„Auschwitz on the Beach“

Dann macht doch Politik!

Von Kolja Reichert
 - 11:12

Man hätte dann doch gerne gesehen, wie die Documenta sich die Performance „Auschwitz on the Beach“, die nach Protesten abgesagt worden war, eigentlich vorgestellt hatte – zumal sie am Donnerstagabend ja irgendwie doch stattfand. Zwar ohne die Gemälde von Dim Sampaio, ohne den Soundtrack von Fabio Stefano Berardi und auch ohne die eigentlich angekündigte Lesung des Gedichts von Franco Berardi, das im Mittelpunkt der Veranstaltung wie der Kritik stand – und das wohl relativ deckungsgleich mit dem Ankündigungstext war, in dem die Küstenwachen im Mittelmeer mit den Gauleitern des Dritten Reiches verglichen wurden. Doch das zentrale Anliegen ist erfüllt: Der Vergleich ist in der Welt.

Anwesend war die dunkle Black Box dieses Streits auf der kurzfristig anberaumten Diskussion dennoch, als bereitliegender Ausdruck, und nachdem die rund 150 Gäste im Atrium des Fridericianums lange gespannt abgewartet hatten, ob Berardi sein Gedicht noch vortragen würde, schüttelte er das Papier an der ausgestreckten Hand knatternd in der Luft und zerriss es. „Ich verteidige mein Gedicht!“, rief er in gebrochenem Englisch, hoch erregt. „Ich glaube, dass sich sein Kontext nicht erübrigt hat! Aber wenn es irgendjemandem Leid verursacht, dann vergesse ich es.“

Zwischen Heldenverehrung und Empörung

Wozu also das Ganze? Feige sei das, verschaffte sich ein Gast Luft. Eine Vertreterin der jüdischen Gemeinde Kassel, neben Berardi sitzend, widersprach: „Er ist ein Held, weil er gezeigt hat, dass er zuhören kann.“ Sie hatte Berardi und die verantwortlichen Kuratoren nachmittags zum Gespräch empfangen. Gegen den Gebrauch des Wortes Auschwitz sprach auch sie sich aus. Doch erlebten wir heute, sagte sie, die selbe Situation wie zwischen 1938 und 1940, als Schiffe mit jüdischen Flüchtlingen auf dem Mittelmeer umherirrten, weil Staaten ihre Grenzen schlossen. „Das ist nicht das Gleiche!“, empörte sich ein Zwischenrufer, der niedergezischt wurde, in Wahrung der Regeln des „Parlaments der Körper“, die Kurator Paul B. Preciado eingangs beschworen hatte: „Wir folgen dem Ethos der Gewaltlosigkeit. Bitte begegnen Sie sich mit Respekt. Sprechen Sie und geben Sie das Mikrofon zurück.“ Die Demonstranten der Informationsstelle Antisemitismus Kassel waren schon abgezogen, und das Plenum diskutierte fast zwei Stunden lang geduldig über die Vergleichbarkeit des Holocaust.

„Wir müssen einen Weg aus dem Abgrund finden, in den uns der Finanzkapitalismus und der Nationalismus gebracht haben“, verkündete Berardi, und mahnte mit Verweis auf Günther Anders, der Horror des Dritten Reiches könne sich gegenüber dem kommenden Faschismus wie eine Probe in einem experimentellen Provinztheater ausnehmen. Äußerst höflich äußerten zwei Teilnehmerinnen ihr Unbehagen angesichts der „ideologischen Vehemenz“, mit der Berardi versuche, „uns beizubringen, wie die Welt sein sollte“. Könne man denn nur noch etwas erreichen, indem man Leute betroffen und traurig mache, statt nach Handlungsmöglichkeiten zu suchen? Er habe doch viele Bücher über Selbstorganisation geschrieben.

Die Grundlage von Politik

Das stimmt, antwortete Berardi, doch habe er im letzten Jahr eingesehen, dass die „Vermählung von Kapitalismus und digitaler Technologie“ gemeinsames Handeln unmöglich gemacht habe, wie überhaupt den Humanismus. „Die Demokratie ist tot.“ Was bleibe, sei, Orte gemeinsamen Begehrens und Glücks zu suchen.

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So wie Richard Rorty einst beklagte, dass die Linke den Anspruch auf Politik aufgegeben habe, als sie es sich in den Universitäten bequem machte, so ist auch die Kunst seit Catherine Davids (weit präziserer) Documenta 1997 zum Auffangbecken für ersatzpolitische Agitationen geworden, in denen Figuren wie Berardi Kurswert erlangen, indem sie Projektionen von Politik erfüllen. Etwas besseres als die Mischung von Kunst und Politik gebe es nicht zu tun, erklärte Adam Szymczyk spätabends vor der Tür. Berardi versteht die Entscheidung ohnehin nicht. Ästhetik sei die Wahrnehmung dessen, was geschehe, und damit die Grundlage von Politik.

Doch wenn man derart Fragen von ästhetischer oder politischer Gestaltung preisgibt, kommt wohl eine solche Documenta heraus. Den Strick des Antisemitismus kann man ihr nicht drehen. Das wirkliche Ärgernis ist die Unbekümmertheit, mit der sie Kunst mit Politik legitimiert und Politik mit Kunst. Wie sie dabei beide unerfüllt lässt. Und sich am Ende nicht einmal zuständig fühlt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reichert, Kolja
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton.
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