John le Carré

Sprachbrücken zum Festland

Von Gina Thomas
 - 13:41

John le Carré hat britischen Deutschlehrern erklärt, dass sie in den kommenden Monaten und Jahren der bitteren Verhandlungen über den Brexit dazu beitragen würden, das Gleichgewicht in der europäischen Debatte zu wahren. Bei einem Auftritt in der deutschen Botschaft in London anlässlich der Auszeichnung von Deutschlehrern, die sich um ihr Fach besonders verdient gemacht haben, bekannte der Schriftsteller seinen Verdruss über den britischen Austritt aus der EU. Er empfinde diese „katastrophale und irrige Tat“ beinahe als persönliche Beleidigung seiner Intelligenz und der seiner Landsleute.

Ob man nun den Brexit begrüße oder nicht, die Bedeutung der Beziehung des Vereinigten Königreichs zu Deutschland könne jedenfalls kaum übertrieben werden, sagte Le Carré. Wenn jetzt eine Sonderbeziehung irgendwo in der Welt erforderlich sei, dann eine mit Europa und insbesondere mit Deutschland. Le Carré, dessen nächster Roman „Das Vermächtnis der Spione“ im Herbst erscheinen wird, erzählte, wie die Begegnung mit der deutschen Sprache für ihn als Schüler dank seines Deutschlehrers „Liebe auf den ersten Klang“ gewesen sei.

Dieser Lehrer, der seiner Klasse mitten im Zweiten Weltkrieg zu vermitteln suchte, dass das andere Deutschland, das er liebte, eines Tages wiederkommen werde, habe knisternde alte Schallplatten gespielt, auf denen berühmte deutsche Schauspieler Gedichte der deutschen Romantik vortrugen. Sie sind Le Carré, wie er mit mimischem Talent vorführte, mitsamt der einzelnen Knistergeräusche in Erinnerung geblieben. Bei der Schilderung seiner eigenen Zeit als Deutschlehrer am Elite-Internat Eton konnte sich der Autor einen ironischen Hieb gegen das Establishment nicht verkneifen: Er habe dort einigen der besten und hellsten Köpfe Großbritanniens, von denen viele leider später das Land ruiniert hätten, deutsche Sprache und Literatur beigebracht.

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Le Carré bezeichnete die Entscheidung, eine Fremdsprache zu lernen, als einen Akt der Freundschaft, und die Entscheidung, eine Fremdsprache zu lehren, als Akt der Hingabe, der Großzügigkeit und der Vermittlung. Der mittlerweile sechsundachtzig Jahre alte Schriftsteller machte den aus dem ganzen Land angereisten Deutschlehrern die Bedeutung ihrer Arbeit bewusst: In der zu erwartenden Flut antieuropäischer Rhetorik, der die Briten von Seiten ihrer „entsetzlichen rechten Presse“ und frustrierter nach einem Sündenbock – im Zweifel stets die Deutschen – suchender Politiker ausgesetzt sein würden, könnten Lehrer durch die Vermittlung der deutschen Kultur dazu beitragen, dass die Debatte zivilisiert bleibe.

Lehrer sprächen zum wertvollsten Gut des Landes: „seiner aufgeklärten Jugend, die – Brexit oder kein Brexit – Europa als ihre natürliche Heimat, Deutschland als ihren natürlichen Partner und eine gemeinsam benutzte Sprache als natürliche Verbindung sehen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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