Baustellen-Kommentar

Smart City

Von Regina Mönch
 - 12:03

Nur sechstausend Baustellen soll es derzeit in Berlin geben, jedenfalls offizielle, die von irgendeinem Amt irgendwann mal genehmigt wurden. Es waren schon mal mehr. Nicht enthalten sind in dieser Zahl Häuser, die gebaut, umgebaut oder abgerissen werden, auch nicht vergessener Baumüll, der nur so aussieht, als werde dort gebaut. Nicht nur unverdrossene Autofahrer, die es trotz aller Radkampagnen noch gibt, empfinden das als ein großes Verkehrschaos, das aber ertragen werden muss, weil niemand in dieser Stadt wüsste, wen er fragen könnte, wann es mal vorbei ist, wer hier und dort überhaupt buddelt und warum.

Berliner sind in aller Regel mit stoischem Gleichmut ausgestattet, sonst verlören sie den Verstand. Man wartet mindestens sechs Wochen auf einen Termin in einem sogenannten Bürgeramt, ob für eine Parkvignette, für den abgelaufenen Pass, die Hochzeit oder für das neue Auto. Auch soll es immer noch mehr als 100.000 überzählige Kinder im Schulalter geben, für die es, rein rechnerisch, keinen Platz an irgendeiner Schule gibt. Natürlich kommen sie trotzdem unter, irgendwie, werden halt die Tische zusammengerückt oder ein Container auf den Schulhof gestellt. Immerhin stieg gleichzeitig die Zahl der Arbeitsgruppen rund um dieses existentielle Problem, und die tagen und tagen, steht in der Zeitung, außerordentlich häufig.

Premiere für Baustellen-App

Auch die Digitalisierung werde zügig „vorangetrieben“. Jetzt sogar mit einer Baustellen-App, die seit Tagen für Schlagzeilen sorgt, obwohl sie schwer zu finden ist und deren Sinn und Zweck trotz jeder Menge Interviews mit ihren Erfindern von wunderbarer Unschärfe bleibt – alles einmalig in Deutschland. Nur Naive glaubten, damit solle das Chaos auf den Straßen der Metropole in eine Ordnung überführt werden. Zumal die App, das wurde nicht verheimlicht, im Auftrag des Berliner Senats entstanden ist und die städtische „Verkehrslenkung“ immer noch keinen Chef hat.

Nein, mit dieser App ist Berlin wieder ein wenig smarter geworden – was „arm, aber sexy“ zumindest verwaltungstechnisch den Rang abgelaufen hat. Es gehe vielmehr um „Teilhabe“, war im Radio zu hören, und um Aufklärung. Der interessierte Bürger, zum Beispiel, dem aufgefallen ist, dass seit Tagen oder Wochen kein Arbeiter auf der Baustelle zu sehen war, zückt jetzt sein Smartphone, aktiviert die Kamera, hält diese an eine der rot-weiß gestreiften Baustellenbaken und erfährt, wer hier was wie lange baut und warum. Und dann? Dann kann er das Unternehmen, heißt es, kontaktieren, digital.

Ob das beruhigt, wird sich zeigen. Aber es entspreche „unserer Zeit“, informiert zu sein, sagen die Entwickler. Der Stau, unser treuer Begleiter, bleibt davon unberührt. Auch ist schon davor gewarnt worden, einfach mal so, zwischen zwei Straßenbaustellen, aus dem dahinschleichenden Auto heraus mit dem Handy eine rot-weiße Bake zu scannen und dann womöglich gleich noch zu telefonieren. Das kann den Führerschein kosten. Also anhalten und bei den Stauteilnehmern um Verständnis werben. Einmalig in Deutschland.

Quelle: F.A.Z.
Regina Mönch
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
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