Die Familie Mann

Im Gegenwind der Nationalsozialisten

Von Tilmann Lahme
 - 14:52
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Der Jüngste der Familie Mann, der siebzehnjährige Michael, lebt seit Januar 1937 im Hotel Français in Paris. Sein Lehrdiplom für Geige hat er noch am Konservatorium in Zürich absolviert. Dann aber hat er den Direktor der Musikschule im Streit geschlagen, und die Eltern mussten für den Sohn einen neuen Ausbildungsort fern von der Züricher Exilheimat der Familie finden. Der Violinpädagoge Jean Galamian wird in Paris sein Lehrer, zum reduzierten Preis von 75 Francs die Stunde, „in Anbetracht des berühmten Papas“.

Thomas Mann fühlt sich befreit. Seine politische Lage ist endlich geklärt, ein „beglückender Schritt“. Der „Bonner Brief“, seine fulminante Absage an das Hitler-Regime, wird in zahlreiche Sprachen übersetzt und findet große Resonanz. Nach Jahren des Schweigens stellt er sich mit diesem Manifest an die Spitze der literarischen Emigration. Einreihen neben all den anderen Hitler-Gegnern im Exil, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger oder Leopold Schwarzschild, will Thomas Mann sich nicht. Er besteht auf seine eigene Position, und es bietet sich im Jahr 1937 ein Forum, eine Zeitschrift, die er herausgibt. Sie werde sich weniger dem konkreten politischen Kampf, sondern der „Wiederherstellung“ überzeitlicher Werte widmen, schreibt Thomas Mann in der ersten Ausgabe von „Maß und Wert“. Ein schrecklicher Titel, findet Klaus Mann. Dann hätte man sie ja gleich „Eine wirklich gute Zeitschrift“ nennen können. Er ist wütend und enttäuscht. Der Vater hat ihn bei der Planung nicht einbezogen und schon gar nicht überlegt, ihn, den zeitschriftenerfahrenen Sohn, zum Redakteur zu machen. Er empfinde „wieder sehr stark, und nicht ohne Bitterkeit“ des Vaters „völlige Kälte, mir gegenüber“, schreibt er in sein Tagebuch.

Talent als politische Agitatorin

Stattdessen wird Golo Mann in dieser Zeit mehr und mehr zum Ansprechpartner und Assistenten Thomas Manns. Sein „sympathischer, biederer Charakter“ wird gelobt, seine „gescheiten“ Aufsätze, seine politischen Überlegungen. Er entwirft Texte für den Vater, berät, kürzt, tippt ab. Aus der Abneigung gegen den Jungen, der Gleichgültigkeit dem jungen Studenten gegenüber ist nun freundlicher Respekt, ist Sympathie für den „braven Golo“ geworden – vom Sohn, der den Vater so sehr verehrt und seit Jahren um seine Gunst ringt, dankbar verzeichnet.

Madison Square Garden, New York, 15. März 1937. Die erste Massenkundgebung gegen Hitler in Amerika, organisiert vom Jüdischen Weltkongress. Erika Mann soll eine Rede halten, als emigrierte deutsche Schauspielerin und als Tochter Thomas Manns. Vor 23000 Menschen verliest sie eine Grußbotschaft des Vaters und spricht dann, als einzige Rednerin, bevor der Bürgermeister von New York und andere prominente Männer zu Wort kommen, einige Minuten über die Rolle der Frau im Nationalsozialismus. Gerade die Frauen hätten Hitler zur Macht verholfen und seine Partei gewählt, begeistert von den schneidigen Uniformen der Nazis und vom Schnurrbärtchen-Charme des „Führers“. Aber jetzt müssten sie erleben, wie sie getäuscht worden seien, wie sie in die Familie zurückgedrängt würden. Sachlich stimmt hier wenig: Frauen wählten die NSDAP eher unterdurchschnittlich. Es geht Erika Mann nicht um die historische Wahrheit. Sie versucht, andere für ihren Kampf gegen das „Dritte Reich“ zu gewinnen, anekdotisch, charmant, voller Tatendrang. Der Beifall ist freundlich, die Presse berichtet über die sympathische und mit ihren schlichten Argumenten überzeugende Rednerin. Erika Mann entdeckt im New Yorker Stadion ihr Talent als politische Agitatorin.

Sportwagen und Drogenkonsum

Am Konservatorium in Zürich bereitet sich die neunzehnjährige Elisabeth Mann auf ihr Lehrdiplom am Klavier vor. Im Mai soll sie das Auto der Schwester Erika nach Amsterdam überführen. Sie bleibt einige Tage und wohnt in der Pension, in der auch Fritz Landshoff lebt. Der siebzehn Jahre ältere Verleger, in den sie seit Jahren verliebt ist, ist ihr eigentliches Reiseziel. Später erzählt sie, der Vater habe vor der Abreise versucht, mit ihr ein sexuelles Aufklärungsgespräch zu führen, „dann hat er es aber abgeblasen und hat gesagt: ‚Ach, nichts. Mach’s gut.‘“ Bei den Jüngsten ist es nicht anders als bei den älteren Geschwistern: Die Eltern vertrauen darauf, dass die Kinder das Notwendige selbst herausfinden. Auch ohne väterliche Hinweise ergreift Elisabeth Mann eines Abends die Initiative und gesteht Fritz Landshoff ihre Liebe. Er reagiert taktvoll, sagt ihr aber deutlich, dass daraus nichts werden kann. Er liebt ihre Schwester Erika.

Die Verbindungen der Manns nach Deutschland reißen nach und nach ab: die innere Distanz, die größer wird zwischen Reich und Exil, die ungute Vorstellung der Postkontrolle, welche die Briefe mitliest. Am 1. Mai schickt Golo Mann seinem letzte Briefkontakt in Deutschland, Lise Bauer, ein Schreiben, dem er ein aktuelles Passbild beilegt. Auf der Rückseite hat er etwas geschrieben, das mehr für den Zensor als für die Freundin bestimmt ist: „G.M., geb. 27. III 1909. Typischer Rassenmischling und Untermensch. Wahrscheinlich negroider Einschlag. Sohn des berüchtigten Romanschmierers Th.M.“

Ein Gratulationsbrief von Michael Mann zum 62. des Vaters trifft ein. Er lebe gut in Paris, mit der Musik gehe es voran; „wer weiss, vielleicht werde ich am Ende noch eine Zierde der Familie!“ Zu seinem eigenen 18. Geburtstag haben die Eltern Michael ein Auto versprochen. Er soll sich, wenn er seinen Führerschein gemacht hat, mithilfe eines Freundes in Paris einen vernünftigen gebrauchten Wagen kaufen. Wenig später: Den Führerschein hat Michael noch nicht gemacht, auf die Hilfe des Freundes verzichtet, aber ein gebrauchtes Auto gekauft – einen Sportwagen der Marke Bugatti.

Die neue Wertschätzung durch den Vater

Der Drogenkonsum von Klaus Mann hat in den ersten Exiljahren immer stärker zugenommen, Heroin, Morphium, Eukodal, er nimmt, was er bekommt. Sein Leben schwankt zwischen Rausch und Entzugserscheinungen, die Einstiche an den Oberschenkeln sind chronisch entzündet, er übergibt sich häufig, hat Kreislaufprobleme und Schweißausbrüche. Auf einer Vortragsreise in Budapest bricht er zusammen. Ende Mai lässt er sich in eine Entzugsklinik einweisen. Für kurze Zeit hilft es. Dauerhaft kommt Klaus Mann von den Drogen nicht los; er will von ihnen nicht loskommen.

Thomas Mann hat die Arbeit am „Joseph“-Roman unterbrochen, um eine lang geplante Goethe-Novelle zu schreiben. „Lotte in Weimar“ wächst sich zum Roman aus. Goethe selbst taucht erst im siebten Kapitel auf, zuvor wird über ihn gesprochen, der Leser bekommt ihn aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt. Eine davon ist die des Sohnes August. Die wichtigste Quelle für Thomas Mann ist „Goethes Sohn“ von Wilhelm Bode, die Biographie des Sohnes als „Geschichte einer Nebenperson“, wie es bei Bode heißt. Der Sohn eines Genies: interessantes Thema.

Der Bugatti kostet nun doch „weit mehr, als es erlaubt ist“, schreibt Michael Mann nach Hause. Er brauche allein 700 Francs, um die elektrische Anlage zu reparieren. Der Monteur sei aber von dem Motor ganz begeistert, „ich glaube, es war gar kein so schlechter Kauf“.

Der Neue ist anstrengend, aber reich

Golo Manns Briefe aus dem Sommer 1937 klingen, nach all den düsteren Jahren zuvor, mit einem Mal optimistisch. Die neue Wertschätzung durch den Vater, einige Freunde in Zürich, eine Buchidee (über den Napoleon-Gegner Friedrich von Gentz) – das allein erklärt die gute Laune nicht. Golo Mann ist verliebt. Und wichtiger, er ist glücklich verliebt. Der Schweizer Journalist Manuel Gasser, gebildet, charmant und seine Homosexualität in aller Offenheit auslebend, wird sein erster Freund. Es hält nicht lang, Manuel Gasser ist ein Mann der Abenteuer. Aber es reicht aus, Golo Mann, 28 Jahre alt, von seinen Hemmungen zu befreien. Gasser führt ihn ins schwule Zürich ein und bleibt ein Leben lang ein enger Freund, mit dem – und mit dem allein – Golo Mann sein Liebesleben bespricht, die Sache mit den „Klärchen und Gretchen“, wie sie das nennen.

Thomas Mann im Tonfilm
Der audiovisuelle Urknall unserer Literatur
© F.A.Z., Bundesarchiv, F.A.Z., Bundesarchiv

Im August verkündet Erika Mann als „daughter of...“ vor der Presse in New York, dass sie die amerikanische Staatsbürgerschaft anstrebe. Gemeinsam mit ihrem Freund, dem Arzt und Dichter Martin Gumpert, lebt sie im Hotel Bedford. Sie will Vorträge halten und ein Buch über die Erziehung im Nationalsozialismus schreiben. Ihre Finanzlage ist schwierig, ihr Lebenswandel anspruchsvoll, die Ausgaben hoch. Doch sie bettelt die Mutter nicht um Geld an. „Ein neuer Lover, 62jährig, gab das Geld schließlich her“, schreibt sie dem Bruder Klaus, „jetzt hab ich ihn am Bein, er ist ein Kreuz sowohl als auch ein Ungemach.“ Der Neue, Jim Rosenberg, sei sehr anstrengend, schreibt sie der Mutter, die sie auch in diese Dinge meist einweiht. Aber „verfeinden“ wolle sie sich nicht mit ihm, dafür sei er „zu reich“. Martin Gumpert schaut traurig zu.

Die Legende von der widerständischen Familie

Katia Mann blickt auf die Leben ihrer Kinder, hilft, rät, mischt sich ein. Auch bei Monika hat sie das getan, vergeblich auf bescheidene Ziele und eine praktische Beschäftigung gedrungen. Die Mutter sieht mittlerweile nur eine Chance, das „Problem Moni“ zu lösen: Heirat. Neuerdings hat Monika Mann einen Verehrer, einen Kunsthistoriker aus Ungarn: Jenö Lányi. Doch sie lässt ihn zappeln. Was Katia Mann mehr zu schaffen macht als dem Bewerber: „Dass Moni dem Lány nicht ihr Jawort fürs Leben gibt, ist doch zu ärgerlich!“ Klaus Mann ist der Adressat des mütterlichen Kummers. Stattdessen habe Monika dem Großvater in München zum Geburtstag einen „unerlaubt verstiegenen Brief“ geschickt, worin sie „ihn als ihr schönstes Kindheitserlebnis bezeichnet. Was soll das?“

Michael Mann schreibt aus seiner „Verbannung“ in Paris. Er brauche Geld. Und er habe sich einen Hund gekauft, Billi. „Es ist ein sehr reizendes bräunliches kleines Tier, 5 Monate alt; etwas Dackel-haftes steckt in ihm, aber auch noch allerlei undefinierbares anderes. Er folgt mir schon aufs Wort und macht fast nicht mehr ins Zimmer.“

Klaus Mann ist im Herbst in die USA gereist, er will eines seiner Bücher in Hollywood unterbringen. Mehr Erfolg hat er mit einem Vortrag über die eigene Familie, den er nun überall hält, wo man dafür zahlt, vor jüdischen Gemeinden, Landfrauenclubs oder Collegestudenten. Er handelt vom berühmten Vater, das wollen die Amerikaner hören, aber Klaus Mann berichtet auch von sich und seinen Romanen, vom Kampf gegen die Nazis und der Flucht aus Deutschland, vom Onkel Heinrich, vom jüdischen Großvater und von allen anderen. Die „Blutsmischung“ der Familie hebt er hervor und hält sie dem irren Kult der Nazis um „Rassenreinheit“ entgegen. „Manchmal amüsiert es mich, mir vorzustellen, was für Menschen wir geworden wären, wenn mein Vater anstatt der Frau, die glücklicherweise unsere Mutter ist, eine Hamburger Patrizier-Tochter, eine ‚reine Arierin‘, geheiratet hätte. Um es nur offen zu sagen: Die Vorstellung ist mir keine recht erfreuliche. Ich fürchte, wir wären langweilige, dünnblütige Dinger geworden.“ Der Vortrag erzählt zum ersten Mal die Geschichte von der Familie, die sich Hitler in den Weg stellt, mit all den Flunkereien und Legenden, für die Erika und er ein so großes Talent besitzen; die erstaunliche, eine wenig maßlose, in vielen Details falsche und doch irgendwie auch wahre Geschichte von der „Family against Dictatorship“.

Er zwingt sich zu Optimismus

Michael Mann schreibt der Mutter, nun aus dem Pariser Hôtel de l’Europe. Wegen des Hundes habe er in dem alten Hotel nicht bleiben können. Und jetzt hat Billi eine Viruserkrankung, die Staupe. Recht irritiert ist er über die „strenge, scharfe“ Art, in der ihm die Mutter geschrieben hat. Er wisse gar nicht, was sie ihm eigentlich vorwerfe. Die Sache mit seinen Schulden? Oder dem Sportwagen? „Du bist gereizt gegen mich, – weil Du schwach gegen mich warst, und ich mich, wie Du durchblicken lässt, Deiner Schwäche wohl unwürdig gezeigt habe: nun höre mal: glaubst Du denn, dass mir Deine Schwächen gegen mich im Grunde genommen eigentlich angenehm sind?“ Er wolle sie ja nicht kränken, aber klar sei doch wohl dies: dass „Du sehr weitgehend selbst schuld bist“.

Thomas Mann hat sich zu einer neuen USA-Reise für den kommenden Februar überreden lassen. Er hat eine Vortragstournee ausgemacht zum Thema: Demokratie heute. Eigentlich will er keine „Vorspanndienste“ mehr, keine Politik. Er will zurück zum Eigentlichen, dem Werk. Der Vortrag fällt ihm schwer, besonders unter dem Eindruck der nachgiebigen Haltung der europäischen Demokratien den faschistischen Staaten gegenüber. „Demokratischer Idealismus? Glaube ich daran? Denke ich mich nicht nur hinein wie in eine Rolle?“ Er zwingt sich zu Entschiedenheit und Optimismus. Dem amerikanischen Vortrag gibt er den Titel „Vom kommenden Sieg der Demokratie“.

Ein Jahr der Liebe

Letzter Brief des Jahres aus Paris: Hund Billi ist wieder gesund. Michael Mann braucht allerdings Geld, schreibt er der Mutter, die Tierarztrechnungen, und überhaupt sei ja alles immer so „widerlich“ teuer. Er habe doch seinen Hund retten müssen, „da bin ich halt wieder etwas in Schulden geraten“.

1937: Kein sonderlich spektakuläres Jahr, in den großen Dimensionen betrachtet. Keine politischen Großereignisse, kein neuer Roman, nicht einmal Klaus Mann hat etwas fertig, nur zwei Entziehungskuren überstanden – und bald wieder angefangen mit den Drogen. Ein produktives Jahr für Thomas Mann, der Goethe-Roman kommt voran. Ein eher privates Jahr, ein Jahr der Liebe: Golo Mann hat den ersten Freund, Michael hat Gret Moser, Klaus seinen „Tomski“, Monika verlobt sich mit Jenö Lányi, Erika ist umschwärmt von Männern, die sie heiraten wollen – unglücklich ist nur Elisabeth.

Er hat den Hund getötet

Es ist auch Michael Manns Jahr, sein erstes fern von zu Hause. Im Tagebuch des Vaters taucht von all seinen Pariser Abenteuern nichts auf; nur dass der Geigenlehrer eine neue Bogenhaltung angemahnt hat, notiert sich Thomas Mann. Alles andere hält die Mutter von ihrem Mann fern, wie auch sonst alles, was er nicht unbedingt zu wissen braucht. Sie schafft ihm auch im Exil den Arbeitsfrieden, so gut es geht, kümmert sich allein um die großen und kleinen familiären Katastrophen, resolut, zupackend, dann wieder nachgiebig, mit Witz und Spott, der die mütterliche Sorge oft überdeckt. Dass selbst an dieser Mutter nicht alles spurlos vorübergeht, ist Klaus Mann im Frühjahr aufgefallen: „Armes liebes Mielein sieht furchtbar abgehetzt, müde, überanstrengt aus. Zu viel auf ihr...“

Als brauchte dieses Jahr noch ein Finale: Michael Mann erkrankt im Dezember schwer, eine Hirnhautentzündung, die ihn für Wochen ins Bett zwingt. Gerade erst genesen, geschieht im neuen Jahr Schreckliches, bei einem Weinkrampf am Essenstisch kommt es heraus: Michael Mann hat sich am Vorabend betrunken und dann in den Morgenstunden Billi, seinen Hund, getötet. Keiner weiß, warum. Eine „bedenkliche Geschichte“, die auch den Vater erreicht.

Quelle: F.A.Z.
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