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Aus dem Maschinenraum

Auf dem Weg zum autistischen Auto

Von Constanze Kurz
 - 08:12
Sieht so die Zukunft aus? Ein selbstfahrendes Auto von Google unterwegs. Bild: dpa, F.A.Z.

Wie jede Regierung wird sich auch die kommende den Herausforderungen durch Technologien stellen müssen. Sei es eine Jamaika- oder eine schwarz-rote Koalition, der technische Fortschritt wird derselbe sein. Die Frage ist, wohin man ihn lenkt oder wo man Grenzen setzt – auch auf europäischer Ebene. Eine der Herausforderungen wird autonomes Fahren sein, durch eine Vielzahl weltweiter Firmen vorangetrieben.

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Von Sci-Fi-Wagen, die uns mit magischer Sicherheit selbständig durch alle Verkehrssituationen lotsen, sind wir noch recht weit entfernt. Zu verwirrend können schwieriges Wetter oder für Menschen konzipierte Verkehrszeichen, Markierungen und Ampeln sein, wenn der Fahrzeug-Computer nur soviel weiß, wie Sensoren, Kameras und Software eben hergeben. Und hören können die Autos auch (noch) nicht, falls eine Sirene naht.

Auf dem Weg zum völlig autonomen Auto

Doch wir sind im Jahr 2017, für das Google-Gründer Sergej Brin vor fünf Jahren weissagte, dass selbstfahrende Autos dann fertig sein würden. Mit Blick etwa auf die Firma Uber, die in Pittsburgh und San Francisco derzeit die ersten autonomen Autos testet, ist seine Vorhersage so falsch nicht gewesen. Der Tesla-Chef Elon Musk beschreibt zwar die amerikanischen Straßenmarkierungen als „verrückt“, aber seine Flotte von teuren halb-autonomen Autos wächst. Und auch in Berlin rollen die ersten vollständig autonomen Kleinbusse schon an, von der Deutschen Bahn zusammen mit einem Start-up aus Kalifornien betrieben.

Ob es in dieser Legislaturperiode möglich wird, dem Menschen gänzlich das Steuer aus der Hand zu nehmen, spielt auf den ersten Blick eine untergeordnete Rolle. Denn das vollständige oder das streckenweise autonome Fahren unterscheiden sich aus Sicht eines Gesetzgebers nicht stark. Für diejenigen, deren Beruf das Fahrzeugführen ist, macht es allerdings den entscheidenden Unterschied.

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Politik trägt Verantwortung für obsolet werdende Arbeitskräfte

In der vergangenen Legislaturperiode wurden bereits Fakten geschaffen und autopilotierten Fahrzeugen der Weg geebnet. Zusätzlich hat eine Ethikkommission Vorschläge erarbeitet. Was aber weder im Gesetz noch im Ethik-Papier eine Rolle spielte, sind die Menschen, deren Beruf durch die Technik obsolet zu werden droht. Hier hat die neue Regierung eine große Aufgabe vor sich.

In den Vereinigten Staaten beginnt die Diskussion gerade: Dort ist seit Juni ein Bundesgesetz für autonome Fahrzeuge auf dem Weg. Dort, wo Testwagen bereits seit mehreren Jahren auf vielen Straßen kreuzen, soll nun unterschieden werden zwischen autonom fahrenden Personen- und Lastkraftwagen. Ein Grund dafür sind die vielen potentiell betroffenen Jobs der Trucker. In Europa ist das bisher kein Thema, auch wenn gleich drei EU-Kommissare zuständig wären: Digital-, Transport- und Binnenmarkt-Ressort.

Die durch Technologien verlorengehenden Tätigkeitsfelder müssen jedoch in die Diskussionen einfließen. Denn auf nur extrapoliertem Technikfortschritt beruhende Vorhersagen von Job-Verlusten übersehen einen wichtigen Punkt: Die Geschwindigkeit der Einführung hängt auch von ihrer Akzeptanz ab. Die gesellschaftlichen Kosten umfassender Umwälzungen in der Arbeitswelt sind längst nicht mehr nur theoretisch. Je spürbarer die Bedrohungen für etablierte Beschäftigungsfelder werden, desto stärker sind Widerstände und desto mehr regulatorische Hürden werden aus den verschiedensten Gründen und auch Vorwänden errichtet.

Stärker noch als in Europa wird das Milliardengeschäft mit den großen Trucks in Amerika als eine Branche mit Millionen Beschäftigten begriffen. Neben Lieferanten und Taxifahrern sind die Jobs der Trucker daher ein Politikum. Das zeigt sich in Anhörungen im zuständigen Gremium des US-Senats: Es geht auch um die Sicherheit und um Software, die über Leben und Tod entscheidet, aber die Sicherheit der Jobs der Truck-Fahrer ist nicht minder wichtig. Schließlich ist LKW-Fahrer immer noch die Berufstätigkeit Nummer eins für amerikanische Männer ohne College-Abschluss.

Die überparteiliche Gesetzesinitiative folgt der Veröffentlichung der US-weiten Richtlinien für autonomes Fahren (Federal Automated Vehicles Policy) vor einem Jahr. Darin sind die Knackpunkte bei der Regulierung adressiert: Sicherheit, Verbraucherschutz, Versicherung und Haftung. Denn wie in Europa gibt es in den Vereinigten Staaten Landesregelungen, die voneinander abweichen. Der Vorteil des neuen Gesetzes soll die Vereinheitlichung im ganzen Land sein.

Wenn die Senatoren ihr Votum zum Gesetz abgeben, ist das erst einer der Schritte, um zu einer US-weiten Regulierung zu kommen. Denn das Abgeordnetenhaus hat ebenfalls einen Gesetzentwurf, mit dem die Senatsversion erst noch verschmolzen werden muss. Entsprechend wird auch in den Vereinigten Staaten nicht so bald ein für alle geltendes Gesetz in Kraft treten.

Es gibt jedoch einen Grund zur Eile durch ein unbestrittenes Sicherheitsproblem: Jedes Jahr kosten die für hiesige Verhältnisse oft riesigen LKWs viertausend Menschen das Leben. Und das ist noch nicht die einzige alarmierende Zahl bei Verkehrstoten. Obwohl assistiertes Fahren in verschiedenen Formen längst alltäglich ist und immer weniger Autos ohne smarten Airbag und elektronische Bremshilfe fahren, steigt die Anzahl der getöteten Menschen im US-amerikanischen Straßenverkehr. Für das Jahr 2015 ist eine Zunahme von mehr als sieben Prozent verzeichnet. In der US-Senatsanhörung wurde das als größter Anstieg der letzten fünfzig Jahre beschrieben. Laut den vorläufigen Zahlen für das Jahr 2016 ist mit einem nochmaligen substantiellen Anstieg zu rechnen.

Kein Wunder also, dass mit den neuen Roboterautos auch die Hoffnung einhergeht, weniger Verkehrstote beklagen zu müssen. Ob die Technik das jedoch in naher Zukunft schon leisten kann, ist umstritten. So setzte der Berufsverband der US-Speditionen in einer der Anhörungen auf folgende Formel: Die neuen Technologien sollen die Sicherheit erhöhen, indem sie den Fahrern behilflich sind. Dabei sollen die menschlichen Jobs aber erhalten bleiben und gleichzeitig noch deren Produktivität erhöht werden. Es klingt ein wenig nach der Quadratur des Kreises. Die wird die kommende Bundesregierung inmitten komplexer Interessensabwägungen auch finden müssen.

Quelle: F.A.Z.
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