Aus dem Maschinenraum

Astronautenblicke

Von Constanze Kurz
 - 10:37

Ein 2011 gegründetes kanadisch-amerikanisches Unternehmen mit dem Zungenbrecher-Namen UrtheCast macht mit einem reizvollen Versprechen von sich reden: Hochauflösende Kameras sollen uns schon bald den Astronautenblick auf die Erde von der Raumstation ISS aus ermöglichen. Nahezu in Echtzeit sollen zwei Kameras Aufnahmen zu Bodenstationen funken, um sie Interessierten sofort zugänglich zu machen.

So neu ist die Aussicht aus der Höhe der Raumstation nicht mehr. Filme und unzählige Fotos ermöglichen eine klare Vorstellung davon, wie der Planet aus dem All aussieht. Wirklich spannend ist aber der Live-Aspekt der Bewegtbilder, der schon in wenigen Monaten lieferbar sein soll. Der gottgleiche Video-Blick vom Himmel soll mit einer Auflösung von mehr als einem Meter pro Pixel so scharf sein, dass man einzelne Fahrzeuge oder Menschengruppen ausmachen kann.

Eine der Kameras wird zusätzlich permanent einen etwa vierzig Kilometer breiten Streifen der Erdoberfläche aufnehmen, über dem die ISS gerade fliegt. Entwicklern von Programmen wird zudem versprochen, dass sie ohne Hindernisse mit den Original-Videodaten arbeiten können sollen.

Die neue Dimension des Blicks

Vergleichbare Live-Bewegtbilder aus dem Orbit gab es bisher nur in den schummerigen Bunkern der Geheimdienste und Militärs zu sehen und auszuwerten. Den Zivilisten waren bei Google Earth nur die zwar ähnlich hochauflösenden, aber Monate oder Jahre alten Standbilder von Satelliten zugänglich. Die neue Dimension des unmittelbaren Blicks aus dem All wird sich wohl zuerst den Nachrichtenmedien erschließen. Ereignisse wie die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz oder plötzlich aufflammende Kampfhandlungen irgendwo auf der Welt werden künftig schon beim nächsten Überflug der ISS - also innerhalb weniger Stunden - in der Totale von oben auf die Bildschirme und als Stream ins Netz gelangen.

Es wird zukünftig daher leichter werden, aktuelle Berichterstattung mit Vorort-Aufnahmen im Fernsehen und Netz zu bebildern - zumindest, wenn nicht gerade der Himmel bedeckt ist oder zu verbergende Grausamkeiten zeitlich so gelegt werden, dass ihre Spuren von oben unsichtbar bleiben, bevor die Kameras wieder in ihrem Erdumlauf vorbeikommen. Mit zunehmender Anzahl solcher Live-Kameras im All wird das jedoch schwieriger werden.

Unsere Wahrnehmung wird sich verändern

Die Frage, wer den Zugriff auf die Bilder kontrolliert und wer bestimmt, wohin die Kameras gerichtet werden, wird entscheidend sein dafür, ob die neuen Möglichkeiten demokratisierend wirken und die Welt ein kleines Stückchen besser machen. Können durch die neue Echtzeit-Sichtbarkeit Menschenrechtsverletzungen oder Umweltzerstörungen erkannt und verhindert werden? Werden ganz neue wissenschaftliche Forschungsfragen aufgeworfen und gelöst? Werden sich neue Kunstformen entwickeln, ähnlich denen, die heute bei den statischen Bildern bei Google Maps zuweilen ins Auge fallen, wenn Schriftzüge, ikonographische Zeichen oder bildliche Darstellungen für die Sicht von oben konzipiert werden?

Wie sich die Oberfläche der Erde im Zeitverlauf verändert, kann dabei in neuer Qualität erfasst werden. Seit vor mehr als hundertfünfzig Jahren im amerikanischen Bürgerkrieg hoch in die Atmosphäre aufsteigende Heißluftballone die ersten Aufnahmen aus großer Höhe machten, ist die Menschheit vom Blick aus der Höhe fasziniert. Letztlich wird die Verfügbarkeit von Live-Bildern aus dem All unsere Wahrnehmung auf den Planeten verändern. Wenn wir ihn überall mit nur wenigen Minuten Verzögerung stets im detailgetreuen Blick haben können, entsteht vielleicht ein neues Gefühl der globalen Verantwortung.

Auf jeden Fall dürften die Bilder die Schönheit unseres Planeten von oben in ein neues Licht rücken. Dieser Aspekt darf nicht unterschätzt werden. Die Menschen, die einmal im Orbit waren und die Fragilität der Lufthülle im Kontrast zu den unendlichen Weiten des Alls gesehen haben, berichten von einem dramatisch veränderten Gefühl der Verantwortung für den Planeten. Vielleicht lässt sich dieser Effekt ja digital multiplizieren.

Die Auflösung ist technisch limitiert

Es ist nicht sehr viel Phantasie nötig, um sich vorzustellen, wie die Menschen diese faszinierenden Aufnahmen in ihren Alltag integrieren werden. Sich selbst auf den Live-Bildern aus dem Orbit zu entdecken, wird nur der Anfang sein. Die UrtheCast-Kameras auf der ISS dürften den Beginn einer Entwicklung markieren: Zukünftige Erdbeobachtungssatelliten werden wohl ganz selbstverständlich mit Video-Kapazitäten ausgestattet werden. Schon in wenigen Jahren wird es selbstverständlich sein, dass man für Beträge, die weit unter den Kosten eines TV-Teams mit Übertragungstechnik liegen, Live-Bilder von allen Orten kaufen kann, sofern sie unterhalb der Umlaufbahnen der entsprechend ausgerüsteten Satelliten und Raumstationen liegen.

Wie aber steht es mit der Privatsphäre? Müssen wir uns zukünftig sorgen, beim Nacktbaden im Pool hinter dem Haus von oben beobachtet zu werden? Dieses Problem wird sich in absehbarer Zeit nicht stellen. Denn die Auflösung aus dem Orbit ist technisch limitiert. Selbst militärische Spionagesatelliten, deren Kameras sehr viel größer und aufwendiger sind als die von UrtheCast an der ISS installierten, erreichen keine Auflösungen, die etwa ein Gesicht oder Details individueller Körpermerkmale erkennbar werden ließen.

Der Grund ist neben der Größe der notwendigen Optiken die Unschärfe, die durch die Verwirbelungen in den Luftschichten der Atmosphäre erzeugt werden. Selbst mit ausgefeilten Tricks zur Kompensation und Nachschärfung der Bilder gelangt man hier an praktische Grenzen. Außerdem verhält sich ein Objektiv im Orbit genauso wie jede Fotokamera: Je näher man heranzoomt, desto kleiner wird der Bildausschnitt. Enorm hochaufgelöste Bilder decken also zwangsläufig nur einen sehr kleinen Teil der Erdoberfläche ab - und je kleiner der Ausschnitt, desto geringer die Anzahl der Interessenten an dem Bild. Die ubiquitäre Verwendung von Drohnen aller Art, die zwar kleinere Kameras tragen, sich aber viel näher am Objekt der Aufnahme befinden, stellt demgegenüber ein weitaus größeres Risiko für die Privatsphäre und ihren Schutz dar.

Quelle: F.A.Z.
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