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Art Berlin

Wenn der Löwe sprechen könnte

Von Julia Voss
 - 17:16

Nun gibt es sie also wirklich, die Art Berlin, den Kentaur, das jüngste Kunstmessegeschöpf, halb Berlin, halb Köln. Allein das ist erstaunlich: Noch im vergangenen Jahr machte das Gerücht die Runde, die Szenen der beiden Städte lägen im Clinch. Kooperation statt Konkurrenz war jedoch die Folge, und gemeinsam wurde die Art Berlin ins Leben gerufen. Die Aufgaben hat man sich geteilt. Träger ist die Kölner Messe, und damit verantwortet Daniel Hug, Direktor der Art Cologne, das Budget. Maike Cruse, Direktorin des Berliner Gallery Weekend und der früheren ABC-Messe, hat mit ihrem Team die Durchführung übernommen.

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Welche Vorteile die Zusammenarbeit bietet, kann bereits feststellen, wer sich die Raumaufteilung ansieht. Bezogen wurde, wie in den früheren Jahren, die schöne Halle in der Luckenwalder Straße, dieses Mal mit Kojen. Dort finden sich nun erstmals auch Galerien, die Werke der Klassischen Moderne zeigen oder der Pop-Art. Aus Köln ist Klaus Benden gekommen, mit einer Zeichnung von Warhol, einem Porträt des spanischen Sängers und Schauspielers Miguel Bosé (38 000 Euro) oder der signierten Offsetlithographie „Tempel“ von Roy Lichtenstein (9000 Euro). Zu den ältesten Werken der Messe dürfte das Selbstbildnis der Avantgardekünstlerin Elfriede Lohse-Wächtler zählen, ein Pastell von 1930 (88 000 Euro), das Fischer Kunsthandel+ Editionen zeigt: Das ebenso expressive wie traumartige Gemälde stammt aus dem Familiennachlass. Mehr Bilder von Lohse-Wächtler werden bald in der Ausstellung zur Kunst der Weimarer Republik in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen sein.

Viel Raum für junge Künstler

Noch kann Berlin mit Standmieten locken, die in anderen Metropolen undenkbar wären. Der Quadratmeter kostet auf der Art Berlin 225 Euro, ein Preis, der die Möglichkeit bietet, einen Stand mit einer großen Wand für tausend Euro zu betreiben, wie die Beispiele Klosterfelde Editionen oder Daniel Marzona vorführen. Viel Raum gibt dagegen die aus Stockholm angereiste Galleri Magnus Karlsson der jungen Malerin Sara-Vide Ericson für ihren großformatigen Akt „The Ridge“, einen schlafenden jungen Mann, und dessen zerwühlter Überdecke „The Map“; beide Bilder (zusammen 25 000 Euro) kommen frisch aus dem Atelier. Dass Haut und Stoff nie aufhören werden, zu den schönsten Herausforderungen der Malerei zu gehören, beweist bei Aurel Scheibler am Stand Alice Neels Porträt „Nancy“, das die Schwiegertochter der Künstlerin zeigt (um 1 Million Dollar); es stammt aus dem Nachlass der Familie und entstand 1966.

Das ursprüngliche Konzept der ABC-Messe, die Aussteller ausschließlich Einzelpositionen zeigen zu lassen, führen dreißig Galerien weiter. Sprüth Magers präsentiert eine raumgreifende Arbeit von John Bock über den Architekten Hans Scharoun; zur Installation gehören eine Filmprojektion, Architekturmodelle und Gewürzgurken. Mark Dions Zirkuszelt, das politische Inhalte und Jahrmarktspektakel zusammenführt, ist bei Nagel Draxler zu sehen (150 000 Euro). Und Barbara Wien stellt Serien von Haegue Yang aus, die kürzlich den Wolfgang-Hahn-Preis der Gesellschaft für moderne Kunst am Museum Ludwig erhielt; ihre Schwarzweißbilder wurden mit Sprühfarben gemalt (je 8000 Euro). Den Reiz des Prototyps vertritt eindrücklich eine Installation von Charlotte Posenenske (37 800 Euro) bei Mehdi Chouakri. Ein ungewöhnliches Objekt bietet mit „Koffer: Küche“ die Galerie Michael Schultz: Dort steht, ganz aus Lack, Leder und Chrom ein klappbares Möbel, mit Bett, Küche, Espressomaschine und Barhockern, das aussieht, als hätte es Gordon Gekko in Auftrag gegeben, der düstere Börsenmillionär aus dem Film „Wall Street“. Sollte Gekko irgendwann fliehen müssen, hätte der Künstler MKKaehne dafür gesorgt, dass er stilecht reisen kann (120 000 Euro).

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Von den 110 Ausstellern kommt die Hälfte aus Berlin. Das Kunstwerk aber, das sich dieser Stadt widmet, zeigt die australische Galerie Neon Parc: eine Fotoserie der Künstlerinnen Burchill und McCamley, die das zehnjährige Leben eines aus Sperrmüll errichteten Hauses in Kreuzberg dokumentiert. Die klassischen Genres der Kunst dominieren dieses Mal, von der Malerei über die Skulptur bis zur Fotografie. Letztere ist mit großformatigen Werken bestens in der Galerie Wilma Tolksdorf vertreten, darunter Arbeiten von Johanna Diehl, Axel Hütte und Katharina Sieverdings Diptychon aus der „Transformer“-Serie von 1973 (95 000 Euro).

Zu den jungen Berliner Galerien gehört Dittrich&Schlechtriem, und wer den Stand finden möchte, muss einfach dem Rattergeräusch folgen. Es kommt von einer Drohne, die wie ein Kolibri im Flug steht und eine Zimmerpflanze abfilmt. Die Bildinformation wertet ein Algorithmus aus, der mit Hundefotos gefüttert wurde. Was sieht die Maschine des Künstlers Andreas Greiner? Viele, viele Hundeköpfe, die sich zu einer Zimmerpflanze zusammensetzen (30 000 Euro). Die Software dreht sich im Teufelskreis ihres Programms. Auch für sie gilt Wittgensteins Satz: „Wenn der Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.“ Was für ein schöner Auftakt, und die Pläne für die nächste Ausgabe sind bereits geschmiedet: Während dieses Mal die Galerien zur Teilnahme eingeladen wurden, soll das nächste Mal eine Kommission über die Beteiligung entscheiden.

Station Berlin. Am 16.September von 11 bis 19Uhr, am 17.September von 11 bis 16 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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