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Auszeichnung

„Einer der letzten“ - Imre Kertész bekommt Literatur-Nobelpreis 2002

 - 22:00
Imre Kertesz Bild: dpa, @hc

Der ungarische Schriftsteller Imre Kertész bekommt den diesjährigen Nobelpreis für Literatur. In ihrer Begründung schreibt die Schwedische Akademie, dass Kertész für ein schriftstellerisches Werk ausgezeichnet werde, das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet“.

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Der 72-jährige ist ein Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Das dabei Erfahrene und Erlittene hat Kertész zur Grundlage seines Werkes gemacht. „Auch wenn ich von etwas ganz anderem spreche, spreche ich von Auschwitz. Ich bin ein Medium des Geistes von Auschwitz“, lässt der Autor sein Alter Ego in dem Roman „Fiasko“ sagen.

Anfänge als Redakteur und Übersetzer

Kertész, am 9. November 1929 in Budapest geboren, wuchs in einer jüdischen Familie auf. Als Jugendlicher wurde er 1944 nach Auschwitz deportiert und bei Kriegsende 1945 aus dem KZ Birkenau befreit. In den folgenden Jahrzehnten schlug er sich als Redakteur, Autor von Unterhaltungsstücken fürs Theater und als Übersetzer etwa der Werke von Nietzsche und Wittgenstein durch. Doch die Erfahrungen des Holocaust ließen ihn nicht los. Von 1960 bis 1973 arbeitete er unentwegt an seinem wichtigsten Werk, dem „Roman eines Schicksallosen“. Im kommunistischen Ungarn konnte das Buch zwar 1975 erscheinen, aber der Autor wurde in der Folgezeit praktisch totgeschwiegen. Erst eine Neuauflage im Jahr 1985 brachte ihm literarische Anerkennung.

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Als der „Roman eines Schicksallosen“ dann 1996 in einer autorisierten deutschen Übersetzung beim Rowohlt Verlag (Reinbek) erschien, wurde die Bedeutung von Kertesz auch international gewürdigt. Den mit Sensibilität und rationaler Distanz nacherzählten Leidensweg eines 15-Jährigen durch die deutschen Vernichtungslager stellte die Kritik auf eine Stufe mit den entsprechenden Werken der KZ-Überlebenden Primo Levi und Jorge Semprun. Die nachfolgenden Romane „Kaddisch für ein nichtgeborenes Kind“ (deutsche Ausgabe 1992) und „Fiasko“ (1999) bilden mit dem ersten Werk eine „Trilogie der Schicksallosigkeit“.

Der Mensch im Totalitarismus

In der Begründung der Nobelpreis-Jury heißt es, Kertész' literarisches Werk erforsche die Möglichkeit, noch als Einzelner in einem Zeitalter zu leben und zu denken, in dem die Menschen sich immer vollständiger staatlicher Macht untergeordnet hätten. „Sein Werk kehrt unablässig zu dem entscheidenden Ereignis in seinem Leben zurück: dem Aufenthalt in Auschwitz, wohin er, als junger Mann, während der Verfolgung der ungarischen Juden durch die Nazis verschleppt wurde. Auschwitz ist für ihn keine Ausnahmeerscheinung, die sich gleich einem fremden Körper ausserhalb der normalen Geschichte des Abendlandes befinden sollte. Es ist die letzte Wahrheit über die Degradierung des Menschen im modernen Dasein.“

In einer ersten Reaktion hat der Programmleiter und Kertész- Lektor des Frankfurter Suhrkamp Verlags, Rainer Weiss, die Auszeichnung als „Glückstreffer“ bezeichnet. „Ich habe nicht daran geglaubt“, sagte Weiss auf der Frankfurter Buchmesse. „Aber Kertész ist ein wunderbarer Mann, ich freue mich sehr für ihn.“

Dass die Verlage mit der Verleihung nicht gerechnet hat, lässt sich dem Verzeichnis lieferbarer Bücher entnehmen. Derzeit liegt nur eine Erzählung des Ungarn Kertész in Lizenz vor, „Der Spurensucher“. Kertész war vor etwa eineinhalb Jahren von Rowohlt Berlin zu Suhrkamp gewechselt. Sein nächstes Buch soll in einem Jahr erscheinen, sagte Weiss.

Er schreibt an einem neuen Roman

Zur Zeit ist Kertész am Berliner Wissenschaftskolleg mit der Fertigstellung seines neuen Romans mit dem Arbeitstitel „Liquidation“ beschäftigt. Dazu notierte er in den jüngsten „Nachrichten“ des Kollegs: „Die Handlung des Romans spielt in der Zeit der Wende, in der verstörenden, plötzlichen Freiheit, in der die Vergangenheit liquidiert, die Biografien geändert werden. Nichts ist mehr gültig, es gibt keine erzählbare Geschichte mehr.“

Weiter schreibt Kertész zu seinem Projekt: „Von diesem Bruch, den man im ehemaligen Ostblock als tiefes Trauma erlebt, wird erzählt, und wie man sich mit der eigenen Vergangenheit, nolens volens, auseinander setzen muss. Gleichzeitig plane ich, durch diesen Roman einen letzten Blick auf den Holocaust zu werfen, nicht mehr auf die Überlebenden, sondern auf die zweite Generation, auf die Nachgeborenen, die ratlos mit dem schweren Erbe ringen, dem Prozess der Verarbeitung entfliehen oder ihn auf sich nehmen.“

In Berlin hatte Kertész am Mittwoch den mit 10.000 Euro dotierten Hans-Sahl-Preis erhalten. In der Laudatio hieß es, Kertész habe sich mit seinen Werken über die traumatischen Ereignisse in der westlichen Zivilisation in die Weltliteratur geschrieben. Kertész selbst sagte als einer der Überlebenden von Auschwitz bei der Entgegennahme des Preises: „Wir sind die letzten. Fragt uns aus.“

Quelle: @hc
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