die Geschichte seiner Familie in einen Roman verwandelt: „So, und jetzt kommst du“ erzählt die Geschichte eines Jungen unter den denkbar abenteuerlichsten, gefährlichsten, desolatesten, freiesten, kaputtesten Umständen. Ein Thriller, eine Familientragödie, ein abschüssiger Bildungsroman: All das steckt in dieser wahren, erfundenen Geschichte, die Arno Frank seinem wahren, erfundenen Ich von damals in den Mund legt, damit er sie uns erzählt – einem Jungen, dem nach und nach klar wird, dass sein Vater ein Verbrecher ist, ein Betrüger, und dass die Traumwelt, in die er seine Familie zieht, unweigerlich explodieren wird. Wenn das Geld aus ist. Oder wenn Interpol zuschlägt. Es ist die Geschichte der Familie Frank, die in Arno Franks Buch auch die Familie Frank heißt.

Die Geschichte dieser Familie beginnt vergleichsweise harmlos, ungefähr 1984: Da handelt der Vater noch in der Pfalz mit gebrauchten Autos oder mit Zeug, Hirschgeweihe aus Kunststoff, Radiergummis mit Bürsten, das kein Mensch gebrauchen kann, das der Vater aber versucht, lauter Menschen anzudrehen. „Es steht eben jeden Tag ein Dummer auf“, so erklärt der Vater es seinem Sohn, das ist sein Geschäftsprinzip und wohl auch sein Lebensmotto. „Es gibt eben Dummköpfe. Man muss sie nur finden. Oder, besser noch, sich von den Dummköpfen finden lassen.“

Der Sohn ist noch zu jung, um zu verstehen, wie der Trick funktioniert: dass sich sein Vater die Realität schönredet, dass er die Verantwortung für das, was er tut, jenen übergibt, denen er das antut. Vielleicht ist auch Sündenstolz dabei, oder einfach die kreative Kraft des kriminellen Selbstentwurfs, jedenfalls trägt die Illusion eine fünfköpfige Familie immer weiter in die Sonne. „Schuften müssen nur die Idioten“, sagt der Vater etwas später, da leben die Franks in einem Haus mit Pool an der Côte d’Azur; der Vater ist mit dreihunderttausend Mark abgehauen, Geld, von dem er eigentlich Gebrauchtwagen für seine Geschäftspartner kaufen sollte – jetzt wirft er es nur so um sich bei allerschönstem Sonnenschein. „Das Geheimnis ist, dass alle bescheißen“, so redet er sich jetzt den Himmel blau. „Mal mehr, mal weniger. Das ist die Wahrheit. Je früher du auf den Trichter kommst, umso besser.“ Der Sohn hört zu, nickt, plappert nach, ahnt vielleicht was, aber die Nachmittage vor dem Fernseher und die ständigen Schulwechsel und die teuren Geschenke sind zu verführerisch. Und er ist ja noch ein Kind.

Der Text zerreißt einem das Herz, weckt Mitleid, Furcht

Arno Frank, geboren 1971, früher Redakteur der „tageszeitung“, für die er immer noch schreibt, hat seine verwandelte Lebensgeschichte also „Roman“ genannt. Wie viel wahres Ich und echtes Leben hält die Fiktion aus, um noch als Fiktion durchzugehen? Das fragt sich die Literaturkritik ja immer mal wieder. Die Bücher, um die dann gestritten wird (zuletzt von Knausgård, Ferrante, Melle, Alexijewitsch), interessiert die Frage nur, wenn sie sie an sich selbst stellen, sie wollen sonst nur gelesen werden, und die Leser, die das tun, interessiert die Frage vermutlich auch nicht. Am Ende sagt einem sowieso immer der Text, was er ist. Und der Text, den Arno Frank geschrieben hat, zerreißt einem das Herz, weckt Mitleid und Furcht und alle möglichen widersprüchlichen Gefühle, man rast wie die Familie Frank Richtung Süden und zurück und wieder nach Süden durch die dreihundertzweiundfünfzig Seiten und hofft, dass die Familie nie gefasst wird. Oder dass sie doch endlich gefasst wird.

„Geschichten passieren nur denen, die sie erzählen können“, hat der amerikanische Schriftsteller Allan Gurganus einmal geschrieben. Und Arno Frank kann das, er ist ein direkter, schneller Erzähler, unsentimental genau, deswegen ergreifend: Als dem Vater das Geld und die Ideen endgültig ausgegangen sind, auf dem Weg nach Paris, schlägt er der Mutter vor, ihren geklauten Mietwagen vor einen Brückenpfeiler zu steuern: „Es würde ganz schnell gehen“, hört der Sohn auf der Rückbank ihn sagen, „wir würden kaum etwas spüren.“ Der Vater gibt Gas – und dann passiert etwas so Verrücktes, dass es nicht dazu kommt, der Vater schimpft, die Mutter kichert, und der Sohn schreibt: „Da ist die Brücke, da ist der Pfeiler. Für einen Wimpernschlag setzt der Regen aus. Und sofort wieder ein.“

Die Geschichte der Franks ist von Anfang an genau das: eine Geschichte. Als der Vater die Mutter kennenlernt, in Kaiserslautern in den sechziger Jahren, parkt er mit einer Alfa Giulia vor dem Depot der amerikanischen Besatzungskräfte, „direkt neben dem Eingang, der für Offiziere reserviert war, stieg aus, zündete sich eine Gitane an und fiel in genau der Sekunde, als die Flamme aus der hohlen Hand sein konzentriertes Gesicht erleuchtete, meiner Mutter auf, die gerade selbst zum Rauchen vor die Tür getreten war“.

Der Himmel muss noch blauer werden

Er raucht französische Zigaretten auf einem amerikanischen Parkplatz, das Hemd drei Knöpfe tief geöffnet, unter dem Arm der „Spiegel“ mit Charles Manson auf dem Titel, und trifft seine Frau – eine Filmszene, larger than life, die suggestiv einläutet, dass sich das Leben zweier Menschen, das hier beginnt, nicht nach normalsterblichen Maßstäben entfalten wird. Als müssten die beiden ihrer Urszene gerecht werden. Sie erliegen ihrer eigenen Außergewöhnlichkeit. Die Provinz ist zu klein. Der Himmel muss noch blauer werden.

Und der Sohn träumt den Traum weiter, den seine Eltern erzählend in ihm angelegt haben. Er stellt sich seinen Vater vor, wie er im Casino von Nizza am Roulette sitzt, einen Martini in der Hand, ein Hauch „Drakkar Noir“ auf der Haut, und seinen Mitspielern das Geld aus der Tasche zieht, weil er schlauer als alle anderen ist. „Niemand weiß, wer mein Vater ist und woher er kommt. Er könnte ein jordanischer Scheich sein, ein italienischer Schauspieler, ein belgischer Politiker. Niemand ahnt, dass er vor ein paar Monaten noch Gebrauchtwagen verkauft hat in der Pfalz.“

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Solange das Geld reicht, ist das Leben der Familie in Frankreich ein Rausch. Sie segeln vor Cannes. Der Sohn bekommt einen Roller. Die kleine Schwester Jeany lernt Reiten bei einer Freundin, deren Vater wirklich schwerstreich ist. Der kleinste Sohn, Fabian, bekommt Schwimmflügel, weil die Mutter sich sorgt, er könnte sonst in den Pool fallen und ertrinken. Und die Mutter kauft, was sie nur will. Es wird Fernsehen geschaut, Formel 1 und Tennis, es sind die Achtziger von Alain Prost und Boris Becker. Es ist heiß. Die Kinder kriegen eine Nanny, die achtzehnjährige Roxane, beziehungsweise kriegt der Vater sie, deswegen ist Roxane bald wieder verschwunden. Es ist ein Frankreich wie in Spielfilmen oder Nachmittagsserien. Aber tausend Kilometer nördlich hat die Polizei die Spur der Franks aufgenommen.

„Zum Geburtstag bekomme ich ein Snickers“

Und die beiden älteren Geschwister haben das irgendwann auch. Weil, sobald das Geld ausgeht, nichts mehr zusammenpasst. „Zum Geburtstag bekomme ich ein Snickers“, sagt der Sohn, das ist der traurigste Satz im ganzen Buch, die Franks sind da in einem Hotel in Lissabon gestrandet, die Kinder hungern, der größere Hund der Familie stirbt einen langsamen Tod, vielleicht etwas zu metaphorisch für diesen zaunpfahlfreien Roman. „Manchmal denke ich, dass in unser Zimmer neue Gäste einziehen könnten, ohne uns zu bemerken“, sagt der Sohn. „Sie würden zwischen uns leben, ohne uns wahrzunehmen, weil wir uns allmählich in Gespenster verwandelt haben. Wir wirken auf nichts ein, nichts wirkt auf uns ein.“

Bevor dieses Nichts sie verschluckt, wirken die Kinder aber auf etwas ein, retten die Kinder sich selbst. Bevor das aber passieren kann, in einem Gasthof in der bayerischen Provinz, müssen sie erkennen, dass ihre Eltern aus Nichts gemacht sind. Das Spiel ist aus, aber es war unwiderstehlich. Ein Roman über Rücksichtslosigkeit, Weltverweigerung und Lebenstrotz. Und Grausamkeit. Man ist dankbar, dass man ihn nur lesen, nicht leben musste.

Arno Frank: „So, und jetzt kommst du“. Tropen, 352Seiten, 22 Euro

Quelle: F.A.S.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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