Obama bei Netflix

Menschheit, fang an zu blättern

Von Dietmar Dath
 - 15:59

Am 19. September 2019 muss Barack Obama aufgeben. Sein Talkshowformat „Hangin‘ with Barry“, das Gäste und Publikum nicht nur per Titel ankumpelt, hat zu diesem Zeitpunkt eine „nahezu negative Einschaltquote“. Dabei war die Show am 4. Juli desselben Jahres vielversprechend losgegangen, mit reichlich Vorschlusslorbeeren, die der Mann ja gewohnt ist, der den Friedensnobelpreis so früh bekam, dass er seine gesamte Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten damit verbrachte, sich die Auszeichnung nachzuverdienen, von der Ausweitung der Drohnenkriegsführung bis zum skeptischen Blick auf den Folterknast von Guantánamo, den er mehrfach fast schon beinahe eventuell mehr oder weniger hätte schließen lassen können mögen.

Nicht mal der Papst aber konnte Obamas Quasselsendung retten, obwohl der Bischof von Rom in einem Blog immerhin erklärte, der ehemals mächtigste Mann der Welt sei auf dem Bildschirm „ungefähr so cool“ wie der legendäre amerikanische Moderator Dick Cavett. Ob die elf Emmy-Nominierungen „in letzter Minute“ das Ego des Gescheiterten wenigstens ein bisschen aufrichten, ist nicht bekannt – dafür aber alles andere, was Sie hier eben gelesen haben, und zwar schon seit September 2016.

Damals stand die seinerzeit volle drei Jahre in der Zukunft liegende Geschichte von Obamas Showpleite im Branchenblatt der Science-Fiction-Literaturwelt „Locus“, verfasst vom linken Romancier, Essayisten und Satiriker Terry Bisson, der in dieser Zeitschrift eine Kolumne namens „This Month in History“ schreibt, die kommende Ereignisse in vier bis sechs Zeilen vorstellt.

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Das Internet und die Medien melden erst jetzt, in unserem tatsächlichen 2018, dass die Verhandlungen über eine tatsächliche Fernsehshow für Obama begonnen haben. So schließt die Wirklichkeit langsam zu allerlei Prophezeiungen auf, die an entlegener Stelle vor Zeiten gemacht wurden – das politische Schicksal der neuen Bundesländer zum Beispiel ist ziemlich genau so, wie Peter Hacks und André Müller Senior sich das in ihrem Briefwechsel der frühen Neunziger ausgemalt haben. Das „Telektroskop“, von dem Mark Twain 1898 schrieb, ist als World Wide Web wahr geworden. Und John Brunners Roman „Stand on Zanzibar“ aus dem Jahr 1969 erzählt nicht nur von bewaffneten Amokläufen, Supercomputern und etwas, das wie Twitter funktioniert, sondern kennt auch einen beliebten Politiker namens „President Obomi“. Alles, was noch passieren wird, steht längst irgendwo gedruckt, in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, die teils bereits zerfallen. Menschheit, fang an zu blättern.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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